Crash auf hoher See Experten bezweifeln Greenpeace-Version

Vergangene Woche krachte in der Antarktis ein Greenpeace-Schiff mit einem Walfänger aus Japan zusammen. Nun streiten Jäger und Aktivisten, wer schuld ist - sogar per Videobeweis. Experten ziehen die Greenpeace-Version in Zweifel.

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Für Shane Rattenbury von Greenpeace war die Sache klar. Als sein Schiff, die "Arctic Sunrise" am Samstag in die Flanke des Walfangschiffes "Nisshin Maru" gekracht war, sagte Rattenbury: "Es gab keine anderen Schiffe in der Gegend, und es gab keinen Grund, direkt auf uns zuzusteuern." Die Walfänger, so Rattenbury, hätten das Greenpeace-Schiff vorsätzlich gerammt.

Greenpeace veröffentlichte einige Fotos, Aufnahmen von kurz vor dem Zusammenstoß und Bilder von der eingedrückten Nase der "Arctic Sunrise", um die eigene Version des Unfalls zu belegen. Nun halten die japanischen Walfänger dagegen. Auf der Website ihrer Organisation, des sogenannten "Institute of Cetacean Research", werfen die Walfänger der Besatzung der "Arctic Sunrise" vor, das Fabrikschiff absichtlich gerammt zu haben.

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Walfang: Greenpeace-Schiff kollidiert mit Walfänger

Zwei auf der Seite präsentierte Videos sollen den Vorwurf belegen. Von zwei verschiedenen Orten an Deck der "Nisshin Maru" hatten Besatzungsmitglieder die Kollision aufgenommen. Die Bilder zeigen, wie die "Arctic Sunrise" sich dem Fabrikschiff von rechts nähert und schließlich mit dem Bug gegen die Flanke der "Nisshin Maru" kracht. Betitelt sind die Videos mit "Die 'Arctic Sunrise' rammt die 'Nisshin Maru'".

Auf der Webseite von Greenpeace wiederum heißt es inzwischen, "Tokio flüchtet sich in Lügen". Es handele sich um eine "dreiste Verdrehung der Tatsachen". Mit einem eigenen Video will Greenpeace die eigene Sicht der Dinge untermauern.

Experten für Nautik und Seerecht erklärten SPIEGEL ONLINE auf Anfrage, was sie von den Videos halten. Die sogenannte Kollisionsverhütungsregel regelt die Sache zunächst eigentlich eindeutig: Wenn ein Schiff nicht "manövrierbehindert" ist, gilt auf See rechts vor links. "Manövrierbehindert" kann zum Beispiel ein Schiff sein, das gerade beim Fischen ist - die "Nisshin Maru" ist aber ein Fabrik-, kein Fangschiff und sollte deshalb eigentlich nicht die entsprechenden Zeichen gesetzt haben. Ist dies der Fall, hätte das Greenpeace-Schiff gewissermaßen Vorfahrt - und die Japaner wären schuld an der Kollision.

Hat die "Arctic Sunrise" ein Rammmanöver vollzogen?

Andererseits bemerken die Experten bei der Analyse der Videos: Bei der "Arctic Sunrise" sei, nachdem das Schiff anfänglich ruhig vor sich hin dümpelte, plötzlich eine wachsende Bugwelle zu erkennen. Das Schiff nehme Fahrt auf, schließen die Fachleute - und es nehme sogar Kurs nach Backbord, also auf die "Nisshin Maru" zu. Zudem sei das kleinere Greenpeace-Schiff sehr viel manövrierfähiger als das Fabrikschiff. Es sehe aus, sagen die Experten, die aber nicht namentlich genannt werden möchten, als ob die "Arctic Sunrise" das japanische Schiff bewusst rammen wollte.

"Ein Versenken der 'Nisshin Maru' wäre wahrscheinlich ganz im Sinne der Wale", so ein Experte, "aber nicht richtig im Sinne der Kollisionsverhütungsregel". Dennoch sei eine abschließende Beurteilung allein aufgrund der Aufnahmen nicht möglich - dazu seien weitere Daten wie Ruderlagen- und Maschinendaten, Funkverkehr und Daten der elektronischen Seekarte notwendig.

"Die 'Nisshin Maru' ist eindeutig Schuld"

Regine Frenrichs von Greenpeace, die zum Zeitpunkt der Kollision in einem Schlauchboot auf dem Rückweg zur "Arctic Sunrise" war, schildert die Ereignisse völlig anders: Die 'Nisshin Maru' habe zuvor längsseits neben einem Frachtschiff gelegen, das Walfleisch zum Festland zurücktransportieren soll. Sie sei dann einen engen 360-Grad-Kreis gefahren, um sich auf Kollisionskurs mit der "Arctic Sunrise" zu bringen.

Die "Arctic Sunrise" habe den Rückwärtsgang eingelegt, habe aber nicht mehr rechtzeitig abbremsen können. Die scheinbare Bugwelle könne daher rühren, dass das Schiff gerade in eine Welle hineingefahren sei, so Frenrichs. "Nach den Regeln der Kollisionsverhütungsregel ist die 'Nisshin Maru' eindeutig Schuld", sagt die Greenpeace-Aktivistin SPIEGEL ONLINE. Greenpeace sei eine gewaltfreie Organisation. "Wir haben überhaupt keine Veranlassung, diese Schiffe zu rammen." Ein australischer Seerechtsexperte unterstützte im "New Zealand Herald" diese Darstellung. Das japanische Schiff habe "eine Situation herbeigeführt, in der das Greenpeace-Schiff nicht anders konnte, als es zu rammen", sagte Eric Wilson von der Monash University in Melbourne dem Blatt.

Verletzt wurde bei der Kollision glücklicherweise niemand. Die "Arctic Sunrise" begleitet die japanische Walfangflotte in der Antarktis seit über zwei Wochen. Australien hat die Antarktis zum Schutzgebiet erklärt. Die Internationale Walfangkommission (IWC) hat Japan dennoch den Fang von 850 Zwerg- und zehn Finnwalen genehmigt, nach offizieller Lesart zu wissenschaftlichen Zwecken. Kritiker sehen darin aber nur einen Vorwand, da das Fleisch in Japan für die Zubereitung in Restaurants verkauft wird.

Seit Jahren versucht die japanische Regierung, bei der IWC eine höhere Fangquote durchzusetzen. Bisher scheiterte Tokio allerdings damit. Die IWC forderte Japan im Juni jedoch in einer unverbindlichen Resolution auf, die angeblich wissenschaftliche Waljagd zu beenden.

Die "Nisshin Maru" ist ein Fabrikschiff, in dem die vom Fangschiff "Yushin Maru" erjagten Wale verarbeitet und verpackt werden. Das Greenpeace-Schiff "Arctic Sunrise" ist schon einmal mit eben diesem Fabrikschiff zusammengestoßen: Im Dezember 1999 kollidierten Walfänger und Aktivisten-Schiff, ebenfalls in der Antarktis. Auch damals gab es anschließend heftige Diskussionen darüber, wer nun eigentlich wen gerammt hatte.



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