Report Wie milliardenschwere Hilfspakete den Klimaschutz aushebeln könnten

Die Emissionen der größten Volkswirtschaften sind erstmals gesunken, zeigt ein aktueller Klimabericht. Die Fortschritte drohen jedoch durch die Coronakrise zunichtegemacht zu werden.
Braunkohle-Tagebau Inden: Laut dem Bericht verfehlt Deutschland aktuell das 1,5-Grad-Ziel

Braunkohle-Tagebau Inden: Laut dem Bericht verfehlt Deutschland aktuell das 1,5-Grad-Ziel

Foto: Rupert Oberhäuser / imago images/Rupert Oberhäuser

Der Rückgang ist zwar hauchdünn, aber dennoch historisch bedeutsam. Im vergangenen Jahr sind die Emissionen in den 20 größten Volkswirtschaften der Welt leicht zurückgegangen – um 0,1 Prozent, zeigt der aktuelle »Climate Transparency-Report« der gleichnamigen internationalen Initiative »Climate Transparency«. In den Jahren zuvor waren die Emissionen laut dem Bericht immer weiter gestiegen. Allein im Jahr 2018 um 1,9 Prozent.

Climate Transparency wird unter anderem von der Weltbank und vom Bundesumweltministerium unterstützt. Der Bericht stellt seit 2015 jedes Jahr dar, wie die G20-Staaten im Klimaschutz vorankommen. Zu dem Staatenverbund gehören: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, die USA und die Europäische Union. Die Länder sind für 80 Prozent des Treibhausgasausstoßes verantwortlich.

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Der aktuelle Trend zu weniger Emissionen könnte sich jedoch schon bald wieder umkehren, warnen die Verfasser des Reports. Denn milliardenschwere Konjunkturpakete, die die Wirtschaft in der Coronakrise wieder ankurbeln sollen, orientieren sich kaum an Nachhaltigkeit. In vielen Ländern gehören laut dem Report fossile Energien zu den Profiteuren:

  • So unterstützten zehn der Staaten den Kohle- und Gassektor,

  • 15 Länder fördern Fluggesellschaften, nur eines dieser Länder koppelte die Hilfen an Klimaauflagen: Frankreich.

  • Sieben Länder haben Gelder für die Autoindustrie zur Verfügung gestellt, nur Frankreich und Deutschland machten im Gegenzug Vorgaben beim Klimaschutz.

Die Subventionen könnten die Fortschritte im Klimaschutz unterlaufen, schreiben die Verfasser des Berichts. Dabei hatten mehrere Länder erklärt, in den kommenden Jahrzehnten klimaneutral werden zu wollen.

Deutschland verfehlt Kurs auf 1,5-Grad-Ziel

Jüngst sprachen sich auch die EU-Kommission und das EU-Parlament für ein ehrgeizigeres Klimaziel aus. Demnach sollen die Emissionen bis 2030 um 60 Prozent gegenüber 1990 sinken. Bis 2050 will die EU klimaneutral sein, einen entsprechenden Beschluss verschoben die Staats- und Regierungschefs allerdings. Der Termin soll nun im Dezember stattfinden.

Klimaneutral werden wollen auch China, Japan, Südafrika und Südkorea. Der gewählte US-Präsident Joe Biden hatte zudem in Aussicht gestellt, wieder dem Pariser Klimaabkommen beitreten zu wollen. Der aktuell noch amtierende Präsident Donald Trump war aus dem Vertrag ausgestiegen und hatte während der Coronakrise Vorgaben zum Umweltschutz weiter gelockert.

Auch in diesem Jahr dürften die Emissionen in den G20-Ländern wegen der Coronakrise weiter sinken. Der aktuelle Report geht von einer Reduktion um 7,5 Prozent aus. Diesen Effekt hatten auch vorherige Untersuchungen gezeigt. Kommt die Weltwirtschaft jedoch wieder in Gang, werden die Emissionen wahrscheinlich erneut steigen.

Für die aktuelle Reduktion sorgte laut dem Report vor allem der Ausbau erneuerbarer Energien. Aktuell liegt der Anteil in den G20-Staaten im Schnitt bei 28 Prozent, ein Fünftel mehr als noch vor fünf Jahren. In Deutschland speist sich der Energiesektor laut Bericht sogar zu knapp 43 Prozent aus erneuerbaren Energien. Allerdings sehen die Autoren wegen der Krise der Windenergie an Land kaum noch Wachstumspotenzial.

Im vorigen Jahr klang die Klimabilanz des Reports noch ernüchternder. Im Pariser Klimaabkommen von 2015 hatten sich die Länder eigentlich darauf geeinigt, die globale Durchschnittstemperatur in diesem Jahrhundert auf weniger als zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen und sich um ein Limit von 1,5 Grad zu bemühen.

Laut dem Bericht von »Climate Transparency«, der bis zum vergangenen Jahr noch unter dem Namen »Brown-to-Green-Report« herausgegeben worden war, war zuletzt kein einziger G20-Staat auf dem Weg, das angepeilte 1,5-Grad-Ziel noch zu erfüllen.

Laut einem Sonderbericht des Weltklimarats IPCC hätte ein Temperaturanstieg um 1,5 Grad deutlich weniger schwerwiegende Folgen. So wären bei einem Anstieg um zwei Grad wahrscheinlich zehn Millionen Menschen mehr vom Meeresspiegelanstieg betroffen, die Wahrscheinlichkeit für Extremwetterereignisse würde steigen und es wären deutlich mehr Anpassungen an den Klimawandel nötig.

Experten zweifeln, ob dieses Ziel noch zu erreichen ist. Laut der Weltwetterorganisation (WMO) könnte die globale Durchschnittstemperatur bereits in einem der kommenden Jahre auf 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau steigen.

Im Verkehr steigen die Emissionen weiter

Um das 1,5 Grad Ziel noch einzuhalten, heißt es in dem aktuellen Report, müsste der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen schneller vollzogen werden. Bislang seien nur Kanada, Frankreich, Großbritannien auf einem Weg, der mit einem 1,5-Grad-Ziel noch kompatibel sein könnte.

Deutschland werde das Ziel dagegen wahrscheinlich verfehlen. Allerdings steht Frankreich bei der Klimabilanz vor allem wegen dem nach wie vor hohen Anteil an Atomenergie gut da. Auch Vertreter der Atomenergiebranche halten die Klimaziele nur mit Kernkraft für umsetzbar.

Trotz der insgesamt positiven Bilanz bei den Emissionen verursacht ein Bereich weiterhin mehr Abgase: der Verkehrssektor. Gerade Deutschland schneidet schlecht ab. Im Vergleich zu vor fünf Jahren sind die Emissionen in dem Bereich um 4,4 Prozent gestiegen. Andere Länder haben dagegen schon Fristen für das Ende von Verbrennungsmotoren gesetzt.

koe
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