Citizen Science Wie aus Bürgern Wissenschaftler werden

Auch ohne Doktortitel können Menschen die Wissenschaft voranbringen. Wer bei Citizen-Science-Projekten mitmacht, kann sich seinen Forschungsbereich aussuchen - und manchmal sogar Wale beobachten.
Von Dörte Nohrden
Die Flosse des Buckelwals AHWC-7328, aufgenommen in Cierva Cove an der Westseite der Antarktischen Halbinsel

Die Flosse des Buckelwals AHWC-7328, aufgenommen in Cierva Cove an der Westseite der Antarktischen Halbinsel

Foto: Hugh Rose

"Wal voraus!", tönt es durch den knarzenden Bordlautsprecher. Ein dunkler Rücken erhebt sich aus dem Südpolarmeer, eine meterhohe Fontäne schießt gen Himmel - dann taucht der Buckelwal mit erhobener Schwanzflosse wie in Zeitlupe wieder ab. Kameras klicken und halten den berührenden Moment fest.

"Die schwarz-weiß gemusterte Schwanzflosse mit seinen zerfurchten Rändern und Narben ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck", erklärt Biologe Ted Cheeseman, der seit mehr als 20 Jahren im Familienunternehmen Expeditionskreuzfahrten in die Antarktis veranstaltet. Der Schnappschuss ist daher auch viel mehr als eine Urlaubserinnerung, denn um die Fingerabdrücke der Wale geht es hier eigentlich. Der 45-jährige Kalifornier, ehemaliges Vorstandsmitglied der Association of Antarctic Tour Operators (IAATO) gründete vor dreieinhalb Jahren die Web-Applikation  "Happywhale".

Mit ihr helfen Touristen weltweit bei der Registrierung und Identifikation von Walen. Cheeseman und rund 35 weitere ehrenamtliche Mitarbeiter können mit den Daten dann etwa Wanderungsbewegungen der Tiere ermitteln, oder feststellen, wie sie Verletzungen überstanden haben. Zwischen den einzelnen Aufnahmen liegen mal drei Tage, mal 40 Jahre. Diese große Zeitspanne machen auch Fotos möglich, die aus Archiven in die Datenbank integriert wurden.

"Happywhale" ist ein sogenanntes Citizen Science-Projekt. Vor einigen Jahren kam dieser Begriff erstmals auf und schaffte es 2014 auch offiziell ins Oxford English Dictionary. Als Erklärung findet man dort: "Wissenschaftliche Arbeit, übernommen von der allgemeinen Öffentlichkeit, oft in Zusammenarbeit mit Wissenschaftsinstituten."

Oft stehen am Anfang solcher Projekte aber auch engagierte Bürger, die in ihren Interessensgebieten etwas bewegen wollen oder plötzlich erkennen, dass ihr privat gesammeltes Wissen auch der professionellen Forschung helfen könnte. Ted Cheeseman hatte sein Schlüsselerlebnis im Jahr 2004: "Damals war ich zum ersten Mal mit einer Digitalkamera in der Antarktis unterwegs und fotografierte die Fluke eines Buckelwals mit einer markanten Verletzung. Als wir kurz darauf mit dem Schiff an der US-amerikanischen Palmers Forschungsstation vor Anker gingen, hing dort unerwartet ein Foto des identischen Wals", erinnert sich Cheeseman, "ich konnte es ja mit der Digitalkamera sofort vergleichen". Für ihn ist dieser Wal, Nummer AHWC-3155, bis heute ein besonderer geblieben.

Dieses Gefühl möchte er auch Urlaubern vermitteln. Wurde "ihr Wal" identifiziert, wird der User bei weiteren Sichtungen auf dem Laufenden gehalten. "Durch diese Belohnung erleben Touristen ihre Reise viel intensiver und fühlen sich mit einem Individuum verbunden", so Cheeseman.

"Über 3500 User haben mittlerweile mehr als 138.000 Fotos hochgeladen", sagt Cheeseman. "Wissenschaftler könnten dies allein niemals leisten und es hat sich klar gezeigt, dass jeder einzelne valide Daten zur Forschung beisteuern kann, gerade an entlegenen Orten." Um möglichst viele Urlauber zu erreichen, kooperiert er mit der IAATO; die Hurtigruten Foundation unterstützte das Projekt finanziell.

