Chemikalien gegen Ölkatastrophe Operation Verschleiern und Verschieben

Schöner Schein dank Chemie: Im Kampf gegen die Ölpest im Golf von Mexiko kommen im großen Stil Dispergatoren zum Einsatz - die im Ernstfall wenig erprobten Flüssigkeiten drücken die Schwaden unter den Meeresspiegel. Das Experiment könnte die Risiken weit in den offenen Atlantik hinaustragen.
Absacker fürs Öl: Flugzeug beim Versprühen von Spezialchemie (Anfang Mai vor der Küste von Louisiana)

Absacker fürs Öl: Flugzeug beim Versprühen von Spezialchemie (Anfang Mai vor der Küste von Louisiana)

Foto: HO/ Reuters

Die schmutzige Realität lauert in der Tiefe. Einen Monat nach dem Untergang der Bohrplattform "Deepwater Horizon" ist der Großteil des bisher ausgetretenen Öls unter Wasser geblieben. Bis zu 16 Kilometer lang, sechs Kilometer breit und hundert Meter hoch sind die finsteren Wolken - Wissenschaftler wie Samantha Joye von der University of Georgia haben sie jetzt vermessen. Von Bord des Forschungsschiffes "Pelican", unterwegs im Auftrag der US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA, konnten sie die riesigen Ölschwaden unter der Oberfläche des Golfs von Mexiko nachweisen.

"Es gibt eine schockierende Menge Öl im tieferen Wasser", sagte Joye der "New York Times". Drei, vier, stellenweise sogar fünf Schichten von Ölverbindungen haben die Forscher zwischen Wasseroberfläche und Meeresgrund gefunden.

Im Kampf gegen die Ölpest - und gegen verheerende TV-Bilder von verschmutzten Wildvögeln - setzen der Ölkonzern BP und Helfer in bisher nicht erprobtem Ausmaß auf Chemie, auf sogenannte Dispergatoren. Diese Chemikalien lösen das Öl nicht auf, sie verwandeln es nur in eine Menge kleinerer Tröpfchen, die dann vom Wasser umschlossen werden. Ein Prinzip, das man zu Hause beim Abwaschen mit Spülmittel kennt. Die sichtbare Bilanz der Ölkatastrophe ist deshalb vergleichsweise harmlos.

Aber werden die Probleme nicht nur versteckt und verlagert?

Es seien "irre Mengen" der Chemikalien eingesetzt worden, sagt der deutsche Forscher Gunnar Gerdts vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. BP habe im Golf einen "Großversuch" gestartet. "Man verhindert dadurch, dass ein Teil des Öls an Land geht. Das ist da, wo die größte Konzentration an Journalisten wartet."

Der Preis für den undramatischen Schein ist hoch - und birgt mindestens zwei entscheidende Probleme. Die Chemikalien sorgen erstens dafür, dass ölfressende Bakterien unter Wasser eine größere Angriffsfläche haben. Das klingt zwar gut, raubt aber anderen Meereslebewesen den Sauerstoff zum Überleben. Die Crew an Bord des NOAA-Forschungsschiffs registrierte stellenweise bereits um 30 Prozent niedrigere Sauerstoffwerte. Vor allem für Fischeier und Plankton ist das höchst problematisch. Näher an der Küste können auch Kaltwasserkorallen irreparabel geschädigt werden.

"Probleme auf größere Bereiche der Wassersäule verteilt"

Und zweitens machen es die Chemikalien möglich, dass giftige Bestandteile des Öls weiter als nötig verbreitet werden. "Sie haben die Probleme auf größere Bereiche der Wassersäule verteilt", sagt Forscher Gerdts. "Dadurch gibt es eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit, dass Organismen in Kontakt damit geraten." Andere Forscher sehen den Einsatz der Dispergatoren hingegen weniger kritisch. "Die Konsequenzen waren allen vorher bewusst", sagt etwa der Geochemiker Lorenz Schwark von der Universität Kiel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Chemikalieneinsatz auf See sei "das kleinere Übel" gewesen, um das Öl nicht an die Meeresoberfläche kommen zu lassen. So seien Gefahren für die Küsten vermieden worden.

Bisher sind 1,8 Millionen Liter der Spezialflüssigkeit Corexit im Golf von Mexiko eingesetzt worden. Sie wurden vor allem von Flugzeugen auf der Wasseroberfläche ausgekippt. Die NOAA bietet inzwischen sogar spezielle Kurse für Flugzeugcrews an, um geeignete Abwurfgebiete aus der Luft zu identifizieren.

Ölschwaden bald im offenen Atlantik?

Seit neuestem wird das Mittel aber auch wieder direkt am sprudelnden Bohrloch eingesetzt, nachdem die US-Umweltbehörde Epa nach tagelanger Prüfung ihre Zustimmung gegeben hatte. Der Chemikalieneinsatz sei aus Umweltschutzgründen nicht perfekt, erklärte Epa-Chefin Lisa Jackson. Er sei aber im Endeffekt weniger gefährlich für die Natur als das Öl.

"Man sollte die Dispergatoren einsetzen, wo sie am weitesten von ökologisch wichtigen Gebieten entfernt sind", verteidigt Wissenschaftler Schwark die kaum erforschte Nutzung der Mittel in der Tiefsee, rund anderthalb Kilometer unter der Wasseroberfläche. Sein Kollege Gerdts sieht das jedoch kritisch. Es sei "problematisch, dort unten Dispergator reinzusprühen". Am Boden des Golfs von Mexiko seien die Temperaturen so niedrig, dass nur wenig Öl von Mikroben abgebaut werde.

In jedem Fall sorgen die Substanzen dafür, dass sich das Öl weit in der Wassersäule verteilt und nicht an die Strände schwappt. Hässliche Bilder ölverschmutzter Tiere und Strände bleiben den Fernsehzuschauern somit vorerst erspart. Was die Bewohner der betroffenen Küstenregionen freut, könnte für viele andere zum Problem werden. Einige der schwarzen Unterwasserschwaden haben möglicherweise schon eine unterseeische Strömung, den sogenannten Loop Current, erreicht.

Dieser Teil des Golfstroms würde die Ölwolken hinaus in Richtung des offenen Atlantiks tragen, vorbei an den Florida Keys und der US-Ostküste. Computersimulationen an der University of South Florida konnten nicht eindeutig klären, ob der Transportmechanismus schon angelaufen ist - oder ob das unmittelbar bevorstehen könnte. Die Forscher wollen nun wieder ein Forschungsschiff in See stechen lassen, um die entscheidenden Beweise zu finden.

Mit Material der Agenturen dpa und AP

Mehr lesen über

Verwandte Artikel

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.