Treibhausgas-Budget Wie viel CO2 darf die Menschheit noch ausstoßen?

Forscher haben berechnet, wie viel weiteres Kohlendioxid in die Atmosphäre gelangen darf, um die Klimaziele einhalten zu können. Sie zeigen: Der verbleibende Spielraum könnte kleiner sein als gedacht.

AP Photo / Martin Meissner

Das Treibhausgas Kohlendioxid ist in der Atmosphäre ziemlich stabil. Das hat zur Folge, dass ein CO2-Molekül, das heute dort oben ankommt, für Hunderte, gar Tausende Jahre unseren Planeten aufheizen wird. Auch aus diesem Grund erfordert Klimaschutz also vorausschauendes und vor allem rechtzeitiges Handeln.

Daher arbeiten Forscher seit einiger Zeit mit dem Konzept eines sogenannten CO2-Budgets. Dieses soll aufzeigen, wie viel des langlebigen Kohlendioxids und anderer Treibhausgase die Menschheit noch ausstoßen kann, wenn sie die Erwärmung auf anderthalb oder zwei Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzen will.

Zahlreiche Studien haben in den vergangenen Jahren zu ergründen versucht, wie groß dieses CO2-Budget noch sein dürfte. Wichtig dabei: Bisher ist die weltweite Durchschnittstemperatur bereits um ein Grad gestiegen. Entsprechend kleiner ist der Spielraum für den noch verbleibenden CO2-Ausstoß. Das 1,5-Grad-Ziel gilt als ausgesprochen ambitioniert, dafür müsste später in diesem Jahrhundert wohl in großem Stil CO2 aus der Atomsphäre entfernt werden. Neben dem Einsatz technischer Geräte könnte das massenhafte Anpflanzen von Bäumen eine Rolle spielen.

Im Fachmagazin "Nature" versucht ein Forscherteam um Joeri Rogelj vom Imperial College in London nun etwas Systematik in die verschiedenen Schätzungen für das verbleibende Kohlenstoffbudget zu bringen. Dabei beziehen sie auch bisher unterschätzte Faktoren wie das verstärkte Auftauen des arktischen Permafrosts und die daraus resultierende Freisetzung von zusätzlichem Kohlendioxid mit ein. "Das bedeutet, dass unser Spielraum noch kleiner sein könnte, als wir dachten", sagt Elmar Kriegler vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Co-Autoren der Studie.

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Ein definitives Ergebnis, wie viel Treibhausgase die Menschheit noch ausstoßen darf, wenn sie die Ziele des Klimavertrags von Paris einhalten will, liefert auch die aktuelle Arbeit nicht. Die Forscher arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Rogelj und seine Kollegen haben ausgerechnet, dass bei einem Kohlenstoffausstoß von ab heute 480 Gigatonnen eine 50-zu-50-Chance besteht, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Um diese Zahl einzuordnen: Derzeit pustet die Menschheit weltweit etwa 41 Gigatonnen CO2 pro Jahr in die Atmosphäre.

Das bedeutet: Blieben die Emissionen auf dem derzeitigen Stand, ist das verbleibende CO2-Budget nach zwölf Jahren aufgebraucht. Andere Studien hatten das verbleibende Budget für das 1,5-Grad Ziel zum Teil höher angesetzt. Unsicherheiten ergeben sich unter anderem aus der Frage, welche Rolle bei der Erderwärmung Emissionen von anderen Treibhausgasen wie Methan spielen. Hier gehen Rogelj und seine Kollegen davon aus, dass die für das Budget verfügbare Menge an CO2 je nach Entwicklung um 250 Gigatonnen größer oder kleiner sein kann.

Bestenfalls ein paar Jahre Unterschied

Die Forscher stellen aber klar, dass die Unterschiede der bisherigen Schätzungen in der Praxis keine allzu große Relevanz haben. Es geht bestenfalls um ein paar Jahre mehr oder weniger, in denen die Emissionen ähnlich hoch bleiben dürften wie jetzt.

