Dancefloor-Debatte Dino-Tanzspuren sollen Erdlöcher sein

Die Nachricht vom "Dinosaurier-Dancefloor" ging Ende Oktober um die Welt: Geologen glaubten, in Arizona Hunderte Saurier-Abdrücke auf engstem Raum gefunden haben. Jetzt haben Paläontologen die Stelle untersucht - und halten die vermeintlichen Fußspuren für schnöde Erdlöcher.


Dinosaurier gehören zu den Rockstars der Wissenschaft, doch auch die Urzeitriesen kommen nur selten so groß raus wie Ende Oktober: Geologen hatten im US-Bundesstaat Arizona eine rund 3000 Quadratmeter große Fläche voller Löcher neu untersucht - und waren zu dem Schluss gekommen, dass es sich um eine riesige Ansammlung von Dinosaurier-Fußspuren handelt. Dass Winston Seiler, der die Spuren im Rahmen seiner Magisterarbeit identifiziert hatte, die Fundstelle als "Dinosaurier-Dancefloor" bezeichnete, war dem internationalen Presseecho sicher nicht abträglich.

Seiler hat seine Erkenntnisse im Oktober gemeinsam mit Marjorie Chang, Professorin für Geologie und Geophysik an der University of Utah, im Fachblatt "Palaios" veröffentlicht. In dem Artikel ist auch die Rede davon, dass die Löcher sogenannte Auskolkungen sein könnten - kleine Erdlöcher, die vor relativ kurzer Zeit durch Erosion entstanden sind. Doch Seiler und Chan kamen zu dem Schluss, dass es sich um 190 Millionen Jahre alte Dinosaurier-Fußspuren handelt - und zwar in einer Dichte, wie sie nur selten vorkommt. "Es muss hier mehr als eine Art von Dinosauriern gegeben haben", schwärmte Seiler. "Das war eine Stelle, die die Massen anzog, so wie eine Tanzfläche."

Das Medienecho war so beeindruckend, dass sich Paläontologen zu einem für ihre Verhältnisse blitzschnellen Handeln genötigt sahen. Am 30. Oktober - kaum mehr als eine Woche nach der Nachricht vom Dinosaurier-Dancefloor - wanderten drei Paläontologen und ein Geologe zum vermeintlichen prähistorischen Spaßzentrum.

Nach eingehender Prüfung der Spuren kamen sie zu einem ernüchternden Ergebnis: An der fraglichen Stelle haben Dinosaurier keinerlei Fußabdrücke hinterlassen, geschweige denn das massige Tanzbein geschwungen. Stattdessen handele es sich bei den zahlreichen Vertiefungen tatsächlich nur um eine - wenn auch ungewöhnliche - Ansammlung von Auskolkungen. "Es gibt einfach keine Dinosaurier-Abdrücke an dieser Stelle", sagte Brent Breithaupt, Direktor und Kurator des Geologischen Museums der University of Wyoming. Man habe nicht einmal etwas gefunden, was Dinosaurier-Spuren auch nur ähnlich sehe.

Forscher einig, dass sie uneins sind

Die University of Utah selbst hat die Meinungsverschiedenheiten jetzt publik gemacht - "aufgrund der großen öffentlichen Aufmerksamkeit" für die ursprüngliche Meldung vom Dinosaurier-Dancefloor. Geologin Chan kündigte an, gemeinsam mit den Paläontologen die Spuren nochmals zu untersuchen und dann gemeinsam einen Fachartikel zu veröffentlichen.

"Wissenschaft ist ein kontinuierlicher Prozess der Wahrheitsfindung", sagte die Professorin. Sie betonte, dass sie und Seiler ihren Artikel in "Palaios" keineswegs zurückziehen würden. Man habe das "angemessene wissenschaftliche Verfahren" des genauen Studiums, des Vergleichs mit anderen Veröffentlichungen und des peer reviews - der Prüfung des Artikels durch unabhängige Gutachter - durchlaufen.

"Wir haben das Projekt kritisch durchdacht und sind zu einem anderen Schluss gekommen als die Paläontologen", erklärte Chan. Sollte es sich bei den Löchern wirklich um Auskolkungen handeln, wären diese extrem ungewöhnlich im Vergleich mit ähnlichen Formationen in der gleichen Gegend. "Wir sind aber offen für einen Dialog und freuen uns darauf, die Kontroverse durch Zusammenarbeit aufzulösen", sagte Chan.

Auch Breithaupt sprach davon, dass man die Gesteinsformationen im Vermilion Cliffs National Monument gemeinsam untersuchen werde. "Wissenschaft funktioniert am besten, wenn Forscher zusammenarbeiten", sagte er. Seiler gab ebenfalls zu erkennen, dass er ein guter Verlierer wäre, falls er widerlegt würde: "Das ist Teil der Wissenschaft."

Erst vor kurzem war es in Deutschland zu einer ähnlichen Debatte um Saurierspuren gekommen - allerdings in weit weniger zivilisierter Form. In Sachsen-Anhalt hatten Wissenschaftler die ihrer Meinung nach ältesten Saurierabdrücke der Welt gefunden. Einigen Kollegen gefiel das offenbar so wenig, dass kurz darauf die Fetzen flogen.

mbe



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