Umweltschutz China verordnet sich Energiediät - ab 2020

Chinas Energiehunger wächst seit Jahren rasant, jetzt will die Regierung endlich auf die Bremse treten. Doch selbst wenn das Land seine neuen Ziele erreicht, würde der Verbrauch zunächst massiv weiter steigen.
Raffinerie in China: Der Energieverbrauch ist aufgrund des Wirtschaftswachstums rasant angestiegen

Raffinerie in China: Der Energieverbrauch ist aufgrund des Wirtschaftswachstums rasant angestiegen

Foto: CHINA DAILY/ REUTERS

Peking/Hamburg - China hat eine Begrenzung des landesweiten Energieverbrauchs für das Jahr 2020 angekündigt. Der Verbrauch von Primärenergie, produziert etwa aus Kohle oder Erdgas, soll dann das Niveau von 4,8 Milliarden Tonnen Kohle nicht übersteigen, wie der Staatsrat am Mittwoch in Peking ankündigte. Das wären jedoch fast 30 Prozent mehr als im vergangenen Jahr, als China laut offiziellen Angaben Primärenergie im Umfang von 3,76 Milliarden Tonnen Kohleäquivalent verbraucht hat.

Experten werteten die Ankündigung als wenig ambitioniert. "Sie setzt in der Energiepolitik keine grundsätzlich neuen Akzente, die stärker als bislang auf eine Beschränkung des Energieverbrauchs hindeuten würden", sagte etwa Jost Wübbeke vom Mercator Institut für China-Studien (Merics). "Vielmehr wird der Energieverbrauch trotz der neuen Deckelung fast genauso schnell ansteigen wie in den vergangenen Jahren."

Kritik von Umweltschützern

Das erinnert an die jüngste US-chinesische Klimaschutzinitiative. Darin hatte China angekündigt, seinen Kohlendioxidausstoß ab 2030 sinken zu lassen. Doch auch das wurde als wenig ehrgeizig kritisiert. "Ambitioniert ist allerdings die Deckelung des Kohleverbrauchs auf 4,2 Milliarden Tonnen Steinkohleäquivalent", meinte Wübbeke zum nun vorgestellten Plan. "Der Kohleverbrauch steigt zwar weiter an, jedoch deutlich langsamer als früher", sagt Wübbeke. "Erneuerbare Energien, Atomkraft und Gas gewinnen damit noch einmal mehr Bedeutung in Chinas Energiemix."

Das hat in China auch innenpolitische Gründe: Die Metropolen des Landes leiden seit langem unter massivem Smog, der zur Gefahr für die Gesundheit, den Auto- und sogar den Flugverkehr geworden ist. Die Regierung hat vor kurzem deswegen einen "Krieg gegen die Luftverschmutzung" erklärt.

Der Umweltorganisation Greenpeace geht die Deckelung des Kohleverbrauchs allerdings noch nicht weit genug. "Das Ziel müsste noch niedriger angesetzt werden", sagte Energieexperte Li Shuo. Der Anstieg der Kohleproduktion sei bereits zurückgegangen. Mit der Deckelung bei 4,2 Milliarden Tonnen Steinkohleäquivalent bewege sich die Regierung im Rahmen der Erwartungen, sie setze aber keine neuen Reduktionsziele.

DIW schlägt Abschaltung alter Kohlemeiler in Deutschland vor

Auch in Deutschland kollidiert die Kohlenutzung mit dem Umweltschutz, das Erreichen der Klimaschutzziele ist inzwischen gefährdet. Am Mittwoch hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nun die Abschaltung eines Teils der Kohlekraftwerke vorgeschlagen. So könnten 23 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr eingespart werden.

Das DIW hatte ein Szenario durchgerechnet, bei dem Steinkohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von drei Gigawatt und Braunkohlekraftwerke mit einer Leistung von sechs Gigawatt vom Markt verschwinden würden. Das entspräche in etwa einem Neuntel der installierten Steinkohlekraftwerkskapazität zur Stromerzeugung und einem Drittel bis einem Viertel der Erzeugungskapazität der heute in Deutschland vorhandenen Braunkohleanlagen.

Umweltschützer fordern die Stilllegung klimaschädlicher Kohlekraftwerke, mit denen Deutschland mehr als 40 Prozent seines Stroms erzeugt. Die vom DIW berechnete Stilllegung von Kohlekraftwerken würde nach Angaben des Instituts aber bei weitem nicht ausreichen, die Einhaltung der deutschen Klimaziele für das Jahr 2020 zu garantieren. "Die Klimaziele sind nur in einer konzertierten Aktion zu erreichen, die alle volkswirtschaftlichen Sektoren einbezieht", erklärten das DIW und seine Auftraggeber, die Heinrich-Böll-Stiftung und die European Climate Foundation.

Laut dem Bericht  würden die Großhandelspreise für Strom "moderat" steigen. Die in ihrem Betrieb derzeit teureren Gaskraftwerke würden sich in der Folge mehr rentieren und könnten einen großen Teil der Kohlekapazitäten ersetzen. Außerdem würde die von Verbrauchern bezahlte sogenannte EEG-Umlage absinken. "Insgesamt sind Preissteigerungen für private Stromkunden kaum zu erwarten", erklärte DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert. Die von der EEG-Umlage befreite stromintensive Industrie müsste die Preiserhöhung dagegen voll tragen.

mbe/dpa/AFP