Klimawandel Modell liefert neue Schätzungen zur CO2-Schuld

Welche Staaten tragen die größte Schuld an der Erderwärmung? Darüber wird bei Klimakonferenzen heftig gestritten. Chinesische Forscher legen nun ein Modell vor, bei dem die Industrienationen noch schlechter abschneiden als bisher.
Industrie in China: Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, sind größere Anstrengungen nötig

Industrie in China: Um das Zwei-Grad-Ziel zu erreichen, sind größere Anstrengungen nötig

Foto: A2800 epa Ryan Tong/ dpa

Bei den internationalen Klimaverhandlungen geht es oft um die Frage, zu welchem Teil Industriestaaten, Entwicklungs- und Schwellenländer für die bisherige Erwärmung verantwortlich sind. Eine Gruppe chinesischer Klimawissenschaftler um Ting Wei von der Peking Normal Universität präsentiert nun Daten von zwei globalen Klimamodellen, die unterschiedliche Antworten liefern.

Das Team verfügt über ein eigenes globales Klimamodell, mit dem sich am Computer der Einfluss des Treibhausgases Kohlendioxid auf das Klima der Erde berechnen lässt. Es trägt den Namen BNU (Beijing Normal University - Earth System Model). Zudem vollzogen die Chinesen die Kalkulationen auch mit einer US-Simulation nach (CESM, Community Earth System Model). Beide Modelle dienen dem UN-Klimarat (IPCC) als Basis für seine Vorhersagen, heißt es im Bericht der Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" .

Die Rechnungen mit dem US-Modell zeigten, dass die entwickelten Länder von 1850 bis zum Jahr 2005 einen Anteil von 61 Prozent an der erhöhten CO2-Konzentration hatten. 39 Prozent gingen laut CESM auf die Entwicklungsländer zurück. Die chinesische Software sieht die Zahlen bei 63 Prozent für die reichen und 37 Prozent für die Entwicklungsländer.

Die Wissenschaftler ergänzen, dass die reichen Länder in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen großen Teil ihrer CO2-Emissionen exportiert hätten, indem sie viele Waren etwa in China kauften. Das dort bei der Produktion anfallende CO2 sei damit auf das Konto von China gegangen, obwohl die Produkte anderswo verwendet wurden.

Im Dezember 2010 hatten die Staaten beim UN-Klimagipfel im mexikanischen Cancún freiwillige Reduktionsziele vereinbart. Der Anteil der reichen Länder daran betrüge etwa ein Drittel. Die aufstrebenden und die Entwicklungsländer würden zwei Drittel beitragen. Das dreht die Verhältnisse der berechneten Anteile an der "CO2-Schuld" aber geradezu um.

Wenn der Temperaturanstieg bis zum Jahr 2100 nicht zwei Grad Celsius übersteigen soll, seien ohnehin größere Anstrengungen nötig, schreiben die chinesischen Forscher.

Chinas Milliarden-Tonnen-Lücke

Im Frühjahr 2012 hat der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre einen wichtigen Schwellenwert überschritten. An der Station in Barrow in Alaska wurde nach Angaben der US-Wetterbehörde Noaa zum weltweit ersten Mal über einen Monat ein Wert von 400 Partikeln Kohlendioxid pro einer Million Luftteilchen gemessen. Früher lag der Wert bei 280 ppm, doch seit Beginn der Industrialisierung um das Jahr 1850 steigt er beständig.

China setzt nach Angaben vieler Organisationen weltweit die größte Menge des Treibhausgases Kohlendioxid frei. Derzeit überholt das Land Europa auch beim CO2-Ausstoß pro Bürger. Wie hoch die Emissionen genau sind lässt sich nicht mit Sicherheit sagen: Das Land veröffentlicht keine offiziellen Schätzungen. Daher haben Forscher aus China und Großbritannien die statistischen Angaben der chinesischen Behörden zu den einzelnen Provinzen und dem gesamten Land ausgewertet. Im Journal "Nature Climate Change" berichtete ein Team um Zhu Liu von der chinesischen Akademie der Wissenschaften kürzlich von großen Unterschieden in den Angaben. Mit Blick darauf sprechen die Forscher von einer "Milliarden-Tonnen-Lücke" in den chinesischen Angaben.

Das nationale chinesische Büro für Statistik veröffentlicht zentral die Energiedaten auf Ebene der Provinzen und des Landes. Daraus lässt sich eine CO2-Menge kalkulieren, die in beiden Fällen gleich groß sein sollte - die Nation müsste insgesamt ja so viel Treibhausgas freisetzen wie ihre Regionen zusammengenommen. Allein im Jahr 2010 klafft zwischen beiden Angaben allerdings eine Lücke von 1,4 Milliarden Tonnen (1,4 Gigatonnen) CO2, schreiben die Wissenschafter. Die Menge entspricht etwa fünf Prozent des jährlich insgesamt weltweit ausgestoßenen Kohlendioxids - oder den Emissionen von Japan, das Rang fünf unter den größten Verursachern des menschengemachten Treibhauseffekts einnimmt.

wbr/dpa
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