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Anthropozän: Auf der Fährte des Menschen

Foto: JOHN MCCONNICO/ AP

Debatte um neues Erdzeitalter Was vom Menschen übrig bleibt

Klimawandel, Betonwüsten, Ackerbau: Wir Menschen haben das Angesicht der Erde grundlegend verändert. Doch hat mit uns sogar eine neue geologische Epoche begonnen - das Anthropozän? Wissenschaftler fahnden nach einer Erdschicht, die belegen könnte: Mensch macht Natur.
Von Axel Bojanowski und Christian Schwägerl

Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen kann es nicht fassen: "Es ist unglaublich, was ein einzelnes Wort verändert", sagt er. Das Wort heißt: "Anthropozän" - es ist sein Wort: Auf einem Wissenschaftskongress in Mexiko vor zwölf Jahren hatte Crutzen den Begriff in die Runde geworfen, um einen Umbruch in der Natur zu beschreiben: Der Einfluss des Menschen auf die Umwelt sei mittlerweile so übermächtig, dass eine neue Epoche angebrochen sei, das "Zeitalter des Menschen" - auf griechisch: "Anthropozän".

Manchen Geologen kommt der Vorschlag einem Putsch gleich. Eine hitzige Debatte ist entbrannt, sie elektrisiert nicht mehr nur Wissenschaftler, sondern nun auch die Öffentlichkeit: Medien verkünden den Anbruch der "Menschenzeit" auf der Titelseite, Künstler beschwören das Anthropozän, selbst Berater der Bundesregierung rechnen mit dem neuen Zeitalter. Doch unter Geologen, die über die Einführung von Erdzeitaltern entscheiden, gibt es harte Gegner des Vorschlags, die sich zur Wehr setzen.

Dabei stößt die Idee von der Menschenzeit vielfach auf Begeisterung. "Die tiefere Bedeutung des Anthropozäns besteht darin, dass wir Menschen jeden Aspekt unserer Umwelt verändert haben - von einer sich erwärmenden Atmosphäre bis zum versauernden Ozean", schrieb jüngst die "New York Times". "Menschen sind zu einer Naturkraft geworden, die den Planeten auf der geologischen Skala umgestaltet", raunte das britische Nachrichtenmagazin "The Economist". Es begrüßte seine Leser auf der Titelseite mit der Zeile "Willkommen im Anthropozän"; darunter prangte eine Erdkugel, die von Menschen umgestaltet wird.

Doch bevor das Anthropozän offiziell ausgerufen werden kann, müssen Geologen zustimmen - unter ihnen ist nun eine heftige Debatte entbrannt. Über den Erdkalender wacht die Internationale Kommission für Stratigraphie (ICS), das Hauptgremium für Schichtenkunde. Sie entscheidet über neue Zeitalter anhand von Ablagerungen im Boden: Geologische Epochengrenzen markieren einschneidende Zäsuren der Erdgeschichte, jedes Zeitalter muss eindeutig anhand einer einheitlichen Schicht im Boden weltweit nachweisbar sein.

Die "goldene Schicht"

Nach solch einem Beweisstück für das Anthropozän fahnden Geologen: "Wir suchen sozusagen die 'goldene Schicht', sagt der Geologe Jan Zalasiewicz von der University of Leicester - eine Erdschicht also, die den globalen Einfluss des Menschen auf den Planeten eindeutig belegt. Auf einer Tagung in der Geologischen Gesellschaft in London, der "Geological Society of London", trugen Forscher jüngst zahlreiche Indizien zusammen, die ein "Zeitalter des Menschen" plausibel erscheinen ließen:

  • Der Geograf Erle Ellis von der University of Maryland legte dar, dass der Mensch bereits mehr als drei Viertel der Landoberfläche der Erde umgestaltet hat. "Nur noch 23 Prozent sind Wildnis und nur noch 11 Prozent der Photosynthese an Land passiert in Wildnisgebieten, der Rest besteht aus Agrarland, Siedlungen, Nutzgebieten", sagte Ellis.
  • Der vom Menschen verursachte Klimawandel werde Luft, Land und Meere auf Zehntausende Jahre grundlegend ändern, sagte der australische Klimaforscher Will Steffens. Dazu zähle eine langfristige Versauerung der Ozeane durch Kohlendioxid, die langfristig Einfluss auf die Gesteinsbildung am Meeresboden haben werde.
  • Staudämme, Bergbau, Erosion und Städtebau veränderten die Böden bereits jetzt grundlegend, betonte der amerikanische Geologe James Syvitski von der University of Colorado-Boulder. Beispielsweise würden hinter Staudämmen riesige Mengen Sedimente abgelagert, die im Küstenbereich fehlten.
  • Hinzu kommen massive biologische Veränderungen: Der Mensch rotte etwa durch Regenwaldrodung Arten aus, während er durch Zucht und Biotechnologie neue Lebensformen erzeuge, neuerdings sogar künstliche Chromosomen. Handel, Transport und Landwirtschaft verbreiteten zudem Organismen über die ganze Welt, die zuvor in einer Nische lebten. "Das werden Geologen der Zukunft auch in Versteinerungen sehen, die von unserer Zeit bleiben werden", sagt Jan Zalasiewicz.

