Datendiebstahl Erneut Tausende Klimaforscher-Mails veröffentlicht

Die "Climategate"-Affäre geht in die nächste Runde: Erneut haben Hacker Tausende gestohlene E-Mails von Klimaforschern veröffentlicht. Das Timing erinnert an die erste illegale Verbreitung von Forscher-Mails von 2009, die ebenfalls unmittelbar vor einem Uno-Klimagipfel stattfand.
Luftverschmutzung: Welche Folgen hat der Klimawandel?

Luftverschmutzung: Welche Folgen hat der Klimawandel?

Foto: JOSEPH EID/ AFP

Vor zwei Jahren erschütterte der Skandal die Klimaforschung: Anonyme Hacker hatten Tausende E-Mails renommierter Wissenschaftler von einem Server der britischen University of East Anglia gestohlen und veröffentlicht - nicht irgendwann, sondern unmittelbar vor dem Uno-Klimagipfel von Kopenhagen. Das Treffen, an dem die Staats- und Regierungschefs aller großen Nationen teilnahmen, war mit ungeheuren Erwartungen aufgeladen.

Die sogenannte Climategate-Affäre hinterließ tiefe Kratzer in der Glaubwürdigkeit der Klimaforschung - auch wenn am Ende vom angeblichen Skandal wenig übrig blieb. Zwar ergaben mehrere offizielle Untersuchungen, dass einige Forscher versucht hatten, die Herausgabe von Messdaten an Kritiker zu blockieren und damit gegen geltendes Recht verstoßen hatten. Auch eine gewisse Wagenburg-Mentalität in der Klimawissenschaft wurde in den E-Mails erkennbar. Doch von dem Verdacht, Daten systematisch falsch dargestellt oder gar manipuliert zu haben, wurden die beteiligten Wissenschaftler freigesprochen.

Jetzt haben Datendiebe erneut Tausende Forscher-E-Mails veröffentlicht. Zunächst auf einem russischen Server, dann auch an anderen Stellen wurde eine Datei mit 5349 E-Mails und einer Reihe weiterer Dokumente zum Download angeboten. Die University of East Anglia teilte am Dienstag mit, dass die E-Mails offenbar authentisch seien, auch wenn man noch nicht den kompletten Datensatz geprüft habe. Es gebe aber keine Anzeichen, dass Hacker erneut in die Server der Universität eingedrungen seien: Die E-Mails stammten anscheinend allesamt aus der Zeit bis 2009.

Keine Hinweise auf neuen Datendiebstahl

Die 173 Megabyte große Datei namens "FOIA2011.zip" enthält zudem weit mehr als nur die 5349 E-Mails. Die größte Datenmenge macht ein verschlüsseltes Archiv aus. Darin befänden sich rund 220.000 weitere E-Mails, wie die Datendiebe in einer begleitenden Erklärung schreiben. Das Archiv sei "aus vielerlei Gründen" verschlüsselt, eine Veröffentlichung des Passworts sei nicht geplant.

Die frei zugänglichen E-Mails enthalten offenbar nichts substantiell Neues. Was die anonymen Hacker daraus zitieren, deckt sich weitgehend mit den Enthüllungen von 2009. So sind in dem Datensatz Mails von Phil Jones enthalten, der schon damals im Mittelpunkt der Affäre stand. Der Chef des Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia musste seinerzeit unter anderem einräumen, wichtige E-Mails zur Dokumentation seiner Forschung gelöscht zu haben. Auch soll er andere Forscher dazu aufgefordert haben, Daten auf diese Weise zu vernichten.

In den jetzt veröffentlichen Schriftwechseln taucht erneut eine derartige Mail auf, die von Jones stammen soll, deren Authentizität aber bisher nicht bestätigt ist. "Ich habe gehört, dass das IPCC über nationalen Informationsfreiheitsgesetzen steht", heißt es in der Mail vom Sommer 2009. Eine Möglichkeit, "sich selbst und alle anderen zu schützen", die am nächsten Sachstandsbericht des Uno-Klimarats mitarbeiteten, sei es, "am Ende des Vorgangs alle E-Mails zu löschen". Nur sei das schwierig, "weil nicht jeder daran denken wird, das auch zu tun".

Wortgewaltiger Forscherdisput

In einer anderen E-Mail übt Raymond Bradley, Direktor des Climate System Research Center der University of Massachusetts in Amherst, scharfe Kritik an einer Studie seiner Kollegen Phil Jones und Michael Mann. In dem 2003 veröffentlichten Fachartikel wurden unter anderem Baumringe als Beleg für den von Menschen verursachten Klimawandel angeführt. Bradley bezeichnete die Studie in seiner E-Mail als "wirklich erbärmlich": "Sie hätte niemals veröffentlicht werden dürfen."

Gegenüber der "New York Times" bestätigte Bradley, die E-Mail geschrieben zu haben. Allerdings seien Fachdispute mit teils deftiger Wortwahl Teil des normalen Wissenschaftsbetriebs. Auch Mann hat nach eigenen Angaben keine Probleme damit: "Forscher sind darauf angewiesen, offen zu diskutieren und manchmal auch streiten zu können", sagte er der Zeitung. "Die Wissenschaft erfordert das."

Tatsächlich haben Bradley und Mann immer wieder eng zusammengearbeitet. Unter anderem haben sie 1999 gemeinsam die berühmte "Hockeyschläger-Kurve" veröffentlicht, die den Temperaturanstieg der vergangenen 1000 Jahre beschreibt. Eine Meinungsverschiedenheit über eine einzelne Studie, so Bradley, sage rein gar nichts über die Existenz des Klimawandels insgesamt aus.

"IPCC ist eine organisierte Verschwörung"

In anderen E-Mails ist die Rede von Unsicherheiten bei der Berechnung des Klimas der Zukunft. Auch solche Debatten hatten Kritiker schon 2009 als angeblichen Beweis angeführt, dass die Klimaforschung nicht valide sei - ungeachtet der Tatsache, dass die Probleme bei der Klimamodellierung kein Geheimnis sind und nicht nur in E-Mails, sondern auch öffentlich bei Kongressen diskutiert werden.

Klimawandel-Skeptiker bejubeln die erneute Veröffentlichung gestohlener E-Mails dennoch. "Sie sind echt und sie sind spektakulär!", heißt es im Blog "Watts Up With That?". Der Klimawandel-Skeptiker Myron Ebell von der US-Denkfabrik Competitive Enterprise Institute bezeichnete den Datensatz gar als endgültigen Beweis, dass der Uno-Klimarat IPCC - für den weltweit Tausende Wissenschaftler arbeiten - "eine organisierte Verschwörung" sei, um der Welt weiszumachen, die globale Erwärmung sei gefährlich.

Klimaforscher Mann reagiert inzwischen sichtlich genervt auf derartige Anwürfe. Gegenüber der Nachrichtenagentur AP bezeichnete er die erneute Veröffentlichung als "armselige Episode". Erfüllungsgehilfen der Öl-, Kohle- und Gasindustrie versuchten mit "Schmutzkampagnen, Unterstellungen und dem kriminellen Hacken von Websites" ihre Ziele zu erreichen. Dass jetzt zwei Jahre alte E-Mails verbreitet würden, sei ein Zeichen dafür, "wie verzweifelt die Klimawandel-Verneiner inzwischen sind".

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