"Durch die Digitalisierung werden bürgerwissenschaftliche Projekte immer stärker verbreitet und vernetzt", sagt Wiebke Brink. Die Berlinerin ist Projektleiterin der zentralen deutschen Citizen Science Plattform "Bürger schaffen Wissen" . Das Gemeinschaftsprojekt von "Wissenschaft im Dialog" und dem Berliner Naturkundemuseum wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Seit 2014 online, sind mittlerweile 120 Projekte unterschiedlichster Disziplinen auf der Seite verzeichnet.

Mitmachen

Auf der Plattform "Bürger schaffen Wissen"  können Bürger aus mehr als 120 Projekte wählen. Mit der App "Clusterkopfschmerzen erforschen" eigene medizinische Daten beitragen, mittels "Hush City" ruhige Plätze in Städten markieren oder in "Verlust der Nacht" die Lichtverschmutzung dokumentieren.

Die internationale Plattform "Zooniverse" , gegründet 2007, zählt zu den Citizen Science Online-Pionieren und listet derzeit 96 Projekte aus Astronomie, Natur, Klima, Geschichte oder auch Literatur, wie etwa das Projekt "Shakespeare's World" . Dabei können Bürger helfen, historische, handgeschriebene Dokumente zu transkribieren. Im Februar 2014 verzeichnete Zooniverse eine Million Mitglieder. Heute sind es bereits 1,6 Million.

Das Ziel jedes Projektes sei es, die gesammelten Daten für die Forschung zu nutzen und öffentlich zugänglich zu machen. "Bürgerinnen und Bürger, ja sogar Kinder können valide Daten liefern", sagt Brink. Herausragend sei etwa das Projekt "Plastikpiraten - Das Meer beginnt hier!" . Bis heute dokumentierten mehr als 9000 Jugendliche das Plastikmüllaufkommen an und in deutschen Flüssen. "Gerade wurde eine wissenschaftliche Studie mit den Daten aus 2016 und 2017 im Fachjournal 'Environmental Pollution' veröffentlicht", freut sich Wiebke Brink.

"Auch international gibt es zunehmend zentrale Citizen Science-Landesplattformen, wie in Österreich, der Schweiz, den Niederlanden oder Dänemark", sagt Brink. Besonders aktiv seien Menschen in Großbritannien, den USA und Australien, wo etwa der nationale "Atlas of Living Australia"  entstand. Dank 45.000 engagierter User konnten darin bereits 124.055 Arten registriert werden.

Eine Erfolgsgeschichte schreibt auch die European Citizen Science Association (ECSA) mit Hauptsitz am Berliner Naturkundemuseum. Unter dem Dach des internationalen, 2014 gegründeten Vereins bündeln sie zahlreiche Projekte, die durch EU-Gelder unterstützt werden. Katrin Vohland, Leiterin des Forschungsbereichs Museum und Gesellschaft, erklärt: "Für die EU-Länder haben Bürgerwissenschaften interessanterweise jeweils eine unterschiedliche Bedeutung. In Deutschland geht es vor allem um gute Datenqualität, in Osteuropa vor allem auch um einen Demokratisierungsprozess, um den Zugang zu Informationen jenseits von Kontrollinstanzen".

Citizen Science höre allerdings da auf, wo Fachexpertise Voraussetzung bleibt - oder bestimmte Geräte oder Labore vonnöten sind, erklärt sie. Grundsätzlich erhalte die Wissenschaft durch die Daten unglaublich wertvolles Material, und dies ganz umsonst. "Die Arbeit der Freiwilligen bedarf also entsprechend hoher Wertschätzung."


Zusammengefasst: Citizen Science lag 2014 hoch im Trend. Wohin haben sich Bürgerwissenschaften entwickelt? Kann die breite Bevölkerung wirklich valide Daten liefern, indem sie Vögel zählt, Feinstaub oder Lichtverschmutzung dokumentiert? Die Bestandsaufnahme zeigt: sehr wohl. Die "Happywhale" App etwa zeigt: Um Wale weltweit zu identifizieren, haben Touristen bereits mehr als 138.000 Fotos von Walfluken hochgeladen - und damit wertvolles Forschungsmaterial. Digitale Vernetzung und Smartphone-Apps erleichtern das Mitmachen. Auf der deutschen Plattform "Bürger schaffen Wissen" sind bereits mehr als 120 Projekte verzeichnet.