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Veronika Hackenbroch

Corona-Medikamente Die Illusion vom Wundermittel

Liebe Leserin, lieber Leser,

die Corona-Fallzahlen steigen und steigen und steigen. Bis ein wirksamer Impfstoff in ausreichender Menge zur Verfügung steht, werden noch Monate vergehen. Mindestens.

Hoffnungen ruhen vor diesem Hintergrund auf Medikamenten, die bis dahin helfen sollen, die Krankheit zu zügeln. Zum Beispiel künstlich hergestellte (monoklonale) Antikörper, die das neuartige Coronavirus abfangen und unschädlich machen sollen.

Sie wurden auch Donald Trump verabreicht, als er an Covid-19 litt. Prompt erklärte der US-Präsidenten diese Art von Medikament – obwohl noch keine Studie die Wirksamkeit bewiesen hatte – zum Wunderheilmittel. Im Wahlkampf versprach er, es allen US-Bürgern kostenlos zugänglich zu machen.

Doch jetzt wurde eine Studie gestoppt, in der ein Antikörper der Firma Lilly gemeinsam mit dem antiviralen Medikament ­Remdesivir an im Krankenhaus behandelten Covid-19-Patienten getestet wurde – weil der Antikörper mit Remdesivir nicht ­besser wirkte als das Scheinmedikament in der Placebogruppe. Auch bei der Erprobung eines Antikörper-Cocktails der Firma Regeneron traten Probleme auf. Die Fälle zeigen: Ein Wunderheilmittel gegen Covid-19 ist noch nicht gefunden und die Suche wird mühsam, Hoffnung und Rückschläge gehen dabei Hand in Hand. Jeder Fortschritt bei der Behandlung wird, wie das bei der Entwicklung neuer Medikamente normal ist, hart erkämpft werden müssen.

Gut möglich, dass der Antikörper aus der gestoppten Studie durchaus wirksam ist, aber zu spät im Krankheitsverlauf verabreicht wurde. Vielleicht ist er aber auch unbrauchbar. Vielleicht wird er mit anderen Antikörpern kom­biniert werden müssen, oder völlig andere Antikörper werden sich am Ende als wirksam erweisen. All das wird gerade untersucht.

Pharmaforschung braucht Zeit.

Es ist deshalb gefährlich, in blindem Glauben an rasch verfügbare Medikamente in dem Bemühen nachzulassen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln sind immer noch die wirksamsten Methoden, um Sars-CoV-2 zu bekämpfen.

Selbst wenn in den kommenden Monaten ein monoklonaler Antikörper zur Behandlung von Covid-19 zugelassen werden sollte, sind diese Maßnahmen weiter unerlässlich: Je weniger Menschen erkranken, desto eher wird es genug von einem solchen Medikament für all diejenigen geben, die es dringend benötigen. 

Bleiben Sie gesund!

Veronika Hackenbroch

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract 

Meine Leseempfehlungen in dieser Woche:

  • Insgesamt 50 Crashs von Schwarzen Löchern und Neutronensternen: Der Katalog aller bisher beobachteten "Events" zeigt, dass sich die Gravitationswellen-Astronomie zu einem neuen Zweig der Himmelskunde  gemausert hat.

  • Eine australische Firma hat einen Test entwickelt, der Superspreader identifizieren soll. Jetzt streiten die Wissenschaftler, wie viel er taugt 

  • Wussten Sie, dass es neben der globalen Erwärmung auch eine globale Abkühlung gibt? Die Normaltemperatur gesunder Erwachsener ist in den letzten Jahrzehnten von 37,0 auf 36,6 Grad gesunken . Warum?

  • Im Tierreich lauern noch Hunderttausende potenziell gefährliche Erreger. Wie lassen sich zukünftige Pandemien verhindern?

  • Die Gegenwart ist keine gute Zeit für die Wahrheit. Lügen, Gerüchte und Anschuldigungen des Jahres 2020: Die "New York Times" zieht Bilanz .

  • In Science-Fiction hat das "Hirn im Glas" schon vor langem Eingang gefunden. Jetzt diskutieren Neurobiologen und Bioethiker darüber, wann die Schreckensvision vom Bewusstsein im Reagenzglas  Wirklichkeit wird.

Quiz* (Hier geht es zur interaktiven Version  des Quiz)

1. Wie werden Kobras auch genannt?

a) soso lala
b) naja naja
c) oje oje

2. Welche Farbe hat das Blut der Pfeilschwanzkrebse

a) blau
b) grün
c) golden

3. Wie erhoben sich die Pterosaurier in die Lüfte?

a) mit Katapulten
b) indem sie sich von Felsen hinabstürzten
c) gar nicht

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: Ehre Lab University of North Carolina School of Medicine / Ferrari Press / ddp Images

In den Lungen von Covid-19-Patienten tobt ein Kampf, wie die elektronenmikroskopische Aufnahme zeigt: Die ­Coronaviren (rot) greifen das Flimmerepithel der Lunge mit seinen haarähnlichen Zilien (hellblau) an, das mithilfe von Schleim (grüngelb) Fremdkörper aus der Lunge heraustransportieren soll. Das Bild entstand 96 Stunden, nachdem US-amerikanische Forscher eine Zellkultur aus menschlichen Bronchialzellen mit Sars-CoV-2 infiziert hatten.

Fußnote  

Fünf bis sechs Meter Flügelspannweite hatten aus Fossilfunden rekonstruierte Exemplare der urzeitlichen Familie der Pseudozahnvögel, die vor rund 40 bis 50 Millionen Jahren in der Antarktis ­lebten. Ähnlich wie Albatrosse (mit etwa 3,5 Meter Flügelspannweite die Re­kordhalter unter den heute lebenden Vögeln) jagten ­diese Urzeittiere wahr­scheinlich Tintenfische und Fische und nutzten dabei ihre spitzen Pseudozähne, ­knöcherne Vorsprünge auf den Schnabelkanten

SPIEGEL+-Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten (Hier geht es zur interaktiven Version  des Quiz)
1) Antwort B: Der biologische Artname der Brillenschlange oder Kobra lautet Naja naja. 
2) Antwort A: Das blaue Blut dieser urzeitlichen Meeresbewohner wird von der Pharmaindustrie abgezapft, weil es hochempfindlich auf bakterielle Gifte reagiert.
3) Antwort A: Forscher gehen davon aus, dass die mächtigen Flugsaurier nur starten konnten, indem sie ihre kräftigen Vorderbeine als Katapulte nutzten.

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