Suche nach Virusursprung WHO besetzt Corona-Expertengruppe – ohne Christian Drosten

Die WHO will Fachleute nach China schicken, die den Ursprung des Coronavirus ergründen. Nun stellte sie ihr zehnköpfiges Team für die Mission vor – zur Überraschung eines bekannten deutschen Experten.
Covid-19 Patient: Wann und wo ist das Coronavirus auf den Menschen übergesprungen?

Covid-19 Patient: Wann und wo ist das Coronavirus auf den Menschen übergesprungen?

Foto: Jens Büttner / dpa

Woher kommt das Coronavirus Sars-CoV-2? Diese Frage möchte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mithilfe einer Expertengruppe klären, die nach China reisen soll. Am Montag wurden die Mitglieder bekannt  gegeben.

Deutschland ist durch einen Mitarbeiter des Robert Koch-Instituts (RKI) vertreten. Fabian Leendertz ist Experte für Zoonosen, also für Erreger, die von Tieren auf den Menschen überspringen, so wie wohl auch das Coronavirus Sars-CoV-2.

Christian Drosten, einer der Forscher mit der größten Coronavirus-Expertise weltweit, fehlt allerdings in der Gruppe.

Aufruf verpasst

»Viele Wissenschaftler hätten gern zu dieser Mission beigetragen«, schrieb Drosten auf Twitter. »Ich frage mich, wie die auf der Liste ausgewählt wurden.« Drosten hat sich sein ganzes Forscherleben mit Coronaviren beschäftigt und auch den tierischen Ursprung der pandemischen Coronaviren Sars und Mers untersucht.

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Die niederländische Virologin Marion Koopmans, die Teil der Expertengruppe ist, erklärte, es habe einen Aufruf auf der Seit der WHO-Global Outbreak Alert and Response Networks (GOARN) gegeben. Drosten wusste davon offenbar nichts und bedauerte, dass er den Hinweis verpasst hat.

Auf Anfrage des SPIEGEL erklärte die WHO, sie habe am 28. August eine Anfrage an GOARN-Mitglieder geschickt. Insgesamt hätten 38 Experten ihr Interesse bekundet, Teil der Gruppe zu werden. Diese Liste ergänzte die WHO durch weitere Experten, um möglichst viele Weltregionen und Fachgebiete abzudecken.

Dazu habe sie etwa Wissenschaftler über ihre Expertennetzwerke kontaktiert und Vorschläge aus Mitgliedstaaten erhalten. Letztlich wurden 42 Expertenprofile genauer geprüft und zehn Fachleute  ausgewählt, zwei Frauen und acht Männer. Dem Auswahlprocedere entsprechend sind viele Experten dabei, die die WHO bereits zuvor beraten haben.

Chinas Führung durfte Auswahl absegnen

Die Liste sei Ansprechpartnern in China zur Information vorgelegt worden, schreibt die WHO. Es habe keine Einwände gegeben. Laut einem Bericht der in Hongkong ansässigen »South China Morning Post«  erklärte Nothilfedirektor Michael Ryan im Oktober, die WHO stimme die Auswahl mit der chinesischen Führung in Peking ab.

Am 30. Oktober konferierte das neu eingesetzte Team erstmals virtuell mit Fachkollegen aus China. Wann die Forscher sich an Untersuchungen in China beteiligen dürfen, ist allerdings noch unklar.

Ryan sagte am Montag, die WHO erwarte, dass die Expertengruppe so schnell wie möglich vor Ort tätig werden könne. »Wir haben von unseren chinesischen Regierungskollegen die Zusicherung erhalten, dass ein Teil der Mission vor Ort so schnell wie möglich erleichtert wird, damit sich die internationale Gemeinschaft der Qualität der Arbeit sicher sein kann.«

Politisch brisantes Thema

Bereits im Juli hatte die WHO angekündigt, eine Expertengruppe nach China schicken zu wollen. Das Team werde »in wenigen Wochen« eintreffen, hieß es damals. Doch offenbar verwehrten die Verantwortlichen in China bislang den Zutritt. Kritische Stimmen befürchten, dass China unabhängige Experten nicht ins Land lassen wird.

