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SPIEGEL

Philip Bethge

Crispr/Cas9 Neue Gentechnikverfahren in der Landwirtschaft verdienen eine Chance

Liebe Leserin, lieber Leser,

grüne Gentechnik ist für viele Menschen gleichbedeutend damit, monströse Killergewächse zu erschaffen. Zu dieser Sicht neigt offenbar auch Umweltministerin Svenja Schulze (SPD).

In einem Papier zu neuen Gentechnikverfahren schreibt sie, dass »wenige manipulierte Turbopflanzen den Wandel hin zu einer umwelt- und naturverträglichen Landwirtschaft« blockierten. Die neue Gentechnik drohe genau jenes Agrarsystem zu verlängern, »das viele der Probleme, die es auf den Äckern gibt, verursacht hat«.

Doch wie viele Gentechnikkritiker verwechselt Schulze Werkzeug und Produkt. Es stimmt: Die Industrie hat in der Vergangenheit »Turbo­pflanzen« erschaffen, Gewächse wie den RoundupReady-Mais der (inzwischen von Bayer gekauften) Firma Monsanto etwa. Solche Schöpfungen sind gegen Herbizide wie Glyphosat, ebenfalls zum Beispiel hergestellt von Bayer, immun. Im Zusammenspiel eingesetzt, verwandeln sie ganze Landstriche in Agrarwüsten und zwingen Bauern in die Abhängigkeit.

Foto: Ulrich Baumgarten / Getty Images

Das jedoch liegt am Produkt und am zynischen Geschäftsmodell, nicht an der Gentechnik selbst.

Mit neueren Methoden wie Crispr/Cas9 können Pflanzen erschaffen werden, die von konventionell gezüchteten nicht zu unterscheiden sind. Schneller als je zuvor lassen sich auf diese Weise Sorten herstellen, die weniger Pestizide und Dünger brauchen und Resistenzen gegen Schädlinge und Trockenheit besitzen. Solche Pflanzen sind unumgänglich, um die Klimakrise zu meistern.

In Deutschland werden wir uns zwar noch einige Jahrzehnte mit herkömmlichen Arten und Sorten über die Krise retten können. Mais und Sojabohnen beispielsweise könnten künftig vermehrt angebaut werden. Sie sind an wärmeres, trockeneres Klima angepasst. In Europas Süden jedoch und noch mehr global gesehen sind neu entwickelte Pflanzensorten dringend nötig, um die zu erwartenden Ernteeinbrüche zu kompensieren.

Die EU-Kommission hat dies nun gerade anerkannt. Eine neue Studie  im Auftrag der Kommission zeigt auf, dass moderne Gen-Editierungsverfahren das Potenzial haben, im Rahmen der Ziele des Green Deals  und der Farm to Fork-Strategie  der EU zu einem nachhaltigeren Lebensmittelsystem beizutragen. Das derzeit geltende Gentechnik-Recht aus dem Jahr 2001 sei für diese neuen innovativen Technologien »nicht zweckmäßig« und müsse angepasst werden, heißt es.

Bislang nämlich haben Pflanzen, die mit Züchtungsmethoden wie Crispr/Cas9 entstehen, auf EU-Äckern keine Chance. Der Europäische Gerichtshof entschied 2018, dass solche Gewächse unter das Gentechnikrecht fallen. Damit jedoch ist deren Entwicklung und Zulassung in der EU schwierig und langwierig. Wissenschaftler hatten deshalb die Entscheidung des Gerichtshofs immer wieder kritisiert .

Die Politik sollte aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus Populismus ignorieren

Im Mai wollen nun die EU-Minister weiter über die Studie beraten. Leitplanken wären notwendig, die den Missbrauch der Technik verhindern und beispielsweise herbizidresistente Pflanzen wie den RoundupReady-Mais strikt reglementieren. Gleichzeitig jedoch sollte die Politik aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse nicht aus Populismus ignorieren.

Was ist gegen eine Gentech-Kartoffel zu sagen, die beim Braten weniger krebserregendes Acrylamid freisetzt? Muss nicht alles versucht werden, um einer mangelernährten Weltbevölkerung Pflanzen zur Verfügung zu stellen, die größere Mengen lebenswichtiger Vitamine enthalten oder höhere Ernten versprechen? Ließe sich gar die Gentechnik mit dem Ökolandbau vermählen? Darüber sollte Umweltministerin Schulze nachdenken.

Die Industrie hat die Gentechnik in Verruf gebracht. Der Zorn gegen eine Agrarindustrie, die Bauern in die Abhängigkeit treibt und natürliche Systeme zerstört, ist berechtigt. Mit der Technologie an sich hat das jedoch nichts zu tun. Sie bietet Zukunftschancen, auf die nicht nur Europa angewiesen ist.

Herzlich

Ihr Philip Bethge

(Feedback & Anregungen? ) 

Abstract

Meine Leseempfehlungen dieser Woche:

  • Indiens Höllenfeuer, die erschütternde Geschichte  meiner Kollegin Laura Höflinger über Kliniken vor dem Kollaps und überlastete Krematorien

  • Wie unterschiedlich introvertierte und extrovertierte Menschen dem Ende der Pandemie entgegensehen, zeigt diese Diskussion  in »The Atlantic«.

  • Sexismus am Labortisch, Wie Wissenschaftlerinnen systematisch diskriminiert werden, zeigt der Film »Picture a Scientist«. Hier die Filmkritik.

  • Wie Angst vor Mathe Schulkarrieren bestimmt, erklärt »Psychology Today «.

  • Pipettenspitzen aus Plastik sind nicht wegzudenken  aus der Forschung. Jetzt werden sie knapp.

  • 35 Jahre Tschernobyl, eine Bilanz  in »Wired«.

Quiz*

1. Was war das bisher längste Jahr in unserem Kalender?

2. Welche Vorrichtung zum Fensterputzen wurde von der US-Amerikanerin Mary Anderson erfunden und 1903 patentiert?

3. Welche Vögel können rückwärts fliegen?

*Die Antworten finden Sie ganz unten im Newsletter.

Bild der Woche 

Foto: afp

Wie ein kaputter Flickenteppich erscheint dieses Heer an Fahrrädern aus der Vogelperspektive. Lenker an Lenker, Schutzblech an Schutzblech, harren sie auf einem Friedhof für Leihräder im chinesischen Shenyang ihres ­Schicksals. Auch bei uns enden Räder oft unrühmlich, im Gebüsch oder in Flüssen. In China hat das Problem ­riesige Ausmaße – und das Fahrrad droht angesichts der Müllberge sein grünes Image zu verlieren.

Fußnote

22-fach erhöht ist die Sterbewahrscheinlichkeit von schwangeren Covid-19-Patientinnen im Vergleich zu gesunden Schwangeren. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung der University of Oxford. Die Forscher verglichen dazu mehr als 2100 infizierte und nicht infizierte Schwangere aus 43 Krankenhäusern in 18 Ländern miteinander. 12,1 Prozent der Babys er­krankter Mütter hatten nach der Geburt zudem ein positives Corona-Testergebnis.

Empfehlungen aus der Wissenschaft 

*Quizantworten

1) 1972. Als Schaltjahr war es einen Tag und zwei Schaltsekunden länger als üblich. Mehr als eine Schaltsekunde war seither nie mehr nötig.
2) Der Scheibenwischer.
3) Kolibris. Mit einer Frequenz von 40 bis 50 Flügelschlägen pro Sekunde können sie außerdem auf der Stelle und seitwärts fliegen.