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Bilanz des E-Mail-Skandals: Klimaforscher tappten in Lobbyisten-Falle

Foto: Miguel Villagran/ Getty Images

Forscherskandal Heißer Krieg ums Klima

Wie stark erwärmt sich die Erde wirklich? Klimaforscher sollen Ergebnisse dramatisiert haben - tatsächlich tappten sie eher der Industrielobby in die Falle. SPIEGEL ONLINE hat alle durchgesickerten E-Mails der "Climategate"-Affäre analysiert. Protokoll einer beispiellosen Wissenschaftsfehde.

Erwärmt sich unser Planet um ein Grad, zwei Grad oder sogar noch mehr? Ist der Mensch allein schuld am Klimawandel, und was kann gegen diesen getan werden? Es gibt unzählige Antworten auf diese Fragen, wissenschaftliche Studien, Messergebnisse, Debatten, Aktionspläne. Selbst die meisten Skeptiker räumen inzwischen ein, dass der Mensch, seine Fabriken, Heizungen und Autos die Luft aufheizen - die Folgen der Klimaänderung sind allerdings weiterhin umstritten. Umso dramatischer waren die Reaktionen, als Unbekannte im vergangenen November mehr als tausend E-Mails britischer Klimaforscher stahlen und im Internet veröffentlichten. Ein gigantischer Skandal schien sich anzukündigen: "Climategate" wurde die Affäre getauft, in Anlehnung an den Watergate-Skandal, der einst zum Rücktritt von US-Präsident Richard Nixon geführt hatte. Die E-Mails, so behaupteten Kritiker, würden enthüllen, dass die Klimaprognosen auf windigen Berechnungen beruhten.

Zwar wurde schnell klar, dass von einer Verschwörung keine Rede sein kann, inzwischen hat das auch eine britische Untersuchungskommission bestätigt. Doch der Schriftverkehr erlaubt einen tiefen Einblick in die Mechanismen, Fronten und Kämpfe in der Klimawissenschaft. SPIEGEL ONLINE hat die mehr als tausend "Climategate"-Mails aus 15 Jahren, die frei im Internet zugänglich sind und ausgedruckt fünf dicke Aktenordner füllen, analysiert. Das Ergebnis: Führende Forscher haben sich unter teils heftigen Angriffen von außen in einen erbitterten und folgenschweren Grabenkrieg verstrickt, in den auch Medien, Umweltverbände und Politiker hineingezogen wurden.

SPIEGEL ONLINE zeigt, wie es zum Krieg zwischen Klimaforschern und Klimaskeptikern kam, mit welchen Methoden die Akteure tricksten - und wie der Konflikt gelöst werden könnte:

Die Klimaschlacht - vom inszenierten Skandal bis zum Triumph von Kyoto

Die Fronten in der Klimadebatte sind seit langem verhärtet: Auf der einen Seite steht eine überschaubare Anzahl tonangebender Klimaforscher, auf der anderen eine mächtige Lobby aus Industrieverbänden, deren Ziel es ist, die Gefahren der Erderwärmung zu bagatellisieren. Sie wird insbesondere vom rechten politischen Spektrum der USA, von Verschwörungstheoretikern, aber auch von kritischen Wissenschaftlern unterstützt.

Doch damit waren die Rollen von Gut und Böse keineswegs eindeutig verteilt. Die Mehrheit der Klimaforscher stand zwischen beiden Parteien. Sie tat sich oft schwer, ihre Ergebnisse eindeutig zu interpretieren - wissenschaftliche Fakten sind oft widersprüchlich. Zwar gilt die Prognose einer bevorstehenden Erwärmung als gut belegt. Doch über die Folgen bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten.

Beide Seiten - die führenden Klimaforscher und ihre Kontrahenten aus Industrie und kleineren Kritikerzirkeln - kämpften von Anfang an mit harten Bandagen. Es begann 1986, als deutsche Physiker einen ersten dramatischen Appell an die Öffentlichkeit richteten: Sie warnten vor einer "Klimakatastrophe". Ihr erklärtes Ziel war es jedoch, der Atomkraft gegenüber Kohlendioxid ausgasenden Kohlekraftwerken Vorschub zu leisten.

