Datenklau bei Klimaforschern Keine Hinweise auf die große Verschwörung

Hitzig diskutieren Wissenschaftler und Blogger über Dokumente britischer Klimaforscher, die ein Hacker gestohlen und öffentlich gemacht hat. Große Enthüllungen bergen die Dateien wohl nicht. Gezeigt hat die Affäre aber: Die Klimaforschung braucht noch mehr Transparenz.
Gesammelte Daten (Symbolbild): "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut."

Gesammelte Daten (Symbolbild): "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut."

Foto: Boris Roessler/ dpa

Zumindest das Timing stimmt. Nur wenige Tage vor dem Klimagipfel in Kopenhagen sorgt ein Konvolut von Dokumenten im Netz für Aufregung, das Hacker von einem Computer der Climatic Research Unit (CRU) der University of East Anglia gestohlen haben. Zufall? Wohl kaum. Wann wenn nicht jetzt, kann man mit solchem Material für Schlagzeilen sorgen?

Ob alle Dokumente authentisch sind, kann momentan noch niemand sagen - auch wenn einiges darauf hindeutet. "Einige echte E-Mail-Konversationen, an denen ich auch beteiligt war, sind offenbar erbeutet worden", sagt Michael Mann von der Pennsylvania State University im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er ist Schöpfer der sogenannten Hockeystick-Kurve, die den massiven Anstieg der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre belegen soll. Die Darstellung von 1999 ist in ihren Details von einigen Forscher wohl zurecht kritisiert worden - und für Klimaskeptiker seitdem ein rotes Tuch. Auch der deutsche Klimaforscher Hans von Storch, der am Institut für Meteorologie der Universität Hamburg und am Institut für Küstenforschung in Geesthacht arbeitet, bestätigt auf seiner Webseite die Authentizität der gestohlenen Daten.

Manche Kommentatoren sehen in dem schwer überschaubaren Mail-Sammelsurium - 63 Megabyte als komprimiertes Dateiarchiv - nun den ultimativen Beweis, dass der Mensch nicht an der Aufheizung seines Planeten Schuld ist. Und den Beweis dafür, dass Wissenschaftler diese Tatsache unter der Decke zu halten versuchen. Doch genau das Gegenteil dürfte der Fall sein. Denn nach erster Durchsicht scheint das - illegal beschaffte - Material keine großen argumentativen Sprengsätze zu enthalten. Das bestätigt SPIEGEL ONLINE auch ein Klimaforscher, der namentlich nicht genannt werden möchte. Zu emotional ist die Diskussion - da fürchtet mancher Wissenschaftler, jedes Statement könne falsch interpretiert werden.

Was steht nun in den Mails? Da schreibt zum Beispiel Kevin Trenberth vom National Center for Atmospheric Research in Boulder (US-Bundesstaat Colorado), einer der führenden Autoren des vierten Fortschrittsbericht des Uno-Weltklimarates, es sei eine Schande, dass die Wissenschaft die derzeitige Pause der Erderwärmung nicht erklären könne. Und CRU-Chef Phil Jones schreibt in einer Mail davon, dass er einen "Trick" angewandt habe, um aus Baumringen gewonnene Datenreihen zu ergänzen. Interessanter ist da schon die Nachricht, in der Jones seinen Kollegen Mann im Mai 2008 auffordert, den Mailverkehr mit einem Kollegen zu löschen, in dem es um den vierten Fortschrittsbericht des Uno-Weltklimarates geht. Klimaskeptiker sehen darin einen Versuch, eine Freigabe der Informationen nach dem US-Informationsfreiheitsgesetz ("Freedom of Information Act", FOIA) zu torpedieren.

"Keine Operation von Amateuren"

Mit dem programmatischen Kürzel FOIA bezeichnete sich auch der Hacker, der die Daten der Briten erbeutete. Zu seiner Identität gibt es bisher noch keine Anhaltspunkte. "Ich glaube, das Ganze war zu wohldurchdacht, zu sorgfältig orchestriert und der Zeitpunkt zu gut gewählt, um eine Operation von Amateuren gewesen zu sein", mutmaßt Michael Mann. Belegen kann er das freilich nicht.

