Chiemgau-Theorie Steinzeit-Werkzeug soll Kometen-Einschlag beweisen

Hat ein Meteorit vor rund 2500 Jahren in Bayern ein riesiges Kraterfeld hinterlassen? Die hitzig geführte Debatte um den Chiemgau-Einschlag bekommt jetzt neue Nahrung: Forscher wollen menschliche Spuren gefunden haben - mitten in der Trümmerschicht des kosmischen Geschosses.

Das Verderben kam vor rund 2500 Jahren über Bayern: Ein Komet rauschte auf die Erde zu und zerbrach in mindestens 70 Kilometern Höhe. In dem dreckigen Eisbrocken gefangenes Methan und Ammoniak verdampfte, das Gestein aus dem Kometenkern ging wie ein gewaltiger Schrotschuss auf ein Gebiet von 27 mal 58 Kilometern Größe nieder. Zwischen dem heutigen Burghausen und dem Chiemsee standen Wälder in Flammen oder waren von der Druckwelle niedergewalzt, im Boden klafften zahlreiche Krater, die Siedlungen der damals in der Region lebenden Kelten waren hinweggefegt.

So zumindest ist es nach Meinung des "Chiemgau Impact Research Teams" (CIRT) geschehen. Der Verein aus Hobbyforschern mit dem Würzburger Geologie-Professor Kord Ernstson als wissenschaftlichem Aushängeschild versucht seit Jahren, die Theorie von der kosmischen Katastrophe zu beweisen. Unter anderem soll der Tüttensee kein sogenanntes Toteisloch aus der letzten Eiszeit sein, wie die Gegner der Meteoriten-These glauben, sondern ein Einschlagskrater.

Jetzt melden die CIRT-Forscher einen Fund, der sie ans ersehnte Ziel bringen soll: Bei Ausgrabungen an einem der mutmaßlichen Einschlagskrater kam ein zunächst unscheinbarer Stein ans Tageslicht. Bei näherer Untersuchung stellte sich heraus, dass der Brocken von Menschen bearbeitet worden war: Er weist unter anderem eine mehrere Zentimeter tiefe, kreisrunde Hohlbohrung auf.

Experte: Stein wurde in der Steinzeit angebohrt

Ein Experte des Rheinischen Amts für Bodendenkmalpflege hat das Objekt auf das Ende der Steinzeit vor etwa 4000 bis 5000 Jahren datiert, möglicherweise stamme es auch aus der Bronzezeit. Wichtiger als der archäologische Wert des Artefakts sei jedoch der Fundort, wie Ernstson betont. Der Stein habe in nur einem Meter Tiefe in einer sogenannten Brekzie gesteckt - einem Klumpen, der entsteht, wenn kantige Gesteinstrümmer unter hohem Druck verdichtet werden.

Die CIRT-Forscher halten diese Brekzien, die überall um den Tüttensee gefunden wurden, für eindeutige Spuren eines Meteoriteneinschlags. Die Entdeckung eines Werkzeugs aus der Steinzeit - also Jahrtausende nach dem Ende der letzten Eiszeit vor 11.000 Jahren - in dieser Trümmerschicht spreche eine klare Sprache. "Das heißt, dass die Schicht nach der Herstellung dieses Objekts entstanden sein muss", meint Ernstson. Er und sein Team werten das als Todesstoß für die These ihre Gegner, dass der Tüttensee und andere Krater-Kandidaten durch irdische Vorgänge entstanden sein könnten.

"Mit diesem Fragment können wir alle Spekulationen über irgendwelche Eiszeit-Prozesse ad acta legen", sagte Ernstson im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Außer einem Meteoriteneinschlag sei kein anderer geologischer Prozess bekannt, der lange nach der letzten Eiszeit eine solche Erdschicht im Chiemgau hätte entstehen lassen können: "Das muss etwas Katastrophales mit hoher Energie gewesen sein."