Der erste Skandal

Bereits damals gab es freilich solide wissenschaftliche Hinweise auf eine bedrohliche Klimaerwärmung, weshalb die Vereinten Nationen 1988 ihren Klimarat gründeten, den Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC). Doch erst die außergewöhnliche Dürre im Sommer 1988 machte das Thema auch in den USA populär. Politiker nutzten die Trockenphase zur Anhörung des Nasa-Wissenschaftlers James Hansen im US-Kongress, der in Fachzeitschriften bereits seit Jahren vor einem menschgemachten Klimawandel gewarnt hatte.

Als Hansen von der Regierung angewiesen wurde, Unsicherheiten seiner These stärker hervorzuheben, inszenierte der damalige Senator und spätere US-Vizepräsident Al Gore einen Skandal: Er informierte Medien über die angeblichen Verschleierungsversuche der Regierung - woraufhin diese sich zum Handeln gezwungen sah.

Die Erdölkonzerne reagierten alarmiert. Zusammen mit Firmen anderer Branchen, die die Verteuerung fossiler Energieträger fürchteten, schmiedeten sie Bündnisse. Dafür konnten sie auch einige scharfsinnige Klimaforscher wie etwa Patrick Michaels von der University of Virginia gewinnen.

Das Ziel der Industrielobby war es, Unsicherheiten der Forschungsergebnisse auszuschlachten. "Der Sieg wird erreicht sein", heißt es etwa in einem Strategiepapier der Erdöl-Lobbygruppe Global Climate Science Team, "wenn der Durchschnittsbürger die Unsicherheiten der Klimaforschung erkennt". Wissenschaftler hingegen haben es schwerer, sie müssen die Öffentlichkeit immer wieder von der Stichhaltigkeit ihrer Warnungen überzeugen.

Industriepropaganda für "weniger gebildete Menschen"

Eine fatale Dynamik kam in Gang: Klimaforscher, die Zweifel an Ergebnissen äußerten, liefen Gefahr, der Industrielobby zugerechnet zu werden. Die illegal veröffentlichten E-Mails zeigen, wie führende Wissenschaftler auf das PR-Trommelfeuer der sogenannten Skeptikerlobby reagiert haben: Aus Angst, die Gegenseite könne Unsicherheiten der Forschungsergebnisse ausnutzen, haben viele Forscher versucht, die Schwächen ihrer Resultate vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Mit Millionenbeträgen finanzierte die Klimaskeptiker-Lobby Propagandakampagnen . 1991 wandte sich das Information Council on the Environment (ICE) an "weniger gebildete Menschen", wie es in einem Strategiepapier hieß: Eine Kampagne sollte demnach "die globale Erwärmung als realitätsfern erscheinen lassen". Doch auch die gebildeten Schichten sollten angesprochen werden. Die Global Climate Coalition etwa - eine Gründung von Energiefirmen - nahm gezielt Einfluss auf Uno-Delegierte. Auch vor dem US-Kongress wurde dem Rat der skeptischen Wissenschaftler erhebliche Bedeutung beigemessen.

International waren die Lobbyisten jedoch wenig erfolgreich: 1997 beschloss die internationale Staatengemeinschaft ihren ersten Klimaschutzvertrag, das Kyoto-Protokoll. "Die Wissenschaft hatte eine Warnung ausgesprochen, die Medien haben sie verstärkt, und die Politik hat reagiert", resümiert der Wissenschaftssoziologe Peter Weingart von der Universität Bielefeld, der die Klimadiskussion erforscht hat.

Doch just zu jener Zeit, als sich zahlreiche Industriefirmen zum Klimaschutz bekannten und aus der Global Climate Coalition austraten, gerieten manche Wissenschaftler auf die schiefe Bahn: Sie begannen mit Umweltverbänden zu kungeln.

