Foto:

SPIEGEL

Veronika Hackenbroch

Medizin Kapitulation vor dem Virus

Liebe Leserin, lieber Leser,

schlechte Ideen werden nicht besser, wenn man ihnen einen neuen Namen gibt. "Gezielter Schutz" nennen drei Forscher der Universitäten Harvard, Oxford und Stanford den alten Gedanken der sogenannten Herdenimmunität. In der "Great Barrington Declaration" fordern sie, alte Menschen und solche mit schweren Vorerkrankungen vor Sars-CoV-2 so gut es geht zu schützen. Alle anderen dagegen sollen wieder ein normales Leben ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen führen können - und sich dabei nach und nach mit dem Covid-19-Erreger infizieren.

Nach einer Weile sollen so viele Menschen immun geworden sein, dass das Virus nur noch selten ein neues Opfer findet. Das soll die Wirtschaft wieder auf die Beine bringen und medizinische Kollateralschäden, etwa durch verschobene Operationen, verhindern. Innerhalb von sechs Tagen haben bereits mehr als 165.000 Menschen, darunter mehr als 16.000 Wissenschaftler und Ärzte, diese Erklärung unterschrieben. Die Initiatoren wurden von Trumps einflussreichem Corona-Berater, Scott Atlas, empfangen, der ebenfalls als Anhänger der Herdenimmunität gilt.

Dabei zeigen nicht nur alle wichtigen Modellrechnungen, sondern auch alle bisherigen Erfahrungen, dass eine solche Strategie nichts anderes ist als eine Kapitulation vor dem Virus. Es ist unmöglich, Alte und Gefährdete sicher abzuschirmen, wenn die Fallzahlen hoch sind. Und wo sollte man überhaupt die Grenze ziehen? Was ist mit dem 60-jährigen Lehrer mit Bluthochdruck? Der 55-jährigen Diabetikerin? Soll sich die eine Hälfte des Landes einsperren, damit die andere feiern kann?

Trainingsmaßnahme für Krankenhaushilfskräfte in Stockholm (8. April 2020)

Trainingsmaßnahme für Krankenhaushilfskräfte in Stockholm (8. April 2020)

Foto: JONATHAN NACKSTRAND/ AFP

In Schweden, wo man die Corona-Maßnahmen minimal hielt, starben bezogen auf die Bevölkerung rund fünfmal so viele ­Menschen wie in Deutschland. Trotzdem hatten sich bis Mitte Juni erst sechs bis acht Prozent der schwedischen Bevölkerung mit Sars-CoV-2 infiziert. Von Herdenimmunität keine Spur, dafür leiden viele Infizierte selbst bei leichten Krankheitsver­läufen an Spätfolgen wie chronischer Erschöpfung, Geruchsverlust, Konzentrationsstörungen.

Wie sehr wir uns auch ein normales Leben zurückwünschen - bis es bessere Medikamente und einen wirksamen Impfstoff gibt, bleibt die beste Option, die Fallzahlen so niedrig wie möglich zu halten. Nur dann werden Schulen und Kitas über den Winter offenbleiben, nur dann wird der normale OP-Betrieb weiterlaufen und Restaurants geöffnet bleiben können. Jeder kann dazu beitragen, dass wir gut durch den Winter kommen: mit Masken, Abstandhalten, Verantwortung und Rücksichtnahme.

Bleiben Sie gesund!

Veronika Hackenbroch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Revolutionärinnen der Gentechnik: Meine Kollegin Julia Merlot berichtet über den Nobelpreis für Chemie, der am Mittwoch an zwei Frauen ging. Bekannt wurde die Erfindung von Emmanuelle Charpentier und Jennifer Doudna durch einen Skandal. Dabei hat ihre Genschere Crispr/Cas9 das Potenzial, die Welt zu verbessern.

  • Der extremste Ort unserer Galaxie: Der Physik-Nobelpreis wurde am Dienstag für die Erforschung von schwarzen Löchern vergeben. Der Deutsche Reinhard Genzel, die US-Amerikanerin Andrea Ghez und der Brite Roger Penrose teilen sich den Nobelpreis für Physik. "Ihre Studienobjekte überfordern unseren Verstand", schreibt mein Kollege Christoph Seidler.

  • Eine Amtszeit reicht: Das renommierte Medizinfachjournal "New England Journal of Medicine" erscheint seit 1811. Erstmalig in seiner Geschichte spricht es eine klare Wahlempfehlung  aus gegen Präsident Donald Trump: "Anyone else who recklessly squandered lives and money in this way would be suffering legal consequences. Our leaders have largely claimed immunity for their actions. But this election gives us the power to render judgment." 

  • Langzeitfolgen von Covid-19: Viele Patienten leiden noch Monate nach ihrer akuten Infektion an Spätfolgen wie Müdigkeit, Atemnot oder Muskelschmerzen, berichtet das Wissenschaftsmagazin "Nature". Bislang gab es keinen einheitlichen Namen für diese Leiden. Nun einigt man sich auf den Begriff "Long Covid" .

Quiz*

1. Stürme wie "Katrina" oder "Sandy" kennt man ja, aber seit September toben Zyklone mit Namen wie "Alpha", "Beta" und "Gamma" über die Ozeane. Wieso diese Namen?

  • a) Die Namen werden meistbietend versteigert, diesmal wurden sie von drei Hedgefunds gekauft und getauft.

  • b) Frauennamen für Stürme wurden bis 2020 vergeben. Seit dem Sturm "Alpha" im September gilt nun eine geschlechtsneutrale Namenskonvention.

  • c) Stürme werden mit Namen nach dem lateinischen Alphabet durchbenannt. Wenn in einem Jahr mehr Stürme auftreten als das Alphabet Buchstaben hat, behilft man sich mit dem griechischen Alphabet.

2. Viele Menschen leiden an Tinnitus, dem "Ohrensausen", dem keine äußeren Schallquellen zugeordnet werden können. Eine experimentelle Therapie verspricht Linderung:

  • a) die elektrische Stimulation der Nase,

  • b) die Hirnstimulation durch eine EEG-Kappe,

  • c) die elektrische Stimulation der Zunge.

3. Was macht eine Katze, wenn sie mich "anlächeln" will?

  • a) Sie legt die Pfoten über beide Ohren ("ear dance").

  • b) Sie blinzelt träge ("slow blink").

  • c) Sie dreht sich im Kreis und tut so, als würde sie ihre eigene Schwanzspitze jagen ("tail dance").

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Eruption des Taal-Vulkans (Januar 2020)

Eruption des Taal-Vulkans (Januar 2020)

Foto: Jes Aznar / The NewYorkTimes / Redux / laif

Bedrohlich wabert eine graue Aschewolke über dem philippinischen Taal-Vulkan nach einer Eruption im Januar. Seither gab es keine Entwarnung, am Mittwoch bebte wieder die Erde. Vulkanstaub kann aber auch helfen, dem Klimawandel entgegenzuwirken, schlagen nun Forscher der britischen University of Southampton  vor: Weggebaggert und mit Schiffen im Meer versenkt, könnte er Kohlendioxid aus der Atmosphäre in Sedimenten binden.

Fußnote  

2,2-mal so schnell wie der Schall soll ein neuer Passagierjet namens "Overture" fliegen, dessen Konzept das amerikanische Start-up-Unternehmen Boom vorgestellt hat. Die Flugzeit zwischen New York und London soll sich fast halbieren auf dreieinhalb Stunden, ähnlich wie bei der "Concorde", deren Betrieb 2003 auch aus Kostengründen eingestellt wurde. Bereits 2021 könnte eine kleinere Version der "Overture" zu Testflügen abheben.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten  
1. c) Die vielen Stürme 2020 führten dazu, dass schon im September alle Buchstaben des lateinischen Alphabets vergeben waren. Um Verwirrung zu verhindern, werden seitdem griechische Buchstaben vergeben. Das geschah erstmalig 2005. Es dürfte in Zukunft häufiger vorkommen, vermuten Meteorologen. Die Antwort b) dagegen ist fast richtig, bis 1978 wurden die Stürme ausschließlich mit weiblichen Namen bedacht, seit 1979 wechseln sich männliche und weibliche Namen ab.
2. c) Die elektrische Stimulation der Zunge, begleitet von spezifischen Klängen, konnte laut einer Studie, veröffentlicht in der Zeitschrift "Science Translational Medicine"  die Tinnitus-Symptome bei rund 80 Prozent der 326 Probanden nach 12 Wochen auch ein Jahr später noch geringfügig lindern.
3. a) Das träge Blinzeln von Katzen ("slow blink") gilt als "Katzenlächeln" ("cat smile"),  schreiben Forscher in Journal "Scientific Reports". Probieren Sie es doch einfach mal Ihrerseits aus, und schenken Sie einer Katze Ihres Vertrauens ein warmes Katzenlächeln.

Sie haben sich durchgeknobelt? Respekt! Wir hätten da vielleicht ein Angebot genau für neugierige Menschen wie Sie! Einfach hier klicken!

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.