Streit um Einschlags-Indizien

Der Stein - CIRT-Mitglieder vermuten, es handele sich um einen Beilrohling - soll nun das letzte Beweisstück in einer ganzen Kette weiterer Indizien sein. So hat ein Team um den Geoforscher Wolfgang Rösler, der inzwischen an der Uni Mainz arbeitet, eines der Löcher im Chiemgau näher untersucht. Die Forscher stellten fest, dass die Wände einer elf Meter durchmessenden Vertiefung Temperaturen von vermutlich 1500 Grad Celsius ausgesetzt waren. "Die Struktur kann nicht durch glaziale Geologie, Archäologie, Bombardements oder frühe Industrieprozesse entstanden sein", lautete die Schlussfolgerung der Wissenschaftler auf einer Fachtagung im Jahr 2005 . Eine Entstehung des Lochs im Zusammenhang mit einem Einschlag "sollte in Betracht gezogen werden".

Forscher der Universität München kamen zu einem ähnlichen Ergebnis: "Die Gegend um Burghausen könnte ein großes Einschlagskrater-Streufeld enthalten", schrieben Karl Thomas Fehr und seine Kollegen ebenfalls in "Meteoritics & Planetary Science" . Allerdings handele es sich dabei nur um einen Verdacht, der durch weitere Untersuchungen bestätigt werden müsse - insbesondere durch Funde von Meteoriten-Resten.

Darin aber liegt das Hauptproblem: Trotz zahlreicher Schürfungen in vielen Krater-Kandidaten wollte kein noch so kleines Bröckchen eines Kometen auftauchen. "Es gibt nach wie vor definitiv nichts Konkretes, was auf einen Einschlag hinweist", sagt Uwe Reimold von der Berliner Humboldt-Universität zu SPIEGEL ONLINE. Im November 2006 hatte Reimold im Namen von mehr als 20 internationalen Wissenschaftlern eine Erklärung  veröffentlicht, in der die Theorie vom Chiemgau-Kometen in scharfer Form zurückgewiesen wurde.

Krieg der Worte zwischen Berlin und Bayern: Anhänger und Gegner der Einschlagstheorie benutzen die Medien und die Wikipedia für ihre Zwecke - und erweisen der Wissenschaft einen Bärendienst

Die Löcher in der bayrischen Erde rührten wahrscheinlich von der letzten Eiszeit her, hieß es dort. Zwar betonen die CIRT-Forscher, in der Trümmerbrekzie und in vielen mutmaßlichen Kratern befänden sich zahlreiche Anzeichen eines Einschlags - etwa unter hohen Temperaturen verglaste Gesteine, Partikel exotischer Metalle und Anzeichen für Schockeffekte. Reimold aber glaubt, dass all dies auch andere Ursachen als einen Meteoriteneinschlag haben könnte. Zudem sei die Größe des Streufelds von 27 mal 58 Kilometern viel zu groß, um mit Beobachtungen oder Computersimulationen vereinbar zu sein.

Es habe auch niemand behauptet, dass die Erdschicht, die den angebohrten Stein enthielt, mit Sicherheit aus der Eiszeit stamme: "Wir wissen gar nicht, was diese Lage überhaupt ist." Sie könne durchaus auch lange nach der Eiszeit durch natürliche Prozesse entstanden sein - womit der Fund eines Werkzeugs nichts Besonderes mehr wäre.

Heftiger Schlagabtausch zwischen Bayern und Berlin

Zwischen den Berliner Forschern und dem süddeutschen CIRT-Team tobt inzwischen ein veritabler Verbalkrieg. Jede Seite wirft der anderen unseriöses und beleidigendes Verhalten vor und veröffentlicht ihre Ansicht abseits der Fachliteratur in Pressemitteilungen und auf Internetseiten.

Zwar räumt Reimold ein, die Fundstücke aus dem Chiemgau nie selbst begutachtet zu haben. "Aber müssen wir den Beweis für die Hypothese einer anderen Gruppe erbringen?" Es gebe eine ganze Reihe unabhängiger Experten, denen das Material vorgelegt werden könnte. Das aber sei bisher nicht geschehen, und die CIRT-Forscher hätten auch noch keinen von externen Gutachtern geprüften Artikel in einer wissenschaftlichen Zeitschrift veröffentlicht - was die Voraussetzung für die Akzeptanz in der Fachwelt wäre.

"CIRT muss den Beleg bringen", sagt Reimold. "Warum sollen wir die schmutzige Arbeit für diese Leute tun?" Bisher sei die Diskussion nur außerhalb wissenschaftlicher Medien geführt worden. "Wir sind das satt", sagt Reimold.