Amateurhaft angestellt haben sich hingegen die bestohlenen CRU-Forscher: Sie wurden schon am 17. November von den Betreibern der Webseite realclimate.org  gewarnt - und versuchten die Angelegenheit auszusitzen. Öffentlich kommuniziert wurde der Datendiebstahl nicht. Als Journalisten dann doch Wind von der Sache bekamen, begann das Trommelfeuer im Netz. CRU-Chef Jones ließ lediglich über die Pressestelle seiner Hochschule ein Statement verbreiten, für persönliche Anfragen blieb er unerreichbar. Auch eine Mail von SPIEGEL ONLINE ließ Jones unbeantwortet.

So vergaben die Briten eine Chance, ihre Position darzustellen. "Die Affäre wirft einige Fragen auf: Wie gehen wir als Wissenschaftler mit Unsicherheiten und vielleicht auch Fehlern um? Und wie ist unser Verhältnis zur Öffentlichkeit?", sagt Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. All diese Fragen hätten Jones und seine Kollegen beantworten können - und ein paar weitere, zumindest missverständliche Formulierungen in den E-Mails erklären können: "Ein paar der Zitate aus den Mails klingen nicht gut. Sie könnten Klimaskeptikern in die Hände spielen", sagt Marotzke.

Öffentlichkeit hat Interesse an maximaler Transparenz in der Klimaforschung

Konkret geht es zum Beispiel um Jones' Formulierung mit dem "Trick". "Das ist ein sehr unehrlicher Versuch der Angreifer, die Tausende Mails nach einem einzigen Wort oder einer Formulierung durchsucht haben, die belastend aussehen könnte", argumentiert Klimaforscher Mann. Seiner Ansicht nach habe sein britischer Kollege nur ausdrücken wollen, dass er einen "cleveren Weg" gefunden habe, mit einem Problem umzugehen - und zwar damit, dass Klimadatenreihen, die aus Baumringen abgleitet werden, für die vergangenen Jahrzehnte von den tatsächlich gemessenen Werten abweichen.

Vielleicht haben auch die Medien einen Anteil an der aktuellen Lage - weil sie gern möglichst eingängige Sätze von Klimaforschern hören möchte. Relativierungen sind nicht immer erwünscht. Der eine oder andere Forscher mag da in vorauseilendem Gehorsam versucht sein, scheinbar schwer zu erklärende Effekte gleich ganz unter den Tisch fallen zu lassen. Doch von einer systematischen Klima-Verschwörung fehlt in den Mails jede Spur. Klimaskeptiker wird das nicht überzeugen.

Und auch wenn die Affäre - abgesehen von vielen Emotionen - wohl eher wenig Handfestes zurücklassen wird, zeigt sie doch eines: Abgesehen vom manchmal rüden Ton der Forscher in ihren privaten Mails, haben die Wissenschaftler ein wichtigeres weiteres Problem. Die Öffentlichkeit hat ein großes Interesse an maximaler Transparenz in der Klimaforschung - eine Nachricht, die vielleicht noch immer nicht bei jedem Wissenschaftler angekommen ist. "Die Climatic Research Unit ist dafür bekannt, dass sie die Daten, die ihren Publikationen zugrunde liegen, nicht frei zur Verfügung stellt. Warum das so ist, weiß ich nicht", beklagt Marotzke. Sein Kollege von Storch regt auf seiner Webseite ebenfalls an, das Prinzip der Offenlegung von Daten stärker als bisher durchzusetzen.

Selbstredend rechtfertigt Neugier nicht den Diebstahl von Daten. Doch die Neugier ganz zu ignorieren, wie es die britischen Forscher taten, kann auch nicht die Antwort sein. Wie sie auf die Affäre reagieren werden, bleibt abzuwarten. Forscher von Storch hat angeregt, dass Kollegen wie Mann ("ein problematischer, aber mächtiger Pförtner") und Jones in Zukunft nicht mehr an der Beurteilung von Fachpublikationen, dem sogenannten peer review, beteiligt sein sollten - und auch nicht an den Aktivitäten des Uno-Weltklimarates. Zu problematisch seien einige Statements in den Mails.

Ob sich die Forscher dazu bewegen lassen dürften, ist mehr als zweifelhaft. Eines scheint jedoch sicher sein, wie Marotzke betont: "An der grundsätzlichen Interpretation des Klimawandels ändert dieses Material nichts."