Fotostrecke

Bohai-Bucht: Chinas Ölboom sorgt für Umweltschäden

Foto: REUTERS / China Newsphoto

Chinas heimliche Ölpest Umweltschützer laufen gegen Ölmultis Sturm

China kämpft mit einer Ölpest und versucht, das Unglück herunterzuspielen: Wochenlang schwiegen die Behörden über das Ausmaß, nun wird der öffentliche Druck immer größer. Umweltschutzorganisationen fordern eine Untersuchung der Katastrophe - die Ölmultis bestreiten eine Vertuschung.

Peking - Der Umgang mit der Ölkatastrophe in der Bohai-Bucht am Gelben Meer hat in China einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Kritik richtet sich nicht nur gegen die Betreiber des großen Offshore-Ölfelds, sondern auch gegen zaudernde Aufsichtsorgane. Die staatliche Ozean-Verwaltung (SOA) hatte wochenlang über die Lecks geschwiegen. Dann kam die Wahrheit auch nur langsam ans Licht - via Internet-Blogs. Erst als die Meereshüter zunehmend ins Kreuzfeuer gerieten, gingen sie in die Offensive und ordneten in der vergangenen Woche einen Förderstopp auf den zwei betroffenen Plattformen des Ölfelds Penglai 19-3 an.

Angeprangert werden jetzt ConocoPhillips China (COPC), die chinesische Tochter des amerikanischen US-Ölunternehmens aus Houston (Texas) sowie seine Partner vom staatlichen chinesischen Ölkonzern China National Offshore Oil Corporation (CNOOC). Beide versichern, dass die Lecks inzwischen gestopft seien. Chinesische Beobachter zogen Vergleiche zur Ölkatastrophe von BP im vergangenen Jahr im Golf von Mexiko. Ebenso erinnerte man daran, wie im vergangenen Sommer Behörden das Ausmaß einer Ölkatastrophe an einer Pipeline nahe der Hafenstadt Dalian verschleiert hatten.

Erst sechs Wochen nach Entstehen des ersten Lecks am Grund der flachen Bucht an der nordostchinesischen Küste haben die Behörden vergangene Woche endlich Fakten präsentiert: Die Verschmutzung umfasst demnach eine Fläche von insgesamt 4250 Quadratkilometern. Ursprünglich war lediglich von 840 Quadratkilometern die Rede. Weitere 3400 Quadratkilometer seien in geringerem Maße verunreinigt, berichtete die Meeresbehörde. Zusammen entspricht das einer Fläche von etwa der Hälfte Schleswig-Holsteins.

Im Dunkeln gelassen

Es waren chinesische Blogger, die die Ölunfälle am 4. und 17. Juni via Internet publikmachten. Erst am 5. Juli traten die Meeresverwalter von der SOA an die Öffentlichkeit. "Nicht akzeptabel", fand die vom kommunistischen Parteiorgan "Volkszeitung" herausgegebene englischsprachige Zeitung "Global Times" und schrieb: "Wir können nicht anders, als uns zu wundern. Ist die SOA eine ernstzunehmende Aufsichtsbehörde, die größere Zwischenfälle verhindern soll, oder die liebende Mutter, die übermäßig ihre eigenen Kinder schützt?"

In Blogs im Internet zog ein Sturm der Entrüstung auf. Auch das benachbarte Südkorea, dessen Fischer das Gelbe Meer befahren, fühlte sich "im Dunkeln gelassen", wie seine Medien beklagten. Das Unglück werde heruntergespielt. "Chinas Schweigen über die Schäden durch die Öllecks schadet seiner Glaubwürdigkeit", befand das südkoreanische Blatt "Chonsun Ilbo".

Als der Druck zunahm, ging Chinas Meeresbehörde in Vorwärtsverteidigung über und nahm das Ölunternehmen ins Visier. "COPC hat es nicht geschafft, die Situation vollständig unter Kontrolle zu bringen. Seine Bemühungen, die Ursachen der Lecks zu finden und sie zu stopfen, waren langsam", begründete das Amt vergangene Woche den Förderstopp: "Ein weiteres Leck kann jederzeit auftreten, was eine enorme Gefahr für die Bohai-Bucht darstellt."

Elf chinesische Umweltorganisationen schrieben einen Brief an Aufsichtsgremien der Aktienmärkte in New York und Hongkong, wo ConocoPhillips und CNOOC gelistet sind, und forderten eine Untersuchung. Angeblich wird eine Klage erwogen. Das US-Unternehmen bestreitet jede Vertuschung: "ConocoPhillips reagierte schnell auf beide Vorfälle." Eine umfassende Säuberung laufe. "Zuständige Behörden wurden umgehend unterrichtet, zusammen mit CNOOC."

Kopfschütteln erntete in China auch die geringe Geldstrafe in Höhe von 200.000 Yuan, umgerechnet 22.000 Euro, die gegen ConocoPhillips verhängt wurde. Es ist die höchste vom chinesischen Gesetz vorgesehene Strafe für solche Fälle - "minimal im Vergleich zu dem Schaden an der Umwelt", kommentierte die "China Daily" und beklagte: "Es ist dieses hohe Maß an Toleranz und die nachsichtige Bestrafung, die es so schwer machen, den Kampf zum Schutz der Umwelt in China zu gewinnen."

Andreas Landwehr, dpa