Der Ursprung des Virus ist ein Politikum, weil es dabei auch um die Frage geht, wer Schuld an der weltweiten Virusausbreitung hat. US-Präsident Donald Trump hat China mehrfach vorgeworfen für die Pandemie verantwortlich zu sein. Peking behauptet dagegen, nur weil das Virus erstmals in China identifiziert wurde, müsse es nicht dort entstanden sein.

Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Europäische Union (EU) haben mit Blick auf die Arbeit der WHO-Gruppe in China zuletzt mehr Transparenz gefordert. Bislang sind 1,4 Millionen Menschen weltweit an und mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 gestorben.

Interdisziplinäres Team

Die von der WHO ausgewählten Experten kommen neben Deutschland und den Niederlanden aus Japan, Qatar, Vietnam, Russland, Australien, Dänemark, Großbritannien und den USA und vertreten unterschiedliche Disziplinen. Es sind Virologen vertreten sowie Fachleute für Tiergesundheit und aus dem öffentlichen Gesundheitswesen.

Neben dem Zoonosen-Experten Leendertz  und Koopmans , die sich als Direktorin des Department of Viroscience des Erasmus Medical Centers der Universität Rotterdam mit neu auftretenden Viruserkrankungen befasst und ein WHO-Kooperationszentrum leitet, ist auch der britisch-amerikanische Zoologe Peter Daszak  dabei.

Er ist Präsident der Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance, die sich für den Schutz von Menschen, Tieren und Umwelt vor neu auftretenden Infektionskrankheiten einsetzt. Daszak ist darauf spezialisiert, potenziell gefährliche Erreger zu identifizieren und war auch daran beteiligt, den Ursprung des Sars-Virus, das 2002/2003 grassierte, zu identifizieren.

Ähnlich wie Drosten gehört Daszak zu den meistzitierten Experten seines Fachgebiets. Auf Twitter kritisieren einige dennoch die Auswahl, da Daszak im Labor untersucht, welche Sars-CoV-Viren aus Fledermäusen sich an menschliche Zellen binden können. Er sei befangen, zu bewerten, ob das neue Coronavirus Sars-CoV-2 aus einem Labor in China stamme. Belege oder Hinweise für diese These gibt es bislang nicht.

Andere sehen die Erfahrung Daszaks mit Coronaviren als Beleg, dass er die nötige Expertise für den WHO-Auftrag hat.

Erneute Übertragung verhindern

Das Coronavirus-Sars-CoV-2 hat seinen Ursprung mit großer Wahrscheinlichkeit in Hufeisennasenfledermäusen. Sie sind dafür bekannt, eine große Anzahl Coronaviren in sich zu tragen, aber nicht daran zu erkranken. Über einen Zwischenwirt könnte das Virus von dort auf den Menschen übergegangen sein. Die WHO-Gruppe will klären, ob das erstmals auf einem Markt in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan geschehen ist.

Erste Ende 2019 bekannt gewordene Covid-19-Fälle hatten eine Verbindung zu dem Handelsplatz, allerdings sind auch frühe Infektionen unabhängig davon bekannt geworden. Die Ergebnisse der WHO-Studie sollen helfen, erneute Übertragungen des Erregers auf den Menschen zu verhindern.

Weitere Mitglieder des Teams sind der Epidemiologe John Watson , bis 2017 stellvertretender medizinischer Leiter des britischen Gesundheitsministeriums  und ehemaliges Mitglied einer WHO-Beratergruppe , Farag El Moubasher  vom Gesundheitsministerium in Qatars, die Virologin und Fachfrau für öffentliche Gesundheit Thea Fischer  vom Nordsjællands Hospital der Universität Kopenhagen und der Mikrobiologe Dominic Dwyer  vom Westmead Hospital in Sydney.

Außerdem hat sich die WHO für den Epidemiologen Vladimir Dedkov  vom russischen Institut Pasteur in Sankt Petersburg, den japanischen Forscher Ken Maeda  vom dortigen National Institute of Infectious Diseases und den vietnamesischen Forscher Hung Nguyen  vom International Livestock Research Institute entschieden.

jme
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