Wie Klimaforscher mit Interessensverbänden kungelten

Schon vor der Uno-Klimakonferenz in Kyoto 1997 hatten Umweltverbände und führende Klimaforscher an einem Strang gezogen, um Druck auf Industrie und Politiker auszuüben. Greenpeace sendete im August 1997 im Namen britischer Forscher einen appellativen Leserbrief an die britische Zeitung "The Times" - die Klimatologen hatten nur noch unterschreiben müssen. Im Namen des Umweltvereins WWF riefen andere Klimaforscher im Oktober 1997 anlässlich der Kyoto-Konferenz Hunderte Kollegen per E-Mail zur Unterzeichnung eines Appells an die Politiker auf.

Das Vorhaben war umstritten: Während deutsche Forscher sich umstandslos auf die Liste setzen ließen, äußerte beispielsweise der renommierte amerikanische Paläoklimatologe Tom Wigley seine Bedenken: Derartige politische Appelle seien ähnlich "unehrenhaft" wie die Propaganda der Skeptikerlobby, antwortete er am 25. November 1997 seinen Kollegen in einer E-Mail, die sich unter den illegal veröffentlichen findet. Persönliche Ansichten dürften nicht mit wissenschaftlichen Fakten vermischt werden, so Wigley.

Forscher haben Appelle von Umweltverbänden "etwas verstärkt"

Sein Einspruch verhallte ungehört: Die Zusammenarbeit mit der Umweltlobby wurde für viele seiner Kollegen zur Selbstverständlichkeit. Dem WWF etwa schickten australische und britische Klimaforscher auf Nachfrage besonders pessimistische Prognosedaten. Sie zeigten dabei ausdrücklich Verständnis dafür, dass der Umweltverein die Warnungen etwas "verstärkt" haben wollte, wie es der WWF im Juli 1999 in einer E-Mail forderte. Ein australischer Klimatologe bezeichnete es in einer E-Mail vom 28. Juli 1999 gegenüber Kollegen als "sehr beunruhigend", sollten sich in einer Umweltschutzbroschüre Daten fänden, die nahelegten, der Klimawandel könne in "weiten Teilen der Welt einen zu vernachlässigenden Effekt haben".

Auch deutsche Klimaforscher von Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) und vom Hamburger Max-Planck-Institut (MPI) für Meteorologie verfassten 2001 ein gemeinsames Positionspapier mit dem Umweltverband WWF. Das deutsche Wuppertal-Institut war in dieser Hinsicht Vorreiter: Es erarbeitete Mitte der neunziger Jahre ganz offen mit dem Umweltverband BUND Empfehlungen für eine Klimaschutzstrategie.

Wie Industrie und Forscher um die mediale Deutungshoheit kämpften

Fortan ging es um die Vorherrschaft in den Medien. Ihnen wurde häufig vorgeworfen, Klimaskeptikern zu viel Raum zu geben. Tatsächlich gelangten regelmäßig skeptische Thesen in die Medien, die wissenschaftlich kaum abgesichert waren. Sie wurden mitunter lanciert von Erdöl-Lobbyisten, die etwa "Informationsbroschüren" an Journalisten verschickten.

Das lag zum einen daran, dass insbesondere US-Medien dem Grundsatz des "balanced reporting", der ausgeglichenen Berichterstattung, hohe Priorität einräumen - es müssen stets beide Seiten einer Debatte gehört werden. Bisweilen bekamen selbst abwegige Thesen von Klimaskeptikern ebenso viel Raum wie etablierte wissenschaftliche Ergebnisse.

Ein weiterer Grund für die Verbreitung der Klimaskeptiker-Thesen ist das Phänomen der Nachrichtenwert-Theorie, glauben Medienforscher: Je eindeutiger die Warnungen vor einer Katastrophe, desto interessanter werden kritische Stimmen. Der skeptische Diskurs in den Medien thematisierte auch die skandalträchtige Frage, ob Klimaforscher sich mit spekulativen Katastrophenszenarien Zugang zu Fördergeldern verschaffen wollten.

