Coronavirus Forscher testen experimentellen Impfstoff an sich selbst

Ein Team um einen schillernden Genforscher will mit einem selbst gemachten Impfstoff das Coronavirus besiegen. Das Nasenspray testen sie an sich selbst. Kollegen sind entsetzt.
Genforscher Church in seinem Labor an der Harvard Medical School in Boston

Genforscher Church in seinem Labor an der Harvard Medical School in Boston

Foto: Jessica Rinaldi / REUTERS

Der Genforscher George Church ist dafür berüchtigt, die Pfade der Wissenschaft auf ungewöhnliche Art und Weise zu beschreiten. Gern experimentiert er mit Stammzellen, die von ihm selbst stammen. Auch deshalb ist das Labor des Genom-Pioniers an der Harvard University für unorthodoxe Methoden und neue Ideen bekannt - dort interessiert man sich nicht für die Grenzen zwischen Fachdisziplinen.

Deshalb kann es eigentlich kaum überraschen, was Church und einige andere Forscher, darunter sein ehemaliger Protegé Preston Estep, derzeit treiben: Biologe Estep hat einen Impfstoff gegen das Coronavirus entwickelt. Und die Forscher testen dieses Mittel gegen alle Regeln der Impfstoffentwicklung direkt an sich selbst.

Normalerweise probieren Pharmaunternehmen Impfstoffkandidaten in den ersten Testphasen an Zellkulturen und Tieren aus. Erst später, wenn man von einer grundsätzlichen Verträglichkeit für den Organismus ausgeht, werden sie in aufwendigen und teuren Studien am Menschen erprobt. Aber diese entscheidenden ersten Schritte haben die Forscher ausgelassen. Sie sind selbst zu Labormäusen geworden.

Als sich das Virus im März in der Region um Boston stark verbreitete, habe man nicht tatenlos zusehen und auf einen Impfstoff warten wollen, der möglicherweise erst in einem Jahr verfügbar sein würde, begründen die Forscher ihr Vorgehen.

Der Do-it-yourself-Impfstoff des Rapid Deployment Vaccine Collaborative  (Radvac), so der Name der Forschergruppe, wird als Nasenspray verabreicht. Zuerst habe es nur Entwickler Estep selbst eingenommen, dann immer mehr Forscher. Auch Familienmitglieder der Wissenschaftler, darunter Esteps 23-jähriger Sohn, sollen das Vakzin getestet haben.

Inzwischen hätten es etwa 30 Wissenschaftler in den USA, Schweden, Deutschland, China und Großbritannien ausprobiert. Bisher klagte niemand über mehr Nebenwirkungen als eine verstopfte Nase oder Kopfschmerzen, heißt es in einem Bericht der "New York Times" .

Der Impfstoff basiert auf einem bekannten Prinzip, Experten sprechen von einem Untereinheitenimpfstoff. Das nun entwickelte Nasenspray enthält kleine Fragmente des Coronavirus Sars-CoV-2. Im Körper können diese Peptide allein keine Infektion auslösen. Aber die Radvac-Gruppe hofft, dass ihr Immunsystem trotzdem auf das Mittel reagiert und an Nase und Lunge einen Schutz aufbaut, wenn es tatsächlich mit dem Coronavirus in Berührung kommt. Zusätzlich verwenden die Forscher Chitosan als Trägerstoff. Diese Substanz wird beispielsweise aus den Schalen von Garnelen und Krabben gewonnen.

Das Mixen ist in jeder Arztpraxis möglich

Untereinheitenimpfstoffe, bei denen nur ein kleiner, ungefährlicher Teil des Pathogens verwendet wird, kommen beispielsweise gegen Hepatitis-B oder Humane Papillomviren (HPV) zum Einsatz. Manchmal sind aber Impfwiederholungen notwendig, damit sie wirksam werden. Die Forscher um Church und Estep haben sich ihre selbst zusammengerührte Substanz deshalb schon mehrere Male gespritzt und wollen das Mittel weiterentwickeln.

Bei der Idee geht es nicht um kommerzielle Interessen, versichern die Forscher auf ihrer Webseite . Der Impfstoff soll nicht patentiert werden. Man wolle die Entwicklung mit jedermann teilen. Zudem sei er günstig und leicht herzustellen. Im Grunde könne er in jeder normal ausgestatteten Arztpraxis zusammengemischt werden.

Wirksamkeit mehr als fraglich

Ob das Mittel wirkt, ist allerdings mehr als fraglich. Bisher wurden keine Ergebnisse der Tests veröffentlicht. Die Forscher suchen nach eigenen Angaben nach Corona-Antikörpern in ihrem Blut, doch auch das reicht unter Umständen nicht aus, um eine Immunität sicher nachzuweisen. Aufschluss könnte etwas eine Biopsie geben, bei der Gewebeproben untersucht werden. Bisher ist darüber nichts bekannt.

Ungefähr 200 Impfstoffe sind gegen das Coronavirus derzeit in der Entwicklung. Aber weniger als eine Handvoll Pharmaunternehmen arbeiten an einer Verabreichung über die Nase. Dabei biete diese Methode im Vergleich zu Injektionen klare Vorteile, gibt Church zu bedenken. Im Kampf gegen Covid-19 sei sie bisher vernachlässigt worden, glaubt er.

Experimenteller Impfstoff könnte Krankheitsverlauf sogar verschlimmern

Es ist naheliegend, dass die Radvac-Gruppe für ihren experimentellen Vorstoß erhebliche Skepsis und Kritik erntete. Der Impfstoffexperte George Siber hält es für fraglich, ob die Immunantwort bei einfachen Peptiden stark genug ausfällt. Schlimmer noch, er bemängelt, dass solche Impfstoffe die Krankheitsverläufe auch verschlimmern könnten. "Man muss ganz genau wissen, was man da macht", zitiert die "MIT Technology Review" , die zuerst über die Wissenschaftler berichtete, den Experten.

Laut Arthur Caplan, einem Bioethiker am Langone Medical Center der New York University, sei die Gruppe in höchstem Maße verrückt. Er sieht bei der Qualitätskontrolle von Impfstoffen keinen Spielraum für Selbstversuche. "Die Welt muss der Wissenschaft vertrauen, wenn sich Impfstoffe als nützlich erweisen sollen", schreibt Caplan im Wissenschaftsmagazin "Science"  mit seiner Co-Autorin Alison Bateman-House, einer Gesundheitsexpertin aus New York. Der Do-it-yourself-Impfstoff sei aber ein Hindernis für die Sicherung dieses Vertrauens und wecke falsche Hoffnungen.

Kritiker sprechen von "Schurkenwissenschaftlern"

Caplan spricht von "Schurkenwissenschaftlern" die das Misstrauen von Impfskeptikern anfachen. Dabei müsse die Gesellschaft gerade diese Menschen erreichen und umstimmen, wenn Impfkampagnen Erfolg haben sollen.

Church hält dagegen. Sicherheitsbedenken sieht er nicht, die einzige Gefahr bestünde darin, dass das Vakzin unwirksam sei, sagt er. Und Church ist nicht irgendwer. Er hat wesentliche Methoden zur Sequenzierung der menschlichen DNA entwickelt und sich mit dem Personal Genome Project das Ziel gesetzt, allen Menschen den Zugang zu den Daten ihres eigenen Erbguts zu ermöglichen. Church gilt schon lange als Nobelpreiskandidat.

Allerdings räumen die Forscher auf ihrer Website selbst ein, dass sie nicht für die Sicherheit ihres Impfstoffes garantieren können. Church scheint zu glauben, dass ungewöhnliche Zeiten ungewöhnliche Mittel erfordern. Grundsätzlich respektiere er den klassischen Prozess bei der Herstellung von Impfstoffen, sagt er. Aber es brauche auch Raum für Versuche vor diesen Evaluierungsprozessen. Und am Ende sei fast alles, an dem er in seinem Leben beteiligt war, zuerst als Randbereich angesehen worden.

Tradition unter Impfstoffentwicklern

Ob sich die US-Behörden für diesen Randbereich interessieren, ist ebenfalls unklar. Rechtlich dürfte sich die Gruppe jedenfalls in einer Grauzone befinden. Schließlich verlangt die US-Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) eine Genehmigung zum Testen neuartiger Arzneimittel. Die liegt aber nicht vor und werde auch nicht benötigt, da man den Impfstoff ohne jedes finanzielle Interesse ja nur im Selbstversuch teste und die FDA niemandem vorschreiben könne, was er einnehmen möchte, argumentieren die Forscher.

Ein Durchbruch in der Coronakrise ist der Do-it-yourself-Impfstoff nicht. Ohne Zulassung darf er nicht verabreicht werden und die gibt es nur, wenn sich ein Impfstoffkandidat in groß angelegten Studien als sicher, wirksam und verträglich erweist.

Letztlich folgen die Forscher jedoch einer gewissen Tradition unter Impfstoffentwicklern. Immer wieder haben Wissenschaftler in der Vergangenheit ihre Vakzine zuerst an sich selbst getestet. Auch in der Coronakrise gab es bereits solche Fälle. So spritzte sich der Chef der chinesischen Gesundheitsbehörde seinen eigenen Impfstoff. Und auch Hans-Georg Rammensee, Immunologe an der Universität Tübingen, hat einen Kandidaten für ein Mittel gegen Corona im Selbstversuch ausprobiert.

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