RWE-Manager Vahrenholt gegen Klimaforscherin "Distanzieren Sie sich von den Scharfmachern!"

Außergewöhnliches Duell bei der CDU in Hamburg: Eine renommierte Klimatologin stellt sich der Debatte mit dem Forscherkritiker und RWE-Aufsichtsrat Fritz Vahrenholt. Der Streit offenbart einen neuen Umgang mit Klimaprognosen.
Fritz Vahrenholt: "Warum ist niemand eingeschritten?"

Fritz Vahrenholt: "Warum ist niemand eingeschritten?"

Foto: Steffen Kugler/ picture-alliance/ dpa

Hamburg - Das traut sich kaum ein Wissenschaftler. Sie sei gewarnt worden, sagt Daniela Jacob, eine angesehene Klimamforscherin. Kollegen hätten ihr abgeraten, sich öffentlich mit dem Klimawandel-Skeptiker Fritz Vahrenholt zu duellieren. Zu groß sei das Risiko, gegen den ausgebufften SPD-Politprofi, Chemieprofessor und Vorsitzenden des Aufsichtsrats der RWE Innogy unterzugehen.

Kann man ein Laienpublikum mit komplizierten Fakten überzeugen? Kann man deutlich machen, dass die Behauptung Vahrenholts, der Klimawandel sei kein Problem, wissenschaftlich kaum haltbar ist?

Etwa hundert Zuschauer wurden am Mittwochabend im Hamburger Scandic-Hotel Zeugen des ungewöhnlichen Zweikampfs, zu dem die CDU eingeladen hatte. Nachdem Vahrenholt und Jacob ihre Vorträge gehalten und heftige Dispute ausgefochten haben, scheint sich das Duell zu entscheiden: "Wenn die Klimamodelle nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmen", donnert Vahrenholt, "dann ist nicht die Wirklichkeit falsch!" Erstmals scheppert Applaus durch den kleinen Seminarraum, seine Polemik bringt einen Punktgewinn. "Sie gefallen mir, Herr Vahrenholt", ruft eine Dame.

Wunde der Klimaforschung

Mit dieser Aussage bohrt Vahrenholt in einer Wunde der Klimaforschung: Seit 15 Jahren stagniert die globale Durchschnittstemperatur, die Computermodelle hatten die Erwärmungspause nicht auf der Rechnung. Die Modelle könnten den überraschenden Temperaturverlauf nicht nachvollziehen, berichten Klimatologen um Hans von Storch vom Helmholtz-Zentrum GKSS in einer neuen Studie . Die Wahrscheinlichkeit, dass die Simulationen in dieser Hinsicht fehlerhaft seien, liege höher als 98 Prozent. Die Klimakatastrophe sei widerlegt, meint Vahrenholt, der aus seiner kühnen These einen Bestseller gemacht hat.

Erklärungen für die überraschende Entwicklung hält er für unglaubwürdig. Vermutlich hätten die Ozeane einen Großteil der Wärme geschluckt, meinen hingegen Klimaforscher auch auf Grundlage neuer Indizien , freilich ohne es robust beweisen zu können. Bald würde sich auch die Luft wieder aufheizen. Das Klima schwanke nun mal, erläutert Daniela Jacob. Sie versucht es mit einem publikumswirksamen Vergleich: "Das kennen Sie schon aus der Bibel: Sieben guten folgen sieben schlechte Jahre." Aber Zuschauer wollen wissen: Muss es zur Katastrophe kommen, werden die Temperaturen wirklich noch erheblich steigen?

Vahrenholt meint, die Wirkung der Treibhausgase würde überschätzt, die weitere Erwärmung milde ausfallen. Unterstützung von Forschern erhält er allerdings kaum: Die Wissenschaft sieht keinen Grund für eine Entwarnung, vielmehr erhebliche Risiken aufgrund des Klimawandels. "Wir müssen jedoch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit verbessern", räumt Jacob ein. Ein Fehler sei gewesen, bei Prognosen konkrete Zahlen anzugeben.

"Wie in einer Ehe"

"Wenn Sie mich fragen, wie oft es in 40 Jahren Extremregen in Blankenese gibt, kann ich nur sagen: Ich weiß es nicht." Ihre Computermodelle lieferten lediglich Spannbreiten. Jacob wendet sich ans Publikum: "In der Wirtschaft oder in einer Ehe geht es Ihnen doch nicht besser." Auch in diesen Lebensbereichen gründeten Prognosen auf erheblichen Unsicherheiten.

"Die Wissenschaft", räumt die Klimaforscherin ein, sei kritischer geworden gegenüber der Darstellung ihrer Ergebnisse. Mancher Forscher habe in den vergangenen Jahren "Panik geschürt". "Ich halte nichts davon", sagt sie. "Wir alle haben hinzugelernt." Das Climate Service Center, an dem Jacob arbeitet, liefere mittlerweile ausschließlich Prognoseszenarien mit Unsicherheitsangaben.

Das Bekenntnis provoziert Vahrenholt. "Warum ist denn, als Panik geritten wurde, kein gemäßigter Klimaforscher eingeschritten?", fragt er lautstark. "Sie müssen sich doch auch mal öffentlich von den Scharfmachern vom Potsdam-Institut distanzieren, Frau Jacob!" Applaus im Publikum.

Der Manager gerät in Fahrt. Die Klimaprognosen hätten politische Konsequenzen, da dürfe man nicht schweigen: "Die katastrophalen Zuspitzungen mancher Forscher drohen, den Standort Deutschland zu zerstören", ruft Vahrenholt. "1000 Milliarden Euro für die Energiewende, wer soll das bezahlen?" Antwort der Klimaforscherin: "Ich äußere mich als Wissenschaftlerin nur zu meinem Fachgebiet und nicht politisch."