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08. Dezember 2011, 18:15 Uhr

Chile

Gletscher schmilzt mit Rekordgeschwindigkeit

Zeitrafferaufnahmen chilenischer Forscher haben eine dramatische Entwicklung offenbart: Der Jorge-Montt-Gletscher schrumpft rapide, ein ganzer Kilometer war es im letzten Jahr. Das Rekordtempo schreiben die Wissenschaftler dem Klimawandel zu - und einem ganz speziellen Umstand.

Santiago - Wer schon einmal auf einem Gletscher gewandert ist, der weiß, wie winzig man sich als Mensch auf dem riesigen Eispanzer fühlen kann. Je nachdem, wo der Marsch stattgefunden hat, dürften die Bergführer auch darüber berichtet haben, dass man vor einigen Jahren die Steigeisen schon viel früher anlegen musste. Viele der Gletscher auf unserer Erde ziehen sich zurück, weil ihnen der Klimawandel zu schaffen macht.

Doch was mit dem Jorge-Montt-Gletscher in Chile passiert, ist trotz allem etwas Besonderes: Wissenschaftler haben nun eine Serie von Zeitraffer-Aufnahmen veröffentlicht, die zeigt, mit welch erschreckendem Tempo der patagonische Eisriese rund 1800 Kilometer südlich der Hauptstadt Santiago verschwindet. Der chilenische Glaziologe Andrés Rivera vom Centro de Estudios Científicos in Valdivia sagte, die Gletscherzunge sei zwischen Februar 2010 und Januar 2011 um einen ganzen Kilometer an Länge zurückgegangen. Der noch 454 Quadratkilometer große Jorge Montt sei damit der am schnellsten schmelzende Gletscher im Land.

Die Wissenschaftler hätten nicht gewusst, wie schnell sich der Gletscher zurückzieht, bis sie zwei solarbetriebene Kameras aufgestellt hätten, sagte Rivera. Diese hätten vier Bilder pro Tag gemacht. Insgesamt entstanden 1445 Aufnahmen. Man habe in dem Jahr während der Arbeit mit den Kameras nicht erwartet, dass der Gletscher sich um einen ganzen Kilometer zurückziehen würde, erklärte der Forscher. "Das war eine Überraschung."

An vielen Orten der Welt sorgen sich die Wissenschaftler um die Zukunft der Gletscher. Experten des Uno-Umweltprogramms (Unep) hatten vor einem Jahr vor einem umfassenden Gletscherschwund auf der Erde gewarnt. Für die europäischen Alpen gibt es Prognosen, die bis zum Ende des Jahrhunderts einen Gletscher-Rückgang um 75 Prozent vorhersehen. Und Neuseeland würde demnach 72 Prozent seiner Eisflächen verlieren.

Der Trend ist allerdings nicht überall gleich stark ausgeprägt, manche Gletscher wachsen sogar. Zuletzt hatten sich allerdings auch die bis dahin eher zurückhaltenden Forscher aus China mit alarmierenden Prognosen an die Öffentlichkeit gewagt: Die Gletscher in den Bergregionen Südwestchinas hätten wegen "beträchtlicher Temperatursteigerungen" einen "drastischen Rückgang" hinnehmen müssen, berichteten sie. Die 999 Gletscher im Pengqu-Becken des Himalaja etwa hätten zwischen 1970 und 2001 insgesamt 131 Quadratkilometer Fläche und zwölf Kubikkilometer Masse verloren.

Allgemeine Aussagen zum Schicksal der Gletscher auf der Erde sind schwierig. Es gilt stets, die verschiedenen Bedingungen vor Ort in Betracht zu ziehen. An den Veränderungen sind nicht nur steigende Temperaturen Schuld, sondern oft auch lokale geografische Bedingungen. Und so darf auch das Schicksal des Jorge-Montt-Gletschers in Chile nicht verallgemeinert werden - zumal der schon seit geraumer Zeit den Rückwärtsgang eingelegt hat: Auf Grundlage einer Karte von 1898 sei davon auszugehen, dass der Jorge Montt seitdem 19,5 Kilometer an Länge verloren habe, sagte Rivera. In den neunziger Jahren habe es ebenfalls eine Phase des schnellen Gletscherschwunds gegeben. Damals sei die Zunge um etwa sieben Kilometer zurückgewichen.

Eine Ursache für den Schwund des Eises sei die Erderwärmung, so der chilenische Forscher. Das besonders schnelle Abschmelzen gehe jedoch auch auf die Tatsache zurück, dass der Gletscher zum Teil in den Gewässern eines Fjords aufliege. Und dort steigt der Meeresspiegel, was die Gletscherzunge besonders großen Belastungen aussetzt und abbrechen lässt. Die Forscher haben deswegen eine stark zunehmende Zahl von Eisbergen in dem Fjord beobachtet.

chs/dapd

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