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27. Juni 2017, 13:40 Uhr

Bürokratie-Posse

Das Sterben der Luftkurorte

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318 Gemeinden in Deutschland haben sich das Prädikat Luftkurort erarbeitet. In ihnen ist die Luft nicht besser als in vielen anderen Städten, dafür haben sie ein Ortsbild nach Vorschrift. Ein Glücksfall für Liebhaber deutscher Bürokratie.

Dirigismus gibt dem Deutschen die Gewissheit, das Richtige zu tun: Spaß hat man im Karneval, der rote Ampelmann regelt die Fortbewegung und Erholung erlebt man im Kurort - beim Urlaub wird es besonders ernst.

Der Deutsche hat eine ganze Reihe von Beglaubigungen erfunden, die ihm beweisen, dass er sich an einem Ort tatsächlich erholt: Gemeinden, die sich die Auszeichnungen erwerben, können auf Touristen hoffen.

Heilbad, Seeheilbad, Seebad, Kneipp-Heilbad, Kneipp-Kurort oder Heilklimatischer Kurort - die Prädikate müssen zwar teuer erkauft werden, sie garantieren aber, dass gewisse Kureinrichtungen zur Verfügung stehen.

Am niedrigsten in der Rangliste rangiert der Luftkurort. Dort dürfen zwar keine rechtlich anerkannten Kuren durchgeführt werden, dennoch müssen Luftkurort-Kandidaten einen strengen, langwierigen Bewerbungsprozess durchlaufen. Ein Glücksfall für Bürokratie-Liebhaber.

Was ist ein Luftkurort?

Luftkurorte sind Orte nach Vorschrift. Gemäß der Deutschen Heilbäderverordnung sollen sie "ihre gute Luftqualität in verstärktem Ausmaß Kurgästen zur Verfügung stellen." Die Orte "richten sich dazu mit ihrer Infrastruktur an dem gesundheitsorientierten Gast aus".

Haben Luftkurorte die beste Luft?

Nein, die Luft in Luftkurorten ist nicht besser als an vielen anderen Orten, die kein Luftkurort sind. Zwar muss die Luft sauber sein. Doch in Anbetracht der vielen anderen Anforderungen, die ein Luftkurort erfüllen muss, wird die Luftqualität zur Nebensache.

Was müssen Luftkurorte bieten?

Neben guter Luft müssen die Kureinrichtungen der Orte leicht und barrierefrei erreichbar sein, es darf keinen Durchgangsverkehr geben, dafür "parkähnliche Ruhesphären" in einem "gepflegten Ortsbild" mit "aufgelockerter Bebauung".

Neben Sportanlagen, Liegewiesen und Spielplätzen sollen "Räume zur Mediennutzung mit Internetzugang, eine zertifizierte Touristeninformation, kurunterstützende Speisenangebote mit Diätberatung, Hotels mit mehr als hundert Betten" vorhanden sein - und vieles andere.

Überzeugt die Gutachter nicht der gesamte Ort, können auch Teile davon Luftkurort werden, wie etwa Schobüll, ein Teil der Nordseestadt Husum.

Wo liegen die Luftkurorte in Deutschland?

Es gibt keine offizielle bundesweite Liste über Luftkurorte. SPIEGEL ONLINE musste alle Bundesländer einzeln anfragen, um die hier gezeigte Karte zu erstellen.

Wie wird man Luftkurort?

Gemeinden beantragen die Genehmigung bei Behörden in ihrem jeweiligen Bundesland, dort entscheiden bis zu vier Ministerien gemeinsam über die Anerkennung.

Gefordert werden unter anderem Gutachten medizinischer, hygienischer, verkehrskundlicher, bäderkundlicher, klimatologischer, bioklimatologischer und hydrologischer Art, sie kosten gewöhnlich gut 10.000 Euro. Besonders der Deutsche Wetterdienst profitiert, er benötigt für seine Prüfung meist ungefähr ein Jahr.

Teurer als die Zertifikate kommen die Gemeinden die erforderlichen Investitionen in Kurhäuser, Bäder, Fußgängerzonen, Beleuchtungen, Parks und andere Luftkurortausstattungen. Oft wären Ausgaben von vielen Millionen Euro notwendig, um vorgeschriebene Gebäude und Wege zu bauen oder sie renovieren zu lassen.

Die Behörden schicken Gutachter zur Ortsbegehung: Zur Delegation gehören Vertreter des Städte- und Gemeindebundes, des Regierungsbezirks und des Heilbäderverbands. Am Ende gibt es einen Anerkennungsbescheid samt Urkunde.

Wollen viele Orte Luftkurort werden?

In den vergangenen Jahren gingen kaum noch Anträge bei den Behörden ein. Derzeit liegt nur in Sachsen ein Gesuch vor: Die Stadt Altenberg möchte einen Stadtteil als Luftkurort anerkennen lassen.

Trotz der Bewerbungsflaute melden Luftkurortsachverständige Konjunktur, denn alle zehn Jahre müssen bestehende Luftkurorte nachweisen, dass sie die Anforderungen noch erfüllen.

Kann man den Titel verlieren?

Deutschland erlebt ein Luftkurortsterben. Fast alle Bundesländer berichten, dass Orte ihre Lizenz nicht verlängert haben. Allein in Hessen wurden in den vergangenen 16 Jahren 32 Prädikate aberkannt. Vielen Orten ist das Bestätigungsverfahren zu teuer oder zu kompliziert, oder die Anforderungen erwiesen sich als zu aufwendig.

Manchen Orten wie Bad Fallingbostel in Niedersachsen wurden die Prädikate Luftkurort und Kneipp-Heilbad aberkannt, weil die Stadt die Bedingungen nicht mehr erfüllen wollte. Dennoch darf Fallingbostel sich weiterhin als Bad bezeichnen, denn der Name genießt nach 20 Jahren Bestandschutz.

Für Emmerich-Elten in Nordrhein-Westfalen lief es weniger glücklich: Es verlor sein Prädikat als Luftkurort, weil die Zahl der Hotelbetten zu klein geworden war - ein Bad im Stadtnamen blieb jedoch nicht übrig.

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