Chemische Kriegsführung Wespen hetzen Ameisen aufeinander

Um in Ameisennester einzubrechen, bedient sich eine Wespenart ungewöhnlicher Mittel: Ihre Sekrete säen Zwietracht und stürzen den Insektenstaat in einen Bürgerkrieg.


Ein offener Angriff auf ein Ameisennest ist für andere Insekten kaum ratsam: Zu erdrückend ist die Übermacht der Verteidiger. Doch die vom Aussterben bedrohte Schlupfwespe Ichneumon eumerus knackt das soziale Bollwerk auf raffinierte Weise. Ihre Ausscheidungen sähen unter den Bewachern Zwietracht, berichtet ein britisch-japanisches Forscherteam im Fachmagazin "Nature".

Schlupfwespe im Ameisennest: Unruhe stiftender Cocktail
J. A. Thomas, Winfrith Technology Centre

Schlupfwespe im Ameisennest: Unruhe stiftender Cocktail

Das chemische Ablenkungsmanöver gehört zu einem erbitterten Überlebenskampf, an dem die Ameisen eigentlich nur als Nebendarsteller beteiligt sind. Denn die parasitäre Wespe hat es nicht auf die Nestbewohner abgesehen, sondern auf im Bau versteckte Schmetterlingslarven, in die sie ihre Eier legt. Im Wirtskörper reift die Wespenbrut heran, um nach elf Monaten zu schlüpfen.

Das Opfer der Wespe ist der Kreuzenzian-Ameisenbläuling, ein Schmetterling, der ebenfalls vom Aussterben bedroht ist. Der Falter versucht seinen Nachwuchs vor den tödlichen Angriffen zu schützen, indem er ihn in Kolonien der Zahnfühler-Knotenameise schmuggelt. Die Arbeiterinnen lassen sich täuschen: Sie beschützen die fremden Larven, als wären es die eigenen.

Gegen die chemischen Tricks der Schlupfwespe können allerdings auch diese Bodyguards nichts ausrichten. Das vom Eindringling abgegebene Sekret, so schreiben die Forscher um Jeremy Thomas vom Centre for Ecology and Hydrology im britischen Dorchester, bringt die Ameisen dazu, ihre eigenen Artgenossen zu attackieren. Während der Schwesterkampf tobt, kann die Wespe ihre Eier weitgehend ungestört in die Schmetterlingslarven legen.

Wie die Analyse der Wissenschaftler ergab, besteht der Unruhe stiftende Cocktail aus Alkohol- und Aldehydverbindungen, von denen vier bislang noch nicht in biologischen Zusammenhängen nachgewiesen worden waren. Die durchschlagende Wirkung bewiesen die Forscher, indem sie die einzelnen Zutaten synthetisierten und an Ameisenpopulationen erprobten.

Die Substanzen beeinflussten die Arbeiterinnen auf ganz unterschiedliche Weise. Ein Bestandteil brachte sie dazu, den mutmaßlichen Einbrecher zu inspizieren. Ein anderer verstärkte ihre Aggressionen, ein weiterer schließlich wirkte stark abstoßend. Das Zusammenspiel aller Chemikalien führte dazu, dass die aufgebrachten Insekten sich vor allem an ihresgleichen abreagierten.

Die Effektivität der Chemiekeule ist verblüffend: Sie hindert bis zu 80 Prozent des Ameisenvolkes daran, sich mit der Nestverteidigung zu befassen. Die starke und anhaltende Wirkung könnte sich auch die Landwirtschaft zu Nutze machen, glauben die Forscher. Sie schlagen vor, die Ingredienzien des Wespensekrets als natürliches Pflanzenschutzmittel gegen Ameisen einzusetzen.



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