China Älteste Fußspuren der Welt entdeckt

Wann erfand die Evolution das Laufen? Viel früher als bisher bekannt: Schon zur Zeit der geheimnisvollen Ediacara-Fauna gab es offenbar Tiere, die sich auf Beinen fortbewegten.
550 Millionen Jahre alte Fuß- und Grabspuren: Wer oder was lief und grub dort?

550 Millionen Jahre alte Fuß- und Grabspuren: Wer oder was lief und grub dort?

Foto: NIGP

Die Wesen der sogenannten Ediacara-Fauna, die vor mehr als einer halben Milliarde Jahren auf dem Grund der Meere lebten, waren offenbar noch vielfältiger als bisher gedacht. Eine aktuelle Studie liefert den ersten Nachweis dafür, dass es schon im Ediacarium (635-541 Millionen Jahre) Tiere gab, das über etwas verfügten, die man bisher für weit moderner hielt: Beine.

Die meisten Forscher halten die oft an Federn, Lappen oder Blätter erinnernden Ediacara-Wesen für frühe Tiere. Erhalten wurden von ihnen nur pflanzenhaft anmutende Abdrücke weicher Körperteile sowie röhrenförmige Skelette, deren Zuordnung umstritten ist. Wie Korallen hätten die meisten am Meeresboden gewurzelt und mit ihren blattähnlichen Körpern Nahrung aus dem Wasser gefiltert.

Möglicherweise bewegliche Ausnahmen wie Dickinsonia (siehe Bild unten) erinnerten an ovale Luftmatratzen, die sich fressend über den Boden schoben. Gliedmaßen besaß keines der bisher bekannten, so exotischen Ediacara-Tiere. Am Ende des Präkambriums verschwanden sie und die frühesten Formen der heute verbreiteten Tiere begannen ihren Siegeszug.

Plötzlich gab es Beine

Das erscheint wie ein Bruch in der Geschichte des Lebens: Im Ediacarium wurde nur gewedelt oder über den Boden gewabbelt. Im Kambrium kreuchte, fleuchte, schwamm und krabbelte es nun plötzlich allerorten - in weniger als zehn Millionen Jahren entstanden quasi die Baupläne aller heute vertretenden Tierstämme.

Dachte man bisher. Ein neuer Fund in China bestätigt nun Forscher, die immer schon gemutmaßt hatten, dass die evolutionäre Erfindung des Beines so plötzlich nicht geschehen sein konnte. Eine chinesisch-amerikanische Forschungsgruppe um Zhe Chen dokumentierte im Fachblatt "Science Advances" eindeutige Fußspuren im Kalkstein  aus der Drei-Schluchten-Region am Yangtse-Fluss. Die Funde wurden auf ein Alter von 551 bis 541 Millionen Jahren datiert, der Spätphase des Ediacariums.

Das macht sie zu den ältesten bisher gefundenen Fußspuren überhaupt. Die Wesen, die sie hinterließen, waren ähnlich gebaut wie heutige Tiere. Ihre Gliedmaßen waren paarig angeordnet. Sie besaßen offenbar rechte und linke Körperhälften - anders als etwa Schwämme, Quallen oder bisher bekannte Ediacara-Tiere. Und ihre Beine waren lang genug, den eigentlichen Körper vom Boden abzuheben.

Ediacara-Wesen Dickinsonia: Ein Tier wie eine ovale, fressende Luftmatratze

Ediacara-Wesen Dickinsonia: Ein Tier wie eine ovale, fressende Luftmatratze

Foto: Verisimilus / English Wikipedia/ CC BY-SA 2.5

Sogar über bestimmte Lebensgewohnheiten der Tiere können die Forscher einige Aussagen machen. Neben den Fußspuren fanden sich auch deutliche Spuren von Grabaktivität: Die Tiere, glauben die Forscher, gruben sich kopfüber durchs Sediment, um Nahrung oder atembares Gas zu finden.

Vorfahren heutiger Gliederfüßer?

Sie waren damit wohl Verwerter organischer Materialien am Meeresgrund. Wahrscheinlich, glauben die Forscher, wühlten sie sich durch die bakterienreichen Teppiche großteils abgestorbenen Lebens, die sich später zum fossilerhaltenden Sediment verhärteten. Eine Lebensweise, die auch die Überlebenschancen dieses Tierstamms erhöht haben könnte - denn unterirdisches Leben bietet nicht nur Nahrung, sondern auch Schutz.

Die körperlichen Dimensionen dieser mysteriösen Wesen erinnern an all die winzigen Tiere, die heute dafür sorgen, dass Abgestorbenes abgebaut und wieder dem Nahrungskreislauf zugeführt wird: Die Krabbler aus dem Ediacarium, die wohl über vier oder mehr Beine verfügten, waren nur wenige Zentimeter groß. Vom Abstand der Spuren ausgehend vermuten die Forscher eine Körperbreite von maximal 1,4 Zentimeter - über die Länge lässt sich nichts sagen.

Auch über ihr Aussehen kann man deshalb nur spekulieren. Die Spuren, führt die Studie aus, erinnern jedoch an die primitiver Gliederfüßer - eine Tiergruppe, zu der man heute Insekten, Tausendfüßer, Spinnen- und Krebstiere zählt.

Warum ist das alles relevant?

Der Fund ist von hoher Relevanz, weil er lang gehegte Vermutungen bestätigt: Die Plötzlichkeit, mit der zahlreiche, vermeintlich neue Körper-Baupläne im Verlauf der sogenannten Kambrischen Explosion auftauchten, deutet darauf hin, dass die Ursprünge dieser Tierstämme deutlich früher zu suchen sind.

Doch den Nachweis dieser These hat die Erdgeschichte den Wissenschaftlern sehr schwer gemacht: Extreme geologische Ereignisse rissen eine riesige Lücke ins fossile Archiv des Lebens. Die nun gefundenen paarigen Spuren sind der erste konkrete Hinweis darauf, dass sich die ab dem Kambrium so erfolgreichen Tierstämme tatsächlich schon im Ediacarium oder früher entwickelten.

Mehr als Spuren sind von diesen Tieren bisher nicht gefunden worden. In Anbetracht ihrer vermutlichen Größe, befürchten die Forscher, könne es auch gut sein, dass man mehr auch niemals finden wird.

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