Zalasiewicz leitet eine Arbeitsgruppe, die im Auftrag der ICS prüft, ob die vom Menschen verursachten Veränderungen den Kriterien für eine geologische Epoche genügen. "Wir müssen überzeugend darlegen können, dass die globalen Umweltveränderungen tiefgreifend genug sind, um eindeutig unterscheidbare Signale in den Bodenschichten zu hinterlassen, die sich heute und in Zukunft bilden", sagt Zalasiewicz.

"Mit den Regeln nicht vertraut"

Viele Geologen jedoch können mit Aussagen über die Zukunft wenig anfangen, ihr Hauptmetier ist die Vergangenheit. Eine geologische Epoche anhand von Vorhersagen zu definieren, sei nicht korrekt, findet der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Stratigrahpie (IUGS), also für Schichtenkunde, Stanley Finney von der California State University in Long Beach, USA. Die IUGS hat das letzte Wort bei Entscheidungen über geologische Zeitalter.

Andere Geologen finden noch deutlichere Worte: "Die Einführung des Anthropozäns in die geologische Zeitskala würde wissenschaftlich eher Probleme schaffen als nützen", meint Manfred Menning von der deutschen Kommission für Stratigraphie. Die Geologie müsste in der Folge ihre Kriterien der Erdzeitalter überprüfen.

"Für die Einführung des Anthropozäns sind keine Realisierungschancen absehbar", glaubt auch sein Kollege Stefan Wansa, Vorsitzender der Abteilung "Quartär" der Deutschen Stratigraphischen Kommission, die für die jüngste geologische Geschichte zuständig ist. "Die Befürworter des Anthropozäns müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, mit den Regeln der Stratigraphie nicht hinreichend vertraut zu sein", ergänzt Wansa.

Spuren überall

Auch Finney glaubt nicht daran, dass die entscheidende geologische Schicht gefunden werden könnte: Menschliche Aktivitäten hätten sich weltweit keineswegs gleichzeitig im Boden niedergeschlagen, sagt der IUGS-Vorsitzende: Manche Gegenden wie Amerika seien später kultiviert worden als andere, wie etwa China oder der Nahe Osten.

Doch es gibt auch Geologen, die sehr wohl glauben, dass sich das Anthropozän nach den bestehenden Regeln der Disziplin rechtfertigen ließe. Die Geologische Gesellschaft von Amerika (GSA) nennt ihre Jahrestagung im Oktober ganz selbstverständlich "Vom Archaikum zum Anthropozän" . "Das Anthropozän ist eine offensichtliche Realität", sagt die Geologin Susan Trumbore, Direktorin am Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena, "der Mensch hinterlässt fast überall eine Spur." 21 von 22 Wissenschaftlern der Stratigraphie-Kommission der Geologischen Gesellschaft von London unterstützen es, dass die Anthropozän-Idee weiter verfolgt wird, sagt der Brite Zalasiewic.

Eine Erdschicht, die die Menschenzeit beweist - die ersten Vorschläge

Es werden bereits erste Vorschläge für die Grenzschicht zum Anthropozän diskutiert: Der Anstieg der Treibhausgase, der sich in Luftbläschen in Gletschern nachweisen lässt, wurde als Beweis für den Beginn der "Epoche Mensch" ins Spiel gebracht. Das Problem: Die Zunahme des Gasgehaltes verlief nicht abrupt, so dass sich keine scharfe Grenzschicht erkennen lässt.

Favoriten seien nun Erdschichten vom Anfang der Industrialisierung um 1800 und der Explosion der ersten Atombomben um 1945, sagt Zalasiewicz. Beide Ereignisse haben sich mit Abgaspartikeln oder radioaktiven Substanzen im Boden niedergeschlagen.

Ob sie den Kriterien der Stratigraphen genügten, müsse jedoch erst geprüft werden, räumt Zalasiewicz ein: Die Schichten mit radioaktiven Partikeln kommen spät: Zum Zeitpunkt der Atombombenexplosionen hatte das Anthropozän nach Meinung seiner Anhänger bereits begonnen. Und die Spuren der Industrialisierung finden sich zunächst nur in Europa. Eine scharfe weltweite Grenzziehung sei problematisch, resümiert Philip Gibbard, Experte für jüngere Erdgeschichte an der University of Cambridge in Großbritannien.

"Holozän einfach umbenennen"

Von dem plötzlichen Beginn einer neuen Epoche könne keine Rede sein, meint auch Margot Böse von der Freien Universität Berlin: Seit der Steinzeit lasse sich der Einfluss des Menschen im Boden nachweisen. Doch diese Zeit werde längst als eigenes geologisches Zeitalter abgegrenzt, erläutert die Geoforscherin: Die letzten 12.000 Jahre markierten das Zeitalter des Holozän - es kennzeichne bereits den