Der angesehene Klimaforscher Klaus Hasselmann vom Max-Planck-Institut für Meteorologie hatte die Anschuldigungen 1997 in einem viel beachteten Artikel in der "Zeit" zurückgewiesen. Er machte geltend, dass im Sinne eines Indizienprozesses die Schuld des Menschen am Klimawandel mit hoher Wahrscheinlichkeit geklärt sei. "Wenn wir aber abwarten, bis auch die letzten Zweifel überwunden sind, wird es zum Handeln zu spät sein", schrieb Hasselmann.

"Klimatologen lassen ihre überzogenen Behauptungen gerne unerwähnt"

Er gab den Medien die Schuld an Dramatisierungen. Tatsächlich hatten Soziologen "Überbietungsdiskurse" in den Medien identifiziert - die Katastrophen würden in immer schwärzeren Farben gemalt. "Viele Journalisten wollen von Unsicherheiten der Forschungsergebnisse nichts wissen", klagt noch heute MPI-Forscher Martin Claußen. Soziologe Weingart kritisiert dagegen die Wissenschaftler: "Ihre eigenen überzogenen Behauptungen lassen Klimatologen gerne unerwähnt."

Während die Debatte in den USA immer wieder aufflammte, "waren die Skeptiker in Deutschland jedoch bald wieder marginalisiert", konstatiert der Soziologe Hans Peter Peters vom Forschungszentrum Jülich, der die Klimaberichterstattung in Deutschland analysiert hat . Die Kommunikationsstrategie führender Forscher lasse sich über lange Zeit als Erfolg deuten: "Das propagierte Klimaproblem wurde von den Medien ernst genommen", sagt Peters. Er sieht sogar eine "starke Co-Orientierung von Wissenschaft und Journalismus bei der Berichterstattung über den Klimawandel".

Allerdings versuchten Wissenschaftler mitunter, Druck auszuüben, wenn sie mit der medialen Berichterstattung nicht einverstanden waren. Nach Berichten, die die Dringlichkeit des Klimaalarms abzuschwächen schienen, gingen in Redaktionen regelmäßig Protestbriefe ein. E-Mails belegen, dass Klimaforscher Proteste gezielt gegen einzelne Journalisten abstimmten. Als beispielsweise im Oktober 2009 ein kritischer Artikel über die Ergebnisse der Klimaforschung auf BBC Online erschien , gelangten britische Forscher nach interner E-Mail-Debatte am 12. Oktober zu dem Ergebnis, einen ihnen anscheinend gewogenen BBC-Redakteur zu fragen, "was da los ist".

Freundlich gesonnene Medien können der Karriere nutzen, wissen Sozialforscher: Der Kampf um die Aufmerksamkeit in den Massenmedien diene nicht nur der Mobilisierung öffentlicher Unterstützung, sondern könne auch eine erfolgreiche Strategie um die Wahrnehmung innerhalb der Wissenschaft sein, hat der Soziologe David Phillips von der Universität in San Diego, USA, herausgefunden.

Grabenkämpfe zwischen Wissenschaftlern

Innerhalb der Fachgemeinde wenden manche Forscher ähnlich rabiate Methoden an wie gegen Kritiker von außen, wie die E-Mails offenbaren. Unter dem Druck der Klimaskeptiker verschanzten Sie sich in einer Art Wagenburg. Sie ließen sich von den Kritikern regelrecht treiben: Aus Sorge, Unsicherheiten ihrer Ergebnisse könnten aufgebauscht werden, suchten sie die Unsicherheiten zu verschleiern.

"Gebt den Skeptikern nichts, an dem sie sich hochziehen können", schrieb der renommierte Klimatologe Phil Jones von der britischen University of East Anglia am 4. Oktober 2000 in einer E-Mail; Jones steht im Zentrum des Mail-Skandals. Doch stets gab es genügend Studien, auf die sich Kritiker berufen konnten - denn die Forschungsergebnisse weisen weiterhin erhebliche Unsicherheiten auf.

