Costa Rica Zweiköpfige Schildkröte verblüfft Umweltschützer

An der Pazifikküste Costa Ricas ist eine Schildkröte mit zwei Köpfen geschlüpft. Umweltschützer machten prompt den Klimawandel oder die Verschmutzung der Ozeane für die Missbildung verantwortlich. Reptilien-Experten sind deutlich vorsichtiger.


San José - Eigentlich ist es nur eine gewöhnliche Karibische Bastardschildkröte, noch dazu ziemlich klein. Doch das Reptil hat zwei Köpfe - und die machen es zum Vorboten weit größerer Probleme, glaubt zumindest der Word Wildlife Fund For Nature (WWF).

Zweiköpfige Schildkröte: Seltene, aber keinesfalls sensationelle Erscheinung
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Zweiköpfige Schildkröte: Seltene, aber keinesfalls sensationelle Erscheinung

"Die Schildkröte hat die Aufmerksamkeit des WWF erregt, weil dieser Geburtsfehler mit Umweltverschmutzung oder steigenden Temperaturen in Verbindung stehen könnte", sagte Carlos Drews, Mitarbeiter der Umweltorganisation. Und er ging noch weiter: Die Schildkröten-Spezies könne gar als "Indikator für den Klimawandel und die Wirkung von Pestiziden sowie Landwirtschafts-Chemikalien auf Küsten- und Meeresökosysteme dienen".

Reptilien-Experten möchten dem regionalen WWF-Koordinator für Meeresschildkröten allerdings nicht folgen. Denn zum einen sind Mutationen, die etwa zweiköpfige Tiere zur Folge haben, zwar selten, aber nicht sensationell. "Ich selbst habe schon mehrere gesehen", sagte Sheryan Epperly, Meeresschildkröten-Experte des U.S. National Marine Fisheries Service in Miami.

Zum anderen könne ein einzelnes Tier keinesfalls mit regionalen oder gar globalen Veränderungen in Zusammenhang gebracht werden, betonte Jakob Hallermann von der Universität Hamburg. "Erst bei einem verstärkten Auftreten innerhalb einer Population wäre eine solche Missbildung bedeutsam", sagte der Reptilien-Fachmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Eine Invasion zweiköpfiger Schildkröten scheint es in Costa Rica derzeit aber nicht zu geben: Das jetzt entdeckte Exemplar kam am 20. November an einem geschützten Strand 225 Kilometer westlich der Hauptstadt San José zur Welt, wo Tausende weibliche Schildkröten ihre Eier ablegen. Ein zweites Doppelkopf-Reptil hat sich bisher nicht blicken lassen.

Selbst wenn demnächst doch noch viele missgebildete Schildkröten ihr doppeltes Haupt erheben sollten, wäre es laut Hallermann schwierig, die genaue Ursache dingfest zu machen. "Solche Missbildungen werden normalerweise durch Erbgutschäden beim Muttertier verursacht", erklärt der Biologe. Aus verstrahlten oder vergifteten Eiern würden in der Regel erst gar keine lebendigen Wesen schlüpfen. Meeresschildkröten aber werden uralt und reisen mitunter Tausende Kilometer weit durch die Ozeane. "Da ist es fast unmöglich, die Belastung lokal und zeitlich einzugrenzen."

Markus Becker



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