Fragwürdiger Wikipedia-Artikel

Der Vorwurf an das CIRT, nicht eben wissenschaftlich-vorsichtig vorzugehen, ist nicht ganz ohne Grundlage. So bezeichnet Kord Ernstsons Sohn Till, ebenfalls ein CIRT-Mitglied, den angebohrten Stein in einem Online-Artikel als möglichen "Rohling für eine Prunkaxt" . Ein weiteres Mitglied des Forscherclubs hat den Fund des "Prunkbeils" prompt in den Wikipedia-Artikel über den Chiemgau-Impakt  eingefügt. Während zu Anfang des Artikels noch von einem "umstrittenen Ereignis" die Rede ist, klingt das in dem neuen Abschnitt über den angebohrten Stein schon anders. Es sei nunmehr "belegt", dass im Bereich des Tüttensees "ein ungemein zerstörerisches geologisches Ereignis stattgefunden haben muss", heißt es dort. Als Erklärung "kommt nur der Impakt mit der Formung des Tüttensee-Kraters in Frage". Wissenschaftliche Zurückhaltung sieht anders aus.

In dem neuen Abschnitt des Wikipedia-Artikels wird die Prunkbeil-Deutung auch direkt mit der Datierung durch das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege in Verbindung gebracht. Jürgen Weiner - der Experte des Amts, der die Datierung vorgenommen hat - reagierte wenig erfreut, als er durch SPIEGEL ONLINE von der Verwertung seiner Stellungnahme erfuhr. Ihm seien lediglich Fotos von dem Stein gezeigt worden. Die darauf zu erkennende Bohrung sei in der Tat "völlig eindeutig" erst seit der Jungsteinzeit bekannt. "Das mit dem Prunkbeil ist aber völliger Unsinn", meint Weiner. Bei der Interpretation solcher Funde sei "extreme Vorsicht" geboten. "Ein Beil hat immer eine Schneide. Aber die habe ich an dem Stein nirgendwo entdeckt." ( Update: Der Wikipedia-Eintrag wurde noch am Tag des Erscheinens dieses Artikels entschärft und seitdem mehrfach verändert. Originalversion siehe oben.)

Steile Thesen in TV-Dokumentationen

Der Berliner Mineraloge Reimold erklärte sich unterdessen im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE bereit, Fundstücke des CIRT-Teams zu begutachten. "Aber ich könnte mir vorstellen, dass die CIRT-Leute uns als befangen ansehen würden."

Damit dürfte er richtig liegen. Ernstson wirft den Berliner Wissenschaftlern unter anderem vor, Publikationen, die für einen Einschlag sprächen, bewusst verzerrt wiederzugeben. Auch hätten die Berliner ihm und seinem Team Behauptungen in die Schuhe geschoben, die aus reißerischen Medienberichten wie etwa einer "Terra X"-Sendung des ZDF stammten. Darunter habe sich die steile These befunden, der Meteoriten-Einschlag habe den Kelten zur Entdeckung der Stahlverhüttung verholfen. Keine Geringeren als die Römer hätten anschließend mit Hilfe der superben Klingen ihr Imperium aufgebaut.

Tatsächlich geben Reimold und seine Kollegen dem CIRT-Team "eine gewisse Mitverantwortung für die Richtigkeit und die objektive Darstellung der Fakten" in den Medien. Letztere seien sogar "missbraucht" worden, um die Chiemgau-Meteoriten-Theorie einseitig darzustellen. Solche Vorwürfe wiederum belegen weniger ein Fehlverhalten des CIRT-Teams als vielmehr eine gewisse Naivität der Berliner, was die Arbeitsweise mancher Medien angeht.

"Wir werden gar nichts nach Berlin schicken. Diese Leute haben mich in meiner Forscherehre beleidigt", schimpft Ernstson. "Ich sehe keine Basis für eine wissenschaftlich ehrliche Diskussion, solange wir aus Berlin in dieser herabwürdigenden Art diffamiert werden." Stattdessen plant Ernstson eine Veröffentlichung auf dem Olymp der Wissenschaftspresse: in den Fachblättern "Nature" oder "Science". "Wir planen, dort im Herbst einen Artikel einzureichen."

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