Wissenschaftler wurden von ihren Kollegen bisweilen darauf hingewiesen, dass sie der falschen Seite nutzten: Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research in den USA etwa hatte 1995 bei den Verhandlungen zum zweiten Uno-Klimabericht unter der Einflussnahme der Erdölstaaten zu leiden. Im Januar 2001 beschwerte er sich in einer E-Mail bei seinem Kollegen John Christy von der University of Alabama, dass die Vertreter Saudi-Arabiens bei den Verhandlungen zum dritten Uno-Klimareport eine Studie Christys gefeiert hätten. Christy antwortete: "Wir unterliegen keiner Maulkorb-Verordnung."

"Eine effektive langfristige Strategie"

Der Paläoklimatologe Michael Mann von der Pennsylvania State University versuchte, seine Kollegen in einer E-Mail am 17. September 1998 einzuschwören: Die Fachgemeinschaft müsse eine "einheitliche Front bilden", um eine "effektive langfristige Strategie" entwickeln zu können. Paläoklimatologen rekonstruieren das Klima der Vergangenheit. Ihre Hauptdatenquelle sind alte Baumstämme, deren Jahresringe Aufschluss über das Wetter vergangener Zeiten geben können.

Niemand weiß besser als die Forscher selbst, dass Baumdaten erheblichen Unsicherheiten unterliegen - in ihrem E-Mail-Austausch haben sie die Probleme ausführlich diskutiert. Gleichwohl lassen sich nach sorgfältiger Analyse der Daten brauchbare Klimarekonstruktionen erstellen. Das Problem: Es ergeben sich unterschiedliche Klimakurven, je nachdem, welche Daten einbezogen werden.

Mann und seine Kollegen waren Pioniere, sie schufen die erste Temperaturkurve für die gesamte Nordhalbkugel für die vergangenen tausend Jahre  - unstrittig eine große Leistung. Wegen ihrer Form wird sie auch "Hockeyschläger-Kurve" genannt. 850 Jahre lang schwankte das Klima demnach kaum (Schaft des Schlägers), dann wurde es rasant wärmer (Fuß des Schlägers). Mit den Jahren zeigte sich aber, dass die Kurve Fehler enthielt.

"Denen möchte ich kein Futter geben"

1999 gab es eine zweite Klimakurve, geschaffen von den britischen Forschern Keith Briffa und Phil Jones, der das Climatic Research Unit (CRU) an der University of East Anglia leitet. Der Streit zwischen den beiden Gruppen entzündete sich daran, welche Kurve ganz vorne im Uno-Klimareport von 2001 veröffentlicht werden sollte, in der Zusammenfassung für Politiker.

Für den Hockeyschläger sprach seine überzeugende Gestalt : Der einzigartige Temperaturanstieg in den vergangenen 150 Jahren schien den Einfluss des Menschen auf das Klima klar zu belegen. Briffa aber warnte vor einer Überschätzung des Hockeyschlägers: Manns Kurve solle nicht "als die korrekte" gesehen werden - auch wenn sie helfe, "eine hübsche glatte Geschichte zu erzählen", schrieb Briffa im September 1999 an seine Kollegen.

Briffas Kurve hingegen zeigte eine Warmphase im Hochmittelalter. "Ich glaube, dass die derzeitigen Temperaturen wahrscheinlich jenen von vor tausend Jahren ähneln", schrieb er. Es kam zum Streit, der jedoch bald geschlichtet wurde, als es galt, einem gemeinsamen Gegner Paroli zu bieten. Klimaskeptiker nutzten Briffas Kurve, um den Einfluss des Menschen auf das Klima abzustreiten. Ihr Argument: Wenn es im Mittelalter ohne Abgase so warm war wie heute, könne der Kohlendioxidausstoß des Menschen mit dem Anstieg der Temperaturen nichts zu tun haben.