Und noch etwas ist den Wissenschaftlern wichtig: "Die CO2-Emissionen von der Industrie bis zum Verkehr auf null zu bringen, erfordert sofortige Maßnahmen. Ob wir das ein paar Jahre früher oder später erreichen, ist unerheblich dafür, dass wir jetzt Maßnahmen ergreifen müssen", sagt Kriegler. Sein Kollege Rogelj drückt es so aus: "Wie wir uns heute verhalten, wird entscheiden, ob wir eine realistische Chance haben, die Erwärmung auf 1,5°C zu begrenzen. An diesem Ergebnis ändert unsere Studie nichts."

Der von der Kohlekommission ausgearbeitete Plan für den Kohleausstieg in Deutschland bis zum Jahr 2038 gilt nach Ansicht von Experten übrigens als nicht vereinbar mit einem 1,5-Grad-Klimaziel.

chs



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photoshop.info 17.07.2019
1. Und wer
von den Big Three - USA, China, Indien - wird sich um dieses Budget auch nur einen feuchten Kehrricht scheren? Genau: alle drei. Wir glauben hier in Deutschland, dass wir unseren Klimahype problemlos wie unsere Industrieprodukte in die Welt schicken und Abnehmer finden können. Schlaft weiter in Berlin. Und macht schöne neue Klimagesetze. Damit unsere 2% Anteil am Dreck dieser Welt auch pieksauber bleiben. Oder werden.
1lauto 17.07.2019
2. Mein CO2 Fussabdruck
Hat sich vermutlich in den letzten 6 Jahrzehnten verzehnfacht. Auch damals bin ich an den Gardasee, einmal im Jahr als Beifahrer mit dem Gogo meines Vaters. Die Hütte hat auf den 90 qm ca. 6 Leuten eine Unterkunft geboten. Zum Spielen bin ich in den nahen Wald gegangen oder geradelt. Heut fahr ich beruflich schon 40.000 km/a mit dem Auto....
Corni 17.07.2019
3. Stark - jetzt ist das CO2 überall falsch!
Ernsthaft jetzt? Ich schreibe vor fünf Minuten den Kommentar, dass das CO2 den ganzen Artikel über falsch geschrieben wird außer im vorletzten Absatz und jetzt wird auf einmal genau diese eine Stelle geändert, an der es richtig war, so dass es jetzt überall falsch ist?! Absurder geht es ja gar nicht!
mohsensalakh 17.07.2019
4. Schafft endlich die Heizkörpern auf Vierrädern ab!
Milliarden Autos fahren rund um die Uhr, rund um den Globus und pusten Milliarden qm³ heiße abgase in die Atmosphäre - meistens nur um ein Brötchen hier zu kaufen und dort die Freundin besuchen gehen - völlig sinnlos. Mansche leiden dermaßen unter Minderwertigkeitskomplex, dass sie alles Geld, was sie gespart haben für ein Luxus-Schrotthaufen ausgeben, die 2 bis drei mal mehr Abgase produzieren und dann fahren sie damit von A nach A! Spritztour nennen sie es und sind nicht in der Lage zu verstehen, dass sie mit dem stärkeren Motor den Ast auf dem sie sitzen noch schneller absägen! Am dämlichsten sind die, die mit ihren Autos zu den Sporthallen fahren und dort simultan Fahrrad fahren um ihre Beine zu trainieren! Ja fahre doch gleich mit dem Fahrrad hin! Wenn Gehirnmasse fehlt, dann sieht man halt nicht, dass man sein Leben damit zerstört - es muss erst direkt neben ihre Autos Brandherde stehen, damit sie in Panik hin und her rennen!
andrejdelany 17.07.2019
5. Wasserstoff
Eine Wasserstoffwirtschaft, die auf der Erzeugung von grüner oder CO2-neutraler Wasserstofferzeugung basiert, ist die vernünftigste Antwort auf die CO2-Krise der Menschheit. Dezentrale Energieerzeugung von Strom und Wärme mit Brennstoffzellen über den Gasanschluss der Häuser, e-Mobilität, denn das Gasnetz kann problemlos Wasserstoff aufnehmen und dient als gigantischer Speicher. Die Wertschöpfung der Wasserstofferzeugung erfolgt im eigenen Land und nicht beim Ölscheich oder bei Ölkonzernen. Innovativ, zukunftsfähig, wertschöpfend und klimafreundlich. Der Staat muss das alleine anschieben, egal was es kostet und egal wie sehr die Stromwirtschaft mault. Der Markt wird das nicht richten. Es wäre ein vielversprechendes Ziel.
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