Zum Inhalt springen
Fotostrecke

CCS-Technologie: Kohlendioxid unter die Erde

Foto: Patrick Pleul/ picture-alliance/ dpa

CO2-Speicherung "Wir wollen nicht das CO2-Klo Deutschlands werden"

Anstatt es in die Luft zu blasen, wollen Kohlekraftwerke das schädliche Treibhausgas CO2 einfach vergraben. Doch die Technik birgt möglicherweise Risiken, die noch nicht erforscht sind. Ein brandenburgisches Dörfchen wehrt sich jetzt vehement gegen die Testanlage eines Energieriesen.
Von Daniela Schröder
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Vom Kirchturm tönt Protest. Laut, dumpf, minutenlang. 350 Schläge, dann schweigt die große Glocke wieder. An jedem ersten Sonntag im Monat geht das so im kleinen Ort Letschin. Es ist ein Zeichen des Widerstands gegen große Pläne des Energiekonzerns Vattenfall  : Im brandenburgischen Oderbruch will der Stromerzeuger klimaschädliches Gas aus dem Verbrennen von Braunkohle künftig nicht mehr in die Luft blasen, sondern tief unter der Erde entsorgen.

Kohlendioxid

Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen

350 Teilchen pro eine Million Teile Luft (ppm) fordern manche als Grenze der -Konzentration in der Atmosphäre. Aktuell liegt sie bei gut 390 ppm. Nach der begann in Letschin die Mahnglocke zu läuten. Dann wurde sie auch zum Symbol des Protests gegen das Vattenfall-Projekt. Doch der kommt längst nicht mehr nur vom Kirchturm. Bei der jüngsten Demonstration gegen die CO2-Lager in der Region waren tausend Menschen dabei. Für die dünn besiedelte, für lautstarken Widerstand bisher nicht bekannte Gegend an der Grenze zu Polen eine beachtliche Zahl. Dass die Bürger gegen das Vorhaben des Energiekonzerns jetzt auch auf die Dorfplätze gehen, zeigt, wie sehr im Oderbruch die Wut gärt.

"Wir wollen nicht das CO2-Klo Deutschlands werden!" stand auf den Plakaten. "Unsere Heimat darf nicht zur Deponie verkommen", rief der lokale CDU-Bundestagsabgeordnete ins Megaphon. Zustimmende Pfiffe, die Demonstranten klatschten begeistert: Schüler und Rentner, Landwirte und Lehrer, Arbeiter und Unternehmer. Die Proteste im Oderbruch vereinen sie alle, denn hinter der Wut der Menschen steht Angst um die Zukunft ihrer ohnehin strukturschwachen Region. "Warum sollen ausgerechnet wir die Risikopille schlucken?" fragt Ulf Stumpe von der Bürgerinitiative CO2ntra Endlager.

Eine Versuchsanlage zum Abscheiden und Verflüssigen des Treibhausgases läuft bereits seit Herbst 2008 im brandenburgischen Vattenfall-Kraftwerk Schwarze Pumpe. Spätestens 2015 will der Energiekonzern den entscheidenden Schritt weiter gehen und ein Großprojekt starten. Im Braunkohlemeiler Jänschwalde soll die Carbon Capture Storage (CCS)-Technologie zum ersten Mal bei der kommerziellen Stromproduktion zum Einsatz kommen.

Lagerung von bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr

Das Kohlendioxid (carbon dioxide) soll nach dem Verbrennen der Kohle eingefangen (capture), über eine Pipeline abtransportiert und unterirdisch dauerhaft eingelagert (storage) werden. Für Letzteres hat Vattenfall zwei Standorte im Oderbruch im Auge, erste Erkundungen laufen. Salzwasser führende Gesteinsschichten in mehr als tausend Meter Tiefe könnten dort insgesamt bis zu fünf Millionen Tonnen CO2 pro Jahr aufnehmen.

Das Prinzip hinter der neuen Technologie klingt einfach: Gemessen am Brennwert setzt Kohle zwar mehr CO2 frei als jede andere Energieform - rund 1,2 Kilogramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom. Tief unter die Erde gepackt, kann das schädliche Treibhausgas die Atmosphäre jedoch nicht weiter aufheizen. Ein vermeintlich guter Weg also, um die umstrittenen Kohlekraftwerke weiter nutzen und gleichzeitig das Klima schützen zu können.

Wir sind nicht gegen Klimaschutz, sagen die Oderbrüchler, doch wie genau verhält sich das CO2 im Untergrund? Wer garantiert uns, dass wir nicht auf einer Zeitbombe sitzen, die uns eines Tages um die Ohren fliegt? Wer haftet in hundert Jahren für die Sicherheit unserer Urenkel? "Das sind keine diffusen Ängste hysterischer Leute", sagt der Aktivist Stumpe, ein junger Tierarzt. "Es geht um konkrete Fragen nach möglichen geologischen Problemen, doch bisher haben uns weder Wirtschaft noch Politik wissenschaftlich fundierte Antworten darauf gegeben."

Lange Bedenkenliste der Umwelt- und Energieexperten

Die gibt es auch gar nicht. Denn das Erforschen möglicher Risiken hat erst begonnen, Überwachungsmethoden für tief eingelagertes Gas sind noch nicht entwickelt. Entsprechend lang ist die Bedenkenliste der Umwelt- und Energieexperten. Ursachen und Folgen eines möglichen CO2-Lecks sind unbekannt, heißt es etwa beim Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU), auch der Einfluss des Gases auf das Grundwasser sei nicht geklärt.

Zudem hängt die CCS-Technologie vom sicheren Speichern des CO2 ab - nur wenn das Gas in der Erde bleibt, sinkt die Konzentration in der Atmosphäre. Doch im Gegensatz zum Abtrennen des Kohlendioxids im Kraftwerk und einem sicheren Transport zum Speicher hängt die Zuverlässigkeit der Lager von natürlichen Gegebenheiten ab. Leere Erdgasfelder eignen sich besser als Salzwasserschichten, da sie bereits bewiesen haben, dass sie dicht halten. Geeignete Gasfelder allerdings gibt es in Deutschland wenige. Doch beim Klimaeffekt von CCS gilt eine ausreichende Speicherkapazität als Knackpunkt.

Hinter dem Nutzen von CCS steht ein großes Fragezeichen

Kohlekraftwerke

In diesem Punkt warnen die Forscher auch vor einem Bevorzugen der neuen Technologie: Wenn das Recht bekommen, Abgase in die knappen Erdspeicher zu pumpen, dann konkurriert CCS mit der Geothermie oder mit Druckluftspeichern für Windstrom. Der Umwelt-Sachverständigenrat befürchtet durch die Speicherfrage ein "indirektes Subventionieren" und eine "Wettbewerbsverzerrung" zu Lasten erneuerbarer Energien.

Dabei steht hinter dem tatsächlichen Nutzen von CCS ohnehin ein großes Fragezeichen. Mit der Technik lassen sich unter dem Strich maximal 80 Prozent der CO2-Emissionen einfangen, heißt es beim Wuppertal Institut für Klima, Umwelt und Energie. Gleichzeitig sinke der Wirkungsgrad eines Kraftwerks um bis zu 44 Prozent, wodurch entsprechend mehr Kohle verbrannt werden muss. Auch der Wasserbedarf steige um gut 90 Prozent. Die höheren Kraftwerkskosten durch CCS wiederum müssten die Verbraucher tragen - verschiedene Studien gehen von nahezu doppelt so hohen Strompreisen aus.

Ungeklärte Haftungsfrage

Bisher gibt es keine bundesweiten Regeln, die das Einlagern von Kohlendioxid in großem Stil erlauben. Unter der ehemaligen großen Regierungskoalition war ein entsprechendes Gesetz in letzter Minute gescheitert. Grund dafür war die heikle Haftungsfrage: Die Verantwortung für die unterirdischen CO2-Lager sollte 30 Jahre nach dem Abschalten eines Kraftwerks auf die jeweiligen Bundesländer übergehen. Viel zu kurz, fanden vor allem Politiker aus Norddeutschland. Denn dort liegen - abgesehen von den ostdeutschen Bundesländern - die meisten potentiellen Speicher. Und dort waren Bürger bereits auf die Barrikaden gegangen, als der Energiekonzern RWE   Pläne für ein CO2-Lager in Schleswig-Holstein verkündete - und wegen des massiven Protests auch gleich wieder auf Eis legte.

Schwarz-Gelb will nun einen zweiten Anlauf für ein CCS-Gesetz wagen. Vielmehr muss Berlin sich daran machen, denn laut einer EU-Richtlinie sind die Mitgliedstaaten verpflichtet, bis Sommer 2011 entsprechende Regeln zu schaffen. Wann Deutschland soweit sein wird, ist jedoch unklar. Man befinde sich in der Anfangsphase, so der dürre Kommentar aus dem Bundesumweltministerium. Angeblich denkt man dort über ein sogenanntes Vorschaltgesetz nach. Es würde zunächst nur das Ausprobieren der Technologie in einigen Kohlekraftwerken erlauben.

Darunter auch das brandenburgische Jänschwalde. Die Bürger im Oderbruch wittern nun Klientelpolitik aus Berlin - auch in Schleswig-Holstein regieren CDU und FDP. "Wir in Ostdeutschland sind keine Bürger zweiter Klasse", empört sich eine Protestgruppe. Wenn in Schleswig-Holstein kein CO2 eingelagert werde, dann müsse auch Brandenburg verschont bleiben.

Nur ein Vorwand für den Bau neuer Kohlekraftwerke?

Dass niemand eine neue Technik in den Vorgarten gepflanzt bekommen möchte, ist bei Windrädern und Solarzellen nicht anders. Doch im Fall des CO2-Einspeicherns geht es letztlich um Energie aus einem nicht erneuerbaren Rohstoff. "Der Einsatz fossiler Brennstoffe würde auch mit dem Einsatz der CCS-Technik nicht nachhaltig", kommentiert das Umweltbundesamt. Gegner von CCS vermuten ohnehin, dass alles nur ein Vorwand sei, damit die Energiekonzerne in den kommenden Jahren neue Kohlekraftwerke bauen können. Mithilfe von CCS werde lediglich versucht, der Kohle einen grünen Anstrich zu geben, sagt Hans-Josef Fell, Energieexperte der Bündnisgrünen. Forschungsgelder für CCS bereitzustellen, sieht er als "sinnlose Investition in die Vergangenheit".

Zum Erreichen der europäischen Klimaschutzziele kommt CCS ohnehin zu spät. Selbst die Industrie gibt zu, dass es frühestens 2020 so weit sein wird - bis dahin werden alte und neue Kraftwerke das CO2 weiter in die Luft blasen.

erneuerbaren Energien

Befürworter der Technik argumentieren zwar, CCS sei eine optimale Brückentechnologie auf dem Weg ins Zeitalter der . "Der Übergang ist in Deutschland auch ohne CCS möglich", kontert jedoch der Münchner Umwelt- und Energiewissenschaftler Martin Faulstich. Und wenn es mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien so rasant weiter geht wie bisher, sagt Faulstich, wird Deutschland schon in 15 Jahren auf Kohlestrom verzichten können.

Und auch in einem aktuellen SRU-Gutachten heißt es: "CCS stellt nach Einschätzung des SRU eine zwar mögliche, aber nicht nachhaltige und nicht erforderliche Strategie zur Reduktion von Treibhausgasen aus konventionellen Kraftwerken mit sehr beschränktem Gesamtvolumen dar."

CCS als Export-Chance

Ebenso glaubt das Wuppertal-Institut nicht an ein Brückenpotential des CO2-Versenkens. "Die Klimaschutzziele in Europa können wir ohne CCS erreichen", sagt Vizepräsident Manfred Fischedick. "Allerdings sollten wir die Technik entwickeln, um etwas in der Hand zu haben, falls es mit den Erneuerbaren nicht schnell genug voran geht." Vor allem aber, sagt Fischedick, biete CCS eine Exportchance: Boomländer wie China und Indien bauen derzeit ein Kohlekraftwerk nach dem anderen.

Doch solange es kein Gesetz gibt, kann die Industrie nicht loslegen. "Noch ist Deutschland in der Technologie führend, aber das verspielen wir gerade", sagt Vattenfall-Sprecher Damian Müller. In der Luft zu hängen sorgt bei dem Energiekonzern für Unruhe. Denn die technischen Vorbereitungen sind weit, und in das Vorführwerk Jänschwalde sollen satte 1,5 Milliarden Euro fließen. Ohne die CCS-Technologie werde Brandenburg 5000 Arbeitsplätze verlieren, warnte jüngst Vattenfall-Vorstand Reinhardt Hassa.

Arbeitsplätze sind heutzutage nie sicher, sagen die Menschen im Oderbruch. Und was nützen Technologievorsprung und Exportpotentiale, wenn unsere Sicherheit auf dem Spiel steht? "Es wird keinen Kompromiss geben, wir kämpfen weiter", sagt CCS-Gegner Stumpe. "Keiner soll später sagen können, er habe doch von nichts gewusst."