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CO2 sichtbar gemacht So haben Sie das Klimagas noch nie gesehen

Normalerweise ist Kohlendioxid unsichtbar - doch was wäre, wenn wir den Klimakiller sehen könnten? Wir haben es ausprobiert. Sehen Sie hier die spektakulären Bilder der Spezialkamera.

Es ist normalerweise eine Frage von ein paar Minuten. Eigentlich immer, wenn wir bei SPIEGEL ONLINE einen Artikel zum Thema CO2 veröffentlichen und ihn - wie etwa in diesem Fall - mit den rauchenden Schloten eines Kraftwerks oder eines Industriebetriebs illustrieren, bekommen wir die E-Mails: Ob wir denn nicht wüssten, dass dort Wasserdampf zu sehen sei - und nicht etwa Kohlendioxid? Ob wir die Menschen für dumm verkaufen wollten?

Deswegen noch einmal fürs Protokoll: Erstens - wissen wir. Zweitens - nein, das wollen wir auf keinen Fall.

Das Problem an der Sache: CO2 ist als Gas nicht nur geruch- sondern auch farblos. Das macht es ausgesprochen schwer, es zu fotografieren. Und das wiederum heißt, dass wir bei der Auswahl unserer Bilder auf - manchmal vielleicht nicht immer optimale - Alternativen zurückgreifen müssen. So lässt sich jedenfalls die Sache mit den rauchenden Schornsteinen erklären.

Es gibt allerdings durchaus Wege, das Kohlendioxid fürs menschliche Auge sichtbar zu machen. Man braucht dazu eine spezielle Infrarotkamera, wie sie zum Beispiel das israelische Unternehmen Opgal und die US-Firma Flir anbieten - übrigens auch für militärische Zwecke.

Mit einer solchen Kamera haben wir uns an ein Stahlwerk im brandenburgischen Hennigsdorf gestellt, an ein Steinkohlekraftwerk im Berliner Ortsteil Siemensstadt, in die Einflugschneise des Flughafens Tegel, in Einfamilienhaussiedlungen und an Straßenkreuzungen der Hauptstadt.

Mit dem Flir-Gerät sind uns faszinierende Falschfarbenaufnahmen gelungen: Auf ihnen ist das Kohlendioxid zu sehen, das aus dem Auspuff der an der Ampel startenden Autos kommt - je nach Modell und Fahrweise in ziemlich unterschiedlicher Menge. Das aus dem Kraftwerkschornstein strömende Gas, lässt sich noch weit in die Atmosphäre hinein verfolgen, wie es aufsteigt und verwirbelt wird.

Busse, Motorräder, Flugzeuge - sie verwandeln sich auf einmal in gleißende Fackeln. Am Gerät lassen sich verschiedene Farbpaletten wählen, mal zeigt der Monitor das Gas in Grau, mal in Gelb - ganz wie gewünscht.

Fotostrecke

Klimagas: Spezialkamera zeigt CO2

Foto: Flir Systems

Aus dem All spähen auch das "Orbiting Carbon Observatory 2" der Nasa oder der japanische Satellit "Gosat" nach Kohlendioxid. Deutschland und Frankreich wollen für den Job im Jahr 2020 den Satelliten "Merlin" ins All bringen. Doch wenn man einzelne Quellen sehen will, muss man möglichst nah herangehen - mit Spezialkameras wie der von uns getesteten.

Im Grundsatz funktioniert sie wie die Wärmebildkameras, mit denen Eigenheimbesitzer die Wärmedämmung ihres Hauses überprüfen können. Diese Technik gibt es mittlerweile sogar für überschaubares Geld zum Aufstecken für Smartphones.

Die auf CO2 spezialisierte Kamera dagegen ist etwas teurer: Rund 85.000 Euro koste das Modell, sagt Andreas Zinßmeister vom Hersteller Flir Systems. "Kunden sind Firmen in der Öl- und Gasindustrie, im Stahlwerksbereich oder eben immer mehr auch im Kraftwerksbereich." Forscher haben mithilfe der Kamera aber zum Beispiel auch herausgefunden, wie man am besten Champagner einschenken sollte , damit möglichst viele der perlenden Bläschen im Glas landen.

"Der spezielle Detektor, der hier verwendet wird, muss gekühlt werden, um zur vollen Empfindlichkeit zu gelangen", erklärt Zinßmeister. Eine Art Mini-Kühlschrank im Inneren der Kamera bringt das Bauteil auf beinahe minus 200 Grad Celsius. Deswegen surrt das Gerät im Einsatz auch immer leise vor sich hin - jedenfalls, bis nach rund zwei Stunden der Akku getauscht werden muss.

CO2-Konzentration weit über vorindustrieller Zeit

Das Kohlendioxid macht mit einer Konzentration von aktuell etwa 400 Molekülen pro eine Million Luftmoleküle nur einen winzigen Bruchteil der Erdatmosphäre aus. Allerdings absorbiert es bestimmte, charakteristische Wellenlängen der von der Erde abgegebenen Infrarotstrahlung. Genau dieser Effekt ist es, auf den auch die Flir-Kamera ebenso wie die Satelliten setzen. Die Systeme registrieren die Erwärmung der Luft und machen sie so sichtbar.

Diese Absorption von Wärmestrahlung durch CO2 und andere Klimagase wie etwa Methan sorgt auch für den Treibhauseffekt. Der Mensch hat vor allem seit dem 19. Jahrhundert zusätzlich große Mengen CO2 in der Atmosphäre geblasen. Die CO2-Konzentration liegt deshalb inzwischen mehr als 40 Prozent über der des Jahres 1750 - und ist so hoch wie seit mindestens 800.000 Jahren nicht.

Die Folge: Die globalen Durchschnittstemperaturen liegen mittlerweile bereits 1,2 Grad über den Werten aus der Zeit vor der Industrialisierung . Ein positives Signal kam nun immerhin vom Klimagipfel aus Marrakesch: 45 Länder wollen künftig komplett auf Kohle, Öl und Gas verzichten.

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