Foto:

SPIEGEL

Julia Koch

Corona bremst Artenschutz Verpasste Chancen

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie – bei allen Sorgen und Schwierigkeiten – in Zeiten des Corona-Lockdowns auch die ungewohnte Stille genossen? Wenig Verkehr, kaum ein Flugzeug am Himmel, nur das Zwitschern der Gartenvögel. Die Natur hat vielerorts aufgeatmet, es mehrten sich Berichte über saubere Lagunen und ungestörte Tiere, die ihren Lebensraum für einen Moment nicht teilen mussten mit den sonst allgegenwärtigen Menschen. Ökologen würden diese einzigartige Phase gern nutzen für sonst unmögliche Beobachtungen; doch viele können nicht in ihre Forschungsgebiete reisen.

Wohl selten in der Menschheitsgeschichte wurde mehr Hoffnung in Forscherinnen und Forscher gesetzt als in dieser Zeit – in Virologen, Modellierer, Epidemiologen, Kliniker. Es ist die Stunde der Wissenschaft. Doch auf der anderen Seite bremst der globale Stillstand Artenschutz und Ökologie in ungeahntem Ausmaß, warnen die Herausgeber der Fachzeitschrift "Biological Conservation".

Überall auf der Welt müssen Forscher derzeit Feldstudien unterbrechen, Expeditionen absagen, Konferenzen verschieben. Bedrohte Tierarten und Gebiete können nicht weiter überwacht werden. Niemals zuvor, mahnt der kalifornische Ökologe Ben Halpern im Fachblatt "Science", "gab es einen so essenziellen globalen Wegfall von Datenerhebungen über Arten und Ökosysteme".

Freilebende Gorillas in Ruanda

Freilebende Gorillas in Ruanda

Foto:

Ingo Arndt/ Minden Pictures / Picture-Alliance / dpa

Gerade mal 8,5 Prozent der Feldstudien, ergab eine Twitter-Umfrage unter gut 450 Forschern, können in Corona-Zeiten wie geplant durchgeführt werden. Die Wirtschaftskrise, fürchten Umweltschützer, könnte den Effekt noch verstärken, wenn dadurch Fördermittel ausblieben.

Zugleich verpassen Ökologen Forschungschancen, die sich erst durch die Krise ergeben: Der Lockdown bedeutet weniger Luftverschmutzung, weniger menschlichen Einfluss auf Lebensräume aller Art – das wäre eine einmalige Gelegenheit für verschiedene Disziplinen. Es sei so, als habe man ein Raumschiff auf eine Reise zum Saturn geschickt, so Halpern, und müsse nun ausgerechnet im Moment des Vorbeiflugs alle Instrumente abschalten.

Doch viele Forscher haben auch Hoffnung. Sie setzen auf Bürgerwissenschaftler, die ihnen in diesen Monaten verstärkt durch Beobachtungen in Feld, Wald und Vorgarten zuarbeiten. Und die Pandemie könnte auch zu neuen Allianzen führen zwischen Infektiologen und Artenschützern. Denn die Zerstörung von Lebensräumen und der illegale Wildtierhandel machen es wahrscheinlicher, dass neue Seuchen entstehen.

Sind Sie auch schon Bürgerwissenschaftlerin oder Bürgerwissenschaftler? Über Citizen Science Projekte  in Deutschland informiert zum Beispiel eine Webseite des Bundesforschungsministeriums.

Herzlich
Ihre Julia Koch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Der Zoo ist zu, aber die Tiere sind noch da. Was liegt da näher, als ein paar freizulassen , damit sie endlich mal ungestört ihren Lebensraum erkunden können? Oder damit sie mit den Tierpflegern eine virtuelle Führung aufnehmen für die Menschen daheim? Das Wissenschaftsportal "Popular Science" hat aus der Zeit geschlossener Tierparks eine Sammlung von Videos mit durch Buschwerk hüpfenden Pinguinen und einem Faultier als Gast im Aquarium zusammengestellt.

  • Ungünstiger hätte der Asteroid, der vor 66 Millionen Jahren im heutigen Mexiko auf die Erde traf, kaum auftreffen können. Der tödliche 60-Grad-Winkel verursachte die maximale Einschlagsenergie und zerstörte 75 Prozent des Lebens auf dem Planeten, berichten Hamburger Geowissenschafler .

  • Spielen Sie auch immer noch den Microsoft-Klassiker Solitaire? Dann sind Sie nicht allein .

  • Sind Sie wiederum allein, bedingt durch Kontaktbeschränkungen, dann erleben sie womöglich ein Verlangen nach sozialen Kontakten , das sich neurologisch erklären lässt.

  • Nach den verheerenden Feuern vom vergangenen Sommer lodern am Nordpolarkreis erneut Wald- und Flächenbrände.

Quiz*

  1. Welches ist der größte Planet unseres Sonnensystems?

  2. Was ist ein Barramundi?

  3. Welche ist die mittlere der sieben Farben eines Regenbogens?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: ROUELLE UMALI/ XINHUA / EYEVINE / LAIF

179 Tablets mit Absolventenhüten, auf Roboterkörper montiert, vertraten Schülerinnen und Schüler am 22. Mai nahe der philippinischen Hauptstadt Manila bei einer "Cyber-Graduation". Nur per Facebook konnten die Highschool-Absolventen an ihrer Abschlussfeier teilnehmen, denn zu Corona-Zeiten sind Großveranstaltungen verboten. Zeugnisse gab es auch – sie wurden an den Körpern der Androiden angebracht.

Fußnote  

44,2 Terabit Daten pro Sekunde haben Forscher von den australischen Universitäten Monash, Swinburne und RMIT in Melbourne mittels eines neuartigen optischen Chips per Glasfaser übertragen. Das berichten sie im Fachblatt "Nature Communications". Der Weltrekord glückte ihnen nicht nur im Labor, sondern unter Verwendung von bereits existierender Glasfasertechnik auch auf einer Strecke von gut 76 Kilometern. Die Übertragungsrate entspricht dem Herunterladen von 1000 HD-Kinofilmen in einer Sekunde. Die Technologie könnte beispielsweise 1,8 Millionen Haushalte in der südaustralischen Metropole zugleich versorgen.

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

  • Pandemie:  SPIEGEL-Gespräch mit dem Virologen Christian Drosten über die Lockdown-Bilanz, die zweite Welle und seine Rolle als Lebensretter und Hassfigur

  • Fischerei:  Knast für Kraken - Forscher versuchen, die intelligenten Geschöpfe in Aquakultur aufzuziehen

  • Geschichte:  Stress an Bord - warum es früher auf hoher See so häufig zu Revolten kam

*Quizantworten  
1. Jupiter.
2. Ein Raubfisch aus der Familie der Riesenbarsche.
3. Grün.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.