"Denen möchte ich kein Futter geben", schrieb Mann an seine Kollegen. Er hatte Erfolg: Sein Hockeyschläger landete vorne im Uno-Klimabericht von 2001, die Kurve wurde gar zum Aushängeschild des Reports.

Der "Trick": Eine harmlose Formulierung, die Republikaner nun ausschlachten

Um eindeutige Kurven zu erhalten, mussten die Forscher freilich ein wenig nachhelfen. In der wohl bekanntesten E-Mail der "Climategate"-Affäre schrieb Phil Jones, er habe Manns "Trick" angewandt, um die "Temperaturabnahme zu verstecken". Die Originalformulierung "to hide the decline" wurde inzwischen sogar zum Refrain eines Liedes über den Skandal - und sie wurde von republikanischen Politikern in den USA  weidlich zitiert, um die Klimaforschung zu diskreditieren.

Doch was nach Betrug klingt, erweist sich als Notlösung: Baumringdaten zeigen seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine Erwärmung mehr - und stehen damit im Widerspruch zu den Temperaturmessungen. Diese offensichtlich falschen Baumdaten wurden mit dem umgangssprachlichen "Trick" aus Temperaturkurven getilgt.

Der Streit spitzte sich mit den Jahren zu, wie der E-Mail-Verkehr zwischen den Forschern zeigt. Seit Ende der neunziger Jahre baten mehrere Klimaskeptiker Jones und Mann regelmäßig um ihre Baumringdaten und Rechenmodelle. Sie konnten sich dabei auf die gesetzliche Freiheit wissenschaftlicher Daten berufen.

Daten lieber löschen

Tatsächlich konnten die beiden zunächst fachfremden Wissenschaftler Stephen McIntyre und Ross McKitrick mit den Daten bald systematische Fehler in der Hockeyschläger-Kurve nachweisen. Für Michael Mann gehörte die Kritik zu einer "gut abgestimmten Kampagne", wie er am 30. September 2009 in einer E-Mail resümierte.

Zunehmend verweigerten er und seine Kollegen die Herausgabe von Daten an "die Gegner", wie skeptische Forscher in den E-Mails häufig genannt wurden. Er würde Daten "lieber löschen", als sie herauszugeben, schrieb Jones am 2. Februar 2005 in einer E-Mail.

Heute verteidigt sich Mann: Seine Universität habe die E-Mails untersucht und festgestellt, dass er zu keinem Zeitpunkt Daten unterdrückt habe. Ein Untersuchungsausschuss des britischen Parlaments kam zu einem etwas anderen Urteil: Der Schriftverkehr zeige eine "unverblümte Ablehnung, Daten mit anderen zu teilen".

Soziologen glauben, dass der Schaden irreparabel sein könnte: "Glaubwürdigkeitsverlust ist das zentrale Kommunikationsrisiko der Wissenschaft", sagt Soziologe Weingart. Nur mit kompromissloser Transparenz lasse sich das Vertrauen zurückgewinnen.

Wie verdiente Reputation zu illegitimer Macht wird

Das Lagerdenken unter den Forschern wurde immer feindseliger. Sie debattierten darüber, wem vertraut werden könne, wer zum eigenen "Team" gehöre - und wer womöglich ein heimlicher Skeptiker sei. Wer zwischen die Fronten geriet, gar lagerübergreifende Kontakte pflegte, machte sich verdächtig .

Das Misstrauen beförderte eine Günstlingswirtschaft, wie die E-Mails belegen: Jones und Mann verfügten demnach über erheblichen Einfluss auf Fachmagazine. Wer die Journale kontrolliert, bestimmt, was veröffentlicht wird - und damit als wissenschaftliche Tatsache gilt.

Studien müssen vor der Veröffentlichung von anonymen Kollegen, den Gutachtern, geprüft werden. Mann - ein gefragter Gutachter - habe bei Magazinen als "Türsteher" beim Thema Paläoklimatologie fungiert, monierten Forscher hinter vorgehaltener Hand bereits seit langem. Dass renommierte Wissenschaftler bei Fachjournalen Einfluss gewinnen, ist bekannt - und riskant: "Die Gefahr, dass sich verdiente Reputation in illegitime Macht wandelt, ist das größte Risiko der Wissenschaft", erläutert Soziologe Weingart.

Absprachen bei der Begutachtung

Mann widerspricht gegenüber SPIEGEL ONLINE den Beschuldigungen, übermäßigen Einfluss ausgeübt zu haben. Allein die Fachmagazin-Redakteure wählten die Gutachter aus, nicht er. In Spezialgebieten mit einer überschaubaren Expertenzahl wie der Paläoklimatologie könnten manche Wissenschaftler aber durchaus erhebliche Macht erlangen, gibt Weingart zu bedenken - einen guten Draht zu den Herausgebern der jeweiligen Zeitschriften vorausgesetzt.

Gute Beziehungen zu Fachblättern hatte das "Hockey-Team", wie sich die Gruppe um Mann und Jones mitunter nannte, zweifellos. Untereinander sprachen sich die Kollegen bei der Begutachtung ab: "Habe zwei Studien abgelehnt von Leuten, die sagen, CRU läge falsch mit Sibirien", schrieb CRU-Chef Jones im März 2004 an Mann. Dabei ging es offenbar um Baumdaten aus Sibirien, eine Grundlage der Klimakurven. Später sollte sich herausstellen, dass Jones' CRU-Gruppe die Sibirien-Daten wohl tatsächlich falsch gedeutet hatte. Die Autoren der von Jones abgelehnten Studie vom März 2004 lagen demnach richtig.

In einem anderen Fall jedoch hatten Jones und Mann die Mehrheit der Wissenschaftler auf ihrer Seite. 2003 relativierte eine Studie  im Fachblatt "Climate Research" die derzeitige Warmphase bezüglich der mittelalterlichen Wärmeperiode vor tausend Jahren. Klimaskeptiker feierten die Studie. Die meisten Experten hielten die Arbeit allerdings für methodisch mangelhaft. Doch wie hatte sie dann von den Gutachtern akzeptiert werden können?

"Das Leck wurde gestopft"

"Die Skeptiker haben das Magazin gekapert", folgerte Michael Mann in einer E-Mail am 11. März 2003. Der Einfluss der Gegner müsse gestoppt werden. Das Hockey-Team holte zu einem machtvollen Gegenschlag aus, der das "Climate Research"-Magazin schwer erschüttern sollte: Mehrere Herausgeber legten ihre Ämter nieder . Derartigen Einfluss hatten die Skeptiker nicht. Wenn sich herausstellte, dass alarmistische Klimastudien mangelhaft waren - es gab diverse Fälle  -, wurden ähnliche Konsequenzen nie bekannt.

Dass der Einfluss von Mann und Jones begrenzt war, zeigte sich aber 2005, als die unerbittlichen Hockeyschläger-Kritiker Ross McKitrick und Stephen McIntyre Studien im wichtigsten geowissenschaftlichen Fachblatt "Geophysical Research Letters" (GRL) unterbringen konnten . "Es scheint, als hätten die Gegner einen Zugang zu GRL", schrieb Mann an seine Kollegen. "Wir können es uns nicht erlauben, GRL zu verlieren."

Mann entdeckte, dass ein Herausgeber einst an derselben Universität wie der gefürchtete Klimaskeptiker Patrick Michaels arbeitete - und stellte eine Verbindung her: "Ich glaube, nun wissen wir", schrieb er am 20. Januar 2005, wie diverse Skeptikerstudien "in GRL publiziert werden konnten". Sogleich wurde diskutiert, wie man den GRL-Herausgeber - es handelte sich um den Klimaforscher James Saiers - loswerden könnte. Tatsächlich gab Saiers ein Jahr später sein Amt auf, angeblich freiwillig. "Es scheint, das GRL-Leck wurde gestopft", schrieb Mann in einer E-Mail erleichtert ans Hockey-Team.

"Die interne Kommunikation aller Gruppen unterscheidet sich von der Fassade"

"Climategate" scheint die Kritik, das Wissenschaftssystem leiste immer wieder Kartellen Vorschub, zu bestätigen. Soziologe Peters warnt allerdings vor einer Überinterpretation der Affäre. Die Entstehung von Bündnissen sei in allen Wissenschaftsbereichen üblich: "Die interne Kommunikation aller Gruppen unterscheidet sich von der Fassade."

Man dürfe die Innenwelt einer Gruppe nicht mit den Maßstäben der Außenwelt messen, meint auch Weingart. Kontroversen bildeten schließlich die Basis der Wissenschaft, dabei "komme es unweigerlich zu Abschirmung und persönlichen Konflikten". Die Lagerbildung in der Klimaforschung sei allerdings in ihrem Ausmaß außergewöhnlich.

Wie Wissenschaftler ein Dogma errichteten - und darüber stürzten

Offenbar habe die Nähe zur Politik den Lagerkampf in der Klimaforschung intensiviert, meint Soziologe Weingart. Je stärker eine Wissenschaft politisiert sei, desto tiefere Gräben trennten üblichweise die Lager.

Die große öffentliche Beachtung hat es den Wissenschaftlern schwer gemacht. "Die Klimaforschung", schrieb der renommierte Paläoklimatologe Edward Cook vom Lamont-Doherty Earth Observatory am 2. Mai 2001 in einer E-Mail, sei "dermaßen politisiert, dass es schwierig ist, Wissenschaft zu betreiben". Die Verpflichtung, Daten für den Uno-Klimabericht zusammenzufassen, scheint das Problem zu verschärfen: "Ich habe versucht, die Balance zwischen den Bedürfnissen des Uno-Klimarats zu der Wissenschaft zu halten, was nicht immer dasselbe war", schrieb der Brite Keith Briffa 2007 in einer Mail. Bei dem Versuch, den Ansprüchen der Politik gerecht zu werden, habe man zu viel Wert auf Konsens gelegt, räumt inzwischen auch Max-Planck-Forscher Martin Claußen ein.

Selbst Wissenschaftlern geht es nicht immer nur um die reine Wahrheit, wissen Soziologen: Die öffentliche Debatte diene meist "nur vordergründig der Aufklärung", erläutert Weingart. Vielmehr gehe es darum, "Konflikte durch allgemeine soziale Zustimmung zu entscheiden und abzuschließen." Dafür sei es hilfreich, eindeutige Ergebnisse zu präsentieren.

Wissenschaftler mit eindeutigen Antworten haben ausgespielt

Doch in der Klimaforschung einen entscheidenden Beweis führen zu wollen, erscheint aussichtslos. Der Wissenschaftsphilosoph Silvio Funtovicz hat das Dilemma bereits 1990 vorausgesehen: Die Klimaforschung gehöre zu den "postnormalen Wissenschaften". Aufgrund ihrer Komplexität unterliege sie großen Unsicherheiten, behandle jedoch gleichzeitig ein hohes Gefahrenpotential.

Experten sind demnach im Dilemma: Sie haben kaum eine Chance, den richtigen Rat zu geben. Bleibt die Warnung aus, wird ihnen mangelndes Pflichtbewusstsein vorgeworfen. Eine alarmistische Vorhersage wird jedoch kritisiert, sofern sich nicht wenig später entsprechende Veränderungen zeigen.

Die Unsicherheiten der Forschungsergebnisse bleiben in der Klimatologie wohl auch bei weiterem Fortschritt bestehen. Nun sei die Frage, ob Wissenschaftler und Gesellschaft damit umzugehen lernen, sagt Weingart. Vor allem Politiker müssten lernen, dass es keine einfachen Resultate gibt. "Auf Wissenschaftler, die simple Antworten versprechen, sollten Politiker nicht mehr hören."