Geplante CO2-Einsparungen Bedroht die Coronakrise die Klimaziele der Luftfahrt?

Wegen des Coronavirus streichen viele Airlines ihre Flugpläne zusammen. Kurzfristig nützt das dem Klima - langfristig könnte sich der Effekt aber umkehren.
Ankunft von Passagieren aus China in der Ukraine (am 20. Februar): Wie stark beeinflusst das Coronavirus die Airlines?

Ankunft von Passagieren aus China in der Ukraine (am 20. Februar): Wie stark beeinflusst das Coronavirus die Airlines?

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---/ dpa

Es sind keine einfachen Tage für die Luftfahrtindustrie. Infolge der Coronakrise haben viele Airlines Probleme, ihre Flugzeuge vollzubekommen. Als Reaktion darauf hat der Lufthansa-Konzern am Freitag angekündigt , die Flugpläne massiv zusammenzustreichen. In den kommenden Wochen solle die Kapazität der Linien Lufthansa, Austrian, Swiss, Eurowings und Brussels insgesamt um bis zu 50 Prozent reduziert werden. Womöglich könnte sogar die gesamte A380-Flotte der Lufthansa, insgesamt 14 Flugzeuge, zeitweise komplett am Boden bleiben.

"Das Coronavirus trifft die Luftverkehrswirtschaft in erheblicher Weise", klagt der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL). In anderen Ländern sind die Folgen bereits greifbar: Die seit Jahren angeschlagene Fluggesellschaft Alitalia ist durch die Krise in ihrer Existenz bedroht. Der ebenfalls notorisch kriselnde britische Regionalflieger Flybe hat den Betrieb bereits eingestellt.

Laut einer Statistik des Portals Flightradar24  fanden im Februar im Vergleich zum Vorjahr weltweit 4,3 Prozent weniger Flüge statt. Verantwortlich dafür war vor allem China, wo der Erreger Sars-CoV-2 als Erstes massiv aufgetreten war. Dort war der Luftverkehr an den 25 wichtigsten Flughäfen seit Jahresbeginn um 80 Prozent gefallen. Inzwischen haben die Zahlen wieder etwas zugelegt, auch weil die Regierung in Peking auf eine Wiederaufnahme der Flüge im Land drängt.

Kurzfristig weniger Flugzeuge am Himmel - das führt auch zu einem Absinken der CO2-Emissionen. Das ist, bei allen Problemen, zumindest ein positiver Randaspekt der aktuellen Lage. Aktuell entfallen etwa zwei bis drei Prozent des menschgemachten Ausstoßes von Kohlendioxid auf die Luftfahrt. Allerdings waren die Emissionen zuletzt stark gestiegen, laut dem International Council on Clean Transportation  um 32 Prozent innerhalb von fünf Jahren.

Erster Manager fordert Aussetzung neuer Flugsteuern

Kurzfristig sorgt Corona durch weniger Flüge nun für weniger CO2, langfristig könnte die Epidemie aber einen problematischen Effekt auf die Luftfahrtbranche haben: Mit Verweis auf wirtschaftliche Schwierigkeiten könnten die Airlines in Zukunft Bemühungen für mehr Klimaschutz infrage stellen.

Das könnte einerseits selbst verordnete Maßnahmen betreffen, wie etwa die Anschaffung spritsparender Maschinen oder die freiwillige Kompensation des CO2-Ausstoßes durch den Kauf von Verschmutzungsrechten. Andererseits könnten Fluggesellschaften auch Druck auf politische Entscheidungsträger machen, kontrovers diskutierte Projekte wie etwa die Einführung einer europaweiten Steuer auf Flugbenzin zu beerdigen.

Auch nationale Steuerprojekte wie in Frankreich oder den Niederlanden könnten Ziel von Lobbying der Airlines sein. Der Chef der Fluggesellschaft Air France-KLM, Benjamin Smith, hat bereits in der vergangenen Woche auf einer Konferenz in Brüssel gefordert, Europas Regierungen sollten wegen des Corona-Ausbruchs ihre Pläne für neue Steuern im Flugbereich aussetzen. Und mancher Politiker hat offene Ohren für solche Wünsche. Der Chef der Parlamentsgruppe Luft- und Raumfahrt im Bundestag, der CDU-Politiker Klaus-Peter Willsch, macht sich in Deutschland für eine Aussetzung der eigentlich für den 1. April geplanten Erhöhung der Luftverkehrsteuer stark, zumindest für ein Jahr .

Der Interessenverband Airlines for Europe vertritt 16 Fluggesellschaften  des Kontinents, darunter neben klassischen Branchenschwergewichten wie Air France-KLM oder Lufthansa auch Billigflieger wie Easyjet und Ryanair. Nach eigenen Angaben repräsentieren die Mitglieder etwa 70 Prozent des gesamten EU-Verkehrs. Pressesprecherin Jennifer Janzen sagt im Gespräch mit dem SPIEGEL, man könne die langfristigen Effekte der Coronakrise auf die Nachhaltigkeitsziele der Airlines derzeit nicht absehen.

Die in ihrem Verband zusammengeschlossenen Gesellschaften hätten angekündigt, im kommenden Jahrzehnt zusammen 169 Milliarden Euro in saubereres Fliegen zu investieren, sagt Janzen: "Das sind langfristige Verpflichtungen, die nicht über Nacht verschwinden werden." Aber es sei klar, dass jede zusätzliche finanzielle Belastung "die Situation unserer Fluggesellschaften nur noch schlimmer machen wird".

Unter anderem setzen sich die Airlines auch über ihren weltweiten Verband IATA dafür ein, dass die sogenannten Slot-Regeln verändert werden. Diese betreffen die Start- und Landerechte an Flughäfen und besagen: Nur wenn eine Gesellschaft die ihr zugeteilten Berechtigungen an einem bestimmten Airport zu mindestens 80 Prozent nutzt, erhält sie diese im kommenden Jahr wieder. Sonst werden sie neu ausgeschrieben – und Konkurrenten können das Rennen machen.

Aus Angst, dass ihnen wertvolle Start- und Landerechte verloren gehen könnten, bespielen Fluggesellschaften daher aktuell auch eigentlich nicht wirtschaftliche Verbindungen. Man sehe Signale, dass es in den kommenden Wochen eine Änderung der EU-Regeln geben könnte, sagt Verbandssprecherin Janzen.

Branche will klimaneutral wachsen

Der weltweite Airline-Dachverband IATA geht davon aus , dass die Corona-Epidemie dieses Jahr allein die Passagierluftfahrt zwischen 63 und 113 Milliarden Euro kosten könnte. Die genaue Zahl hänge von der weltweiten Verbreitung des Sars-CoV-2-Erregers ab.

Umweltschützer warnen, die kurzfristigen Verluste dürften den Blick auf die langfristigen Ziele nicht verstellen: "Dies ist eine schwierige Zeit für die Fluggesellschaften", zitiert die "New York Times"  Annie Petsonk von der US-Umweltorganisation Environmental Defense Fund. "Aber das ist kein Grund, die Regeln abzuschwächen und die Fluggesellschaften bei den Bemühungen zur Bekämpfung des Klimawandels vom Kurs abzubringen."

Eine bereits mehrere Jahre alte Regel des internationalen Zivilluftfahrtverbandes Icao wird die Herausforderung für die Airlines verschärfen: Die Branche hat sich verpflichtet, ab diesem Jahr nur noch klimaneutral zu wachsen. Für zusätzliche Emissionen müssen dann Klimazertifikate gekauft werden. Grundlage der Berechnungen dieses sogenannten Corsia-Mechanismus sind allerdings die durchschnittlichen Emissionen der Jahre 2019 und 2020. Wenn in diesem Jahr nun aber wegen Corona weniger geflogen wird, darf der straflose CO2-Ausstoß der Fluggesellschaften auch in Zukunft nur vergleichsweise niedrig liegen.

Wenn in den kommenden Jahren dann wieder mehr Passagiere in den Jets Platz nehmen, müssen die Gesellschaften zusätzliche Verschmutzungsrechte einkaufen. Welchen Preis sie dafür zahlen müssten, ist allerdings noch nicht klar, auch weil die ICAO gerade darüber berät, welche Arten von Klimaschutzprojekten eigentlich in den Zertifikatehandel einbezogen werden.

"Weniger Anreiz, in spritsparende Flugzeuge zu investieren"

Wie hoch mögliche Belastungen für die Fluggesellschaften sein werden, ist also noch nicht klar. Andrew Murphy von der Umweltorganisation Transport & Environment in Brüssel sagt im Gespräch mit dem SPIEGEL aber, er sehe keinen Grund, warum geltende oder geplante Umweltschutzregeln aufgeweicht werden sollten. Zum Beispiel die Luftverkehrsteuer in Deutschland: Diese werde pro Kopf erhoben. Wenn weniger Passagiere flögen, müssten die Fluggesellschaften auch weniger an den Staat abführen.

Eine mögliche Steuer auf Kerosin würde, so sagt es Murphy, auch nicht in diesem Jahr in Kraft treten. Bis es einmal so weit sei, dürften sich die Fluggesellschaften auch wieder erholt haben.

Außerdem profitierten die Airlines gerade von den massiv gesunkenen Ölpreisen – auch ein Effekt der Coronakrise. Die niedrigen Preise könnten sich die Firmen über Warentermingeschäfte auch für die Zukunft sichern, sagt Murphy. "Als Airline kann man gerade ein paar ziemlich gute Deals festzurren." Das sei allerdings ein Problem: "In Zeiten niedriger Ölpreise gibt es weniger Anreiz, in spritsparende Flugzeuge zu investieren."

Auf jeden Fall erhöht die Krise die Kreativität der Airline-Manager. So denkt man bei der Fluggesellschaft Cathay Pacific aus Hongkong gerade darüber nach, bisherige Passagierverbindungen nach Japan zu reinen Frachtrouten umzuwandeln. Man hofft darauf, mit der Luftfracht gutes Geld zu verdienen, auch weil durch Corona der weltweite Schiffsverkehr mit Containern massiv eingebrochen ist.