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Überfischung: Dezimierung im großen Stil

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Computermodell für Weltmeere Alles bloß noch kleine Fische

Wie sieht die Zukunft der Meere aus? Forscher haben erstmals ein Computermodell des gesamten Lebens in den Ozeanen vorgestellt. Demnach ist die Menschheit auf dem Weg, sich um eine wichtige Existenzgrundlage zu bringen: Bestände der großen Fischarten werden drastisch sinken.

Das Leben in den Ozeanen ist zu großen Teilen ein Mysterium. Millionen Tierarten leben in den Weltmeeren, und sie sind meist weit schwieriger zu erforschen als die Spezies auf dem Trockenen. Über den Grund der Tiefsee etwa ist weit weniger bekannt als über die Oberfläche des Mondes.

Jetzt haben Forscher erstmals ein Computermodell vorgestellt, das die Entwicklung des Lebens in den Ozeanen in Gänze darstellt. Die Simulation, die im Rahmen des "Nereus"-Programms der kanadischen University of British Columbia (UBC) und der Nippon Foundation entstanden ist, greift auf Modelle des Erdsystems, des Meereslebens, der Artenvielfalt und des Fischereimanagements zurück. So sind etwa Klimawandelfolgen, die Dynamik des Nahrungsnetzes - also wer wen in den Meeren frisst - und direkte menschliche Einwirkungen wie Fischfang oder Schadstoff-Freisetzungen im Modell enthalten.

Das Resultat war eine Simulation des Meereslebens, die von 1960 bis ins Jahr 2060 reicht. Eines der ersten Ergebnisse der Modellläufe war, dass es derzeit rund zwei Milliarden Tonnen Fisch in den Ozeanen gibt. "Das bestätigt frühere Schätzungen anhand regionaler Modelle", sagte UBC-Fischereiexperte Villy Christensen auf der Jahrestagung des weltgrößten Forscherverbands AAAS, die derzeit im kanadischen Vancouver stattfindet. "Und es klingt nach viel - immerhin wären das für jeden Menschen fast 300 Kilogramm."

Doch der Eindruck täusche. Denn das "Nereus"-Modell  sage eine drastische Abnahme der Menge an größeren Fischen voraus, sollte sich am aktuellen Verhalten der Menschen nichts ändern. Unter dem Strich sei es zwar durchaus möglich, dass die Gesamt-Biomasse an Fisch sich nur wenig ändere, sagt Christensen. Allerdings seien Veränderungen in der Zusammensetzung der Bestände zu erwarten. "Auf Wiedersehen große Fische, hallo kleine Fische" - so in etwa könne man den Blick in die Zukunft zusammenfassen. Damit setze sich der Trend der vergangenen Jahrzehnte fort: Fischereidaten zeigten, dass die Fangmenge an größeren Fischen in den vergangenen 40 Jahren um etwa 55 Prozent gesunken sei.

"Uns geht die Nahrung aus dem Meer aus"

Für viele Millionen Menschen, die sich aus dem Meer ernähren, dürfte das Konsequenzen haben. Etwa die Hälfte aller Fische sei zu klein, um für die Fischerei überhaupt interessant zu sein - und in Zukunft werde sich dieses Problem wohl vergrößern, denn die Nachfrage steige immer weiter. "Uns geht die Nahrung aus dem Meer aus", sagt Christensen.

Der Grund für den Rückgang größerer Fische ist nicht nur, dass sie von der Ausbeutung der Ozeane überproportional stark betroffen sind. So sind die Bestände diverser Speisefische zusammengebrochen und manche Meeresregionen buchstäblich leergefischt. "Früher hatten wir stabile Ökosysteme mit Raubfischen an der Spitze der Nahrungskette", sagt Christensen. Durch den drastischen Rückgang der Raubfischbestände seien die Ökosysteme instabiler geworden.

Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels - und die könnten für die Fischerei negativer ausfallen als bisher vermutet, erklärte UBC-Forscher William Cheung auf der AAAS-Tagung. Bisher war oft die Rede davon, dass die Fischerei-Erträge durch die Erwärmung des Wassers in vielen Regionen sogar steigen könnten. Doch man müsse auch zwei weitere Klimafolgen berücksichtigen, betonte Cheung: die Versauerung der Ozeane und den stellenweise dramatischen Sauerstoffverlust im Meerwasser.

Beziehe man diese beiden Größen in die Berechnungen ein, legten die Gewinner-Regionen des Klimawandels in den Projektionen wesentlich weniger zu, während sich andere Gebiete von Gewinnern zu Verlierern wandelten. Bis zum Jahr 2050 sei gegenüber 2005 mit einem zusätzlichen Minus von 20 bis 30 Prozent bei den maximalen Fangmengen zu rechnen, hat Cheung mit Kollegen im Fachblatt "ICES Journal of Marine Science"  geschrieben.

Nord- und Ostsee gehören zu den Verlierern

Im Europäischen Nordmeer etwa würde die Erwärmung allein für einen 15-prozentigen Anstieg der Fischerei-Erträge sorgen. Rechne man aber Versauerung und Sauerstoffverlust mit ein, bleibe vom Plus nichts mehr übrig, sagt Cheung - dann drohe sogar ein Rückgang um 15 Prozent. Sollte die Prognose stimmen, hätten auch deutsche Fischer nichts zu lachen: In Nord- und Ostsee ist demnach bis 2050 mit einem Rückgang der Fangmengen von 15 bis über 30 Prozent gegenüber dem Jahr 2005 zu rechnen - je nachdem, wie empfindlich die Ökosysteme auf Versauerung und Sauerstoffverlust reagieren.

Der Säuregehalt der Meere steigt mit dem Treibhausgas-Ausstoß der Menschheit: Je mehr Kohlendioxid sich in der Luft befindet, desto größere Mengen nehmen die Ozeane auf. Der sinkende pH-Wert kann für Muscheln, Schnecken, Korallen und Krebstiere fatal sein: Sie können ihre kalkhaltigen Außenskelette im saureren Wasser weniger gut ausbilden. Schon das würde die Fischbestände indirekt stark beeinflussen: Korallenriffe bieten wichtige Lebensräume, Kleinstlebewesen und Zooplankton gehören zur Grundlage der Nahrungspyramide in den Ozeanen. Ende 2011 aber ergab eine Studie, dass Meeresversauerung die Fische auch direkt angreift: Sie schädige Eier und Larven.

Die Ökosysteme der Meere seien durch den Eingriff des Menschen schon jetzt zum Teil destabilisiert worden, sagt Cheung. "Wenn man sie dann zusätzlich dem Klimawandel aussetzt, fordert man Probleme geradezu heraus."

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