Dasgupta-Report zur Biodiversität Was kostet die Welt?

Ein Gutachten im Auftrag der britischen Regierung versucht, den Wert der Natur zu erfassen. Ein neues Wirtschaftssystem ist demnach notwendig, um die biologische Vielfalt zu erhalten.
Unterwasserwelt (im Roten Meer): Den Wert der Natur beschreiben

Unterwasserwelt (im Roten Meer): Den Wert der Natur beschreiben

Foto: Georgette Douwma / Getty Images

Die Nationen der Erde zahlen rund 500 Milliarden US-Dollar jährlich, um die Natur auszubeuten und zu zerstören. Es sind Subventionen für die Landwirtschaft, für fossile Kraftstoffe, für Energie, für die Fischerei oder für Düngemittel.

Insgesamt entstehen durch fehlgeleitete öffentliche Gelder weltweit Schäden im Wert von vier bis sechs Billionen US-Dollar. Für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen dagegen gibt die Menschheit nur zwischen 78 und 143 Milliarden Dollar jährlich aus. Das sind 0,1 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung.

Die alarmierenden Zahlen sind Teil eines neuen Reports zur Ökonomie der Biodiversität des britischen Wirtschaftswissenschaftlers Partha Dasgupta vom St John's College der University of Cambridge. Im Auftrag der britischen Regierung hat Dasgupta versucht, den Wert der Natur zu beschreiben. Am heutigen Nachmittag wird die britische Regierung die Ergebnisse der umfassenden Studie präsentieren .

Natur ist mehr als Wirtschaftsgut

Ähnlich wie der berühmt gewordene Stern-Report, der 2006 die wirtschaftlichen Folgen der globalen Erwärmung untersuchte, legt die Dasgupta Review  die wirtschaftlichen Konsequenzen der Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen dar. Der Professor fordert einen nachhaltigeren Umgang mit der Natur und stellt einen neuen wirtschaftlichen Rahmen vor, der es ermöglichen soll, Biodiversität und Wohlstand gleichermaßen zu erhalten und zu mehren.

Waldbrände im Amazonasgebiet: Ökologischer und klimatischer Kollaps

Waldbrände im Amazonasgebiet: Ökologischer und klimatischer Kollaps

Foto: Sandro Pereira / Fotoarena / imago images

»Die Wachstums- und Entwicklungstheorien, die unsere Vorstellungen über den Fortschritt und Rückschritt von Nationen geprägt haben, erkennen die Abhängigkeit der Menschheit von der Natur nicht an«, schreibt der Forscher. Natur sei mehr als ein bloßes Wirtschaftsgut. Sie habe nicht nur einen »Gebrauchswert«, sondern auch einen »Eigenwert«. Ein Wirtschaftssystem, das auf grenzenlosem Wachstum fußt, werde zum ökologischen und klimatischen Kollaps führen.

Um die Herausforderung zu stemmen, fordert Dasgupta einen Marshallplan für die Biodiversität. Vier Wege sieht er, um die klaffende Lücke zwischen dem globalen ökologischen Fußabdruck und der Regenerationsfähigkeit der Biosphäre zu schließen: Die Senkung des globalen Pro-Kopf-Verbrauchs; die Reduzierung der Weltbevölkerung; die Erhöhung der Effizienz, mit der Güter und Dienstleistungen bereitgestellt werden; sowie höhere Investitionen für den Erhalt und die Regeneration natürlicher Systeme.

Bedrohlicher Verlust von Lebewesen, Ökosystemen, Wildnis und natürlicher Schönheit

»Der Dasgupta-Report hält uns den Spiegel des Marktversagens im Portfoliomanagement unserer natürlichen Lebensgrundlagen vor«, kommentiert Georg Schwede, Europachef der Campaign for Nature, »es ist hohe Zeit, die von der Natur erbrachten Leistungen in unsere Wirtschaftsbilanzen und Finanzmodelle mit einzubeziehen. Sonst wird uns der notwendige Paradigmenwechsel im Umgang mit der Natur nicht gelingen«.

Die Erde erlebt das sechste Massenaussterben ihrer Geschichte, einen bedrohlichen Verlust von Lebewesen, Ökosystemen, Wildnis und natürlicher Schönheit. Schuld ist der Mensch. Er vernichtet, was ihn ernährt, was ihm Schutz bietet, was ihn inspiriert – kurz: Was ihn am Leben erhält.

Seit 1970 sind die Populationen von Säugetieren, Vögeln, Fischen, Reptilien und Amphibien im Durchschnitt um fast 70 Prozent zurückgegangen. Zwischen einer halben und einer Million Arten sind vom Aussterben bedroht, ein Viertel aller katalogisierten Tier- und Pflanzenarten soll bereits verloren sein.

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Eine Verschiebung der natürlichen Systeme findet statt, noch verstärkt durch den Klimawandel. Der Weltbiodiversitätsrat hat diese eindringliche Warnung bereits 2019 in einem Report  formuliert. Der Dasgupta-Bericht versucht nun – auch mit Blick auf den UN-Biodiversitätsgipfel im Mai im chinesischen Kunming – diese Mahnung wirtschaftswissenschaftlich zu unterfüttern.

Rotwild im Taunus: Intrinsischer Wert der Natur

Rotwild im Taunus: Intrinsischer Wert der Natur

Foto: Jan Eifert / imago images

Zu viele Menschen auf der Erde

Wie kann es gelingen, die Natur und ihre Leistungen auf fundamentaler Ebene in das globale Wirtschaftssystem einzubinden?

Die Kernbotschaften des Papiers:

  • Der Mensch ist Teil der Natur. Auch die Volkswirtschaften sind eingebettet in die Natur. Der derzeitige Umgang mit der Biodiversität gefährdet den Wohlstand heutiger und zukünftiger Generationen. Dort, wo die natürlichen Systeme zusammenbrechen, wo der Boden und seine Organismen, die Pflanzen und ihre Bestäuber verschwinden, verliert die Erde die Fähigkeit, Nahrung zu produzieren und Leben zu erhalten.

  • Der Schutz von Ökosystemen hat Priorität gegenüber der Renaturierung, die immer kostspieliger ist. Dasgupta schließt sich dem 30-30-Ziel an: Bis 2030 sollten demnach 30 Prozent der Land- und Ozeanfläche der Erde unter Schutz gestellt werden. Bislang sind es nur rund 15 Prozent der Landfläche und nur 7 Prozent der Ozeane.

  • Die Landnutzung muss sich ändern. Gentechnisch veränderte Nutzpflanzen etwa könnten die Erträge erhöhen, den Klimawandel lindern und den Verlust der biologischen Vielfalt verringern, schreibt Dasgupta. Außerdem empfiehlt er Präzisionslandwirtschaft, integrierten Pflanzenschutz und den Verzicht auf Fleisch. Tierhaltung beanspruche fast 80 Prozent der weltweiten Agrarfläche.

  • Es gibt zu viele Menschen auf der Erde. Bildung für alle ab dem Vorschulalter, Zugang zu effektiven Verhütungsmitteln und moderne Familienplanung seien notwendig, um die Geburtenraten wirksam zu senken.

  • Starke Staaten müssen die Interessen der Natur vertreten. Steuern, Subventionen, Verbote und naturspezifische Mechanismen wie etwa die Bezahlung von Ökosystemleistungen kämen infrage, um das Naturkapital zu schützen.

  • Der Markt hat versagt. Der wahre Wert von Güter und Dienstleistungen spiegelt sich nicht in den Marktpreisen wider, weil der Verbrauch an Naturkapital bislang nicht eingepreist ist. Verantwortlich seien jedoch nicht allein die Unternehmen, sondern vor allem die Institutionen, insbesondere die Finanz- und Bildungssysteme.

  • Das Bruttoinlandsprodukt als Indikator für wirtschaftlichen Erfolg hat ausgedient. Stattdessen schlägt Dasgupta den Begriff des »inklusiven Wohlstands« vor, der den Wert von Naturkapital in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung einbezieht.

Dabei reiche es nicht allein aus, der Natur kühl einen Wert zu geben, schreibt der Professor. Schon 1997 versuchten Forscher genau das im Fachmagazin »Nature«. Sie schätzten den Wert der sogenannten Ökosystemleistungen ab, jener Dienstleistungen der Biosphäre, die das Leben auf der Erde erst möglich machen.

Die Experten errechneten  einen Wert von 16 bis 54 Billionen US-Dollar jährlich. Diese Zahl sei Mitte der 90er-Jahre größer als die globale Wirtschaftsleistung gewesen, berichtet Dasgupta. Sie sollte wohl beeindrucken. Das jedoch sei falsch herum gedacht, das Konzept verfing nicht. Stattdessen bräuchte es eine tiefer gehende Wertschätzung der Natur: »Die Güter und Dienstleistungen der Natur sind die Grundlage unseres Wirtschaftens«, so der Professor, die Biosphäre sei »unser Zuhause«, der Mensch »völlig abhängig von ihr«.

»Wenn uns unsere gemeinsame Zukunft und die gemeinsame Zukunft unserer Nachkommen am Herzen liegt, sollten wir alle Naturforscher sein«

Partha Dasgupta

Dasgupta fordert deshalb ein komplettes Umdenken. Eine neue Ethik, ein neues Menschenbild seien notwendig, um die Krise der Natur zu bewältigen. Diese Haltung müsse durch Bildung schon früh geprägt werden: »Jedes Kind in jedem Land« müsse in Naturgeschichte unterrichtet werden, »um in die Ehrfurcht und das Wunder der Natur eingeführt zu werden«.