Ontario Stark mutierter Coronaviren-Stamm in Weißwedelhirschen in Kanada entdeckt

Das Coronavirus ist vom Menschen auf eine Hirschart in Nordamerika übergesprungen. Nun beschreiben Fachleute, dass sich die Viren in den Wildtieren enorm verändert haben. Ist eine Übertragung auch andersherum möglich?
Der Weißwedelhirsch ist in Nordamerika weitverbreitet

Der Weißwedelhirsch ist in Nordamerika weitverbreitet

Foto: Sven-Erik Arndt / Universal Images Group / Getty Images

In Weißwedelhirschen im Südwesten der kanadischen Provinz Ontario haben Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine neue, stark mutierte Version des Coronavirus nachgewiesen. Dieser Virusstamm habe sich möglicherweise seit Ende 2020 in den Tieren entwickelt.

Dass sich Tiere wie der Weißwedelhirsch mit Sars-CoV-2 infizieren können, ist bekannt. Etwas beunruhigend sei nun jedoch, dass die Fachleute nach eigenen Angaben eine sehr ähnliche Virussequenz bei einer Person in der Region fanden, die engen Kontakt zu Hirschen hatte. Das sei der erste Beweis für eine mögliche Übertragung des Virus von Hirschen auf Menschen, heißt es dazu in einer neuen Studie . Die Arbeit hat das Verfahren der Peer-Review noch nicht durchlaufen, sie wurde also noch nicht von unabhängigen Expertinnen und Experten überprüft.

»Das Virus entwickelt sich bei Weißwedelhirschen weiter und weicht von dem ab, was wir bei Menschen beobachten«, sagte die beteiligte Virologin Samira Mubareka von der Universität Toronto einem Bericht der »New York Times«  zufolge. Allerdings gebe es bislang keine Beweise dafür, dass sich der bei den Hirschen entdeckte Virusstamm unter Menschen ausbreitet oder ein erhöhtes Risiko für sie darstellt. Die mit dem Stamm infizierte Person habe das Virus wahrscheinlich nicht an andere Personen weitergegeben. Vorläufige Laborexperimente deuteten zudem darauf hin, dass die Viren menschlichen Antikörpern vermutlich nicht entkommen können. Unklar ist bislang, wie die Ansteckung von Mensch auf Tier vonstattengehen könnte. Es sei möglich, dass ein Zwischenwirt beteiligt sei.

Sechs Prozent der Tiere wurden positiv getestet

An der Untersuchung waren Fachleute aus verschiedenen Einrichtungen beteiligt: Sie sammelten Nasenabstriche und Proben aus dem Lymphknotengewebe von 300 Weißwedelhirschen, die zwischen dem 1. November und dem 31. Dezember 2021 von Jägern in Ontario getötet wurden. Sechs Prozent dieser Tiere, alle aus dem Südwesten Ontarios, wurden positiv auf das Virus getestet. Von fünf infizierten Hirschen sequenzierten die Fachleute die vollständigen Virusgenome und fanden eine bislang unbekannte Konstellation von Mutationen. An 76 Stellen hatte sich das Virus verändert.

Erste Daten deuteten darauf hin, dass die vorhandenen Impfstoffe auch gegen den neuen Stamm schützen können. In einem Versuch mit manipulierten Pseudoviren, die dem Hirschvirus ähnelten, seien die Antikörper von geimpften Personen in der Lage gewesen, diese Viren zu neutralisieren.

Nur kurz zuvor hatte ein anderes Forschungsteam Ergebnisse präsentiert , ebenfalls zum Weißwedelhirsch, allerdings im US-Bundesstaat Pennsylvania. Auch diese Studie wurde noch nicht überprüft. Sie zeigte, dass sich die Alpha-Variante bei Hirschen in Pennsylvania weiter entwickelt haben könnte, nachdem sie aus menschlichen Populationen verschwunden sei.

Bei Hirschen in Pennsylvania kursiert die Alpha-Variante weiter

Dafür untersuchten Forschende der University of Pennsylvania Nasenabstriche von 93 Weißwedelhirschen, die im Herbst und Winter 2021 in Pennsylvania gestorben waren. Neunzehn Prozent seien aktiv mit dem Virus infiziert gewesen: Fünf Tiere trugen die Delta-Variante in sich, zwei waren mit der Alpha-Variante infiziert. Die Alpha-Welle war zu jenem Zeitpunkt allerdings längst abgeklungen. Es sei möglich, dass die Hirsche die Übertragung und die Infektionen innerhalb ihrer Populationen aufrechterhielten.

Beide Studien zeigen: Es besteht ein Risiko, dass die Viren über längere Zeit unter Tieren wie den Weißwedelhirschen zirkulieren. Und damit besteht ein Risiko, dass sie zu einer Quelle künftiger Varianten werden – auch wenn unklar ist, wie groß dieses Risiko im Fall der Hirsche ist.

»Auf der Grundlage der derzeitigen Informationen würde ich sagen, dass das Risiko, dass Wildtiere wie die Weißwedelhirsche das Virus auf den Menschen übertragen, gering ist«, sagte Jeff Bowman, einer der Autoren der kanadischen Studie. Eine kontinuierliche Überwachung, zum Beispiel auch mit Abwasserscreening , sei jedoch von entscheidender Bedeutung. Die Bevölkerung forderten die Forscherinnen und Forscher auf, alle Richtlinien der Gesundheitsbehörden zu befolgen und keine Wildtiere zu füttern.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurden die Weißwedelhirsche an einer Stelle als »Rehe« bezeichnet. Der Fehler wurde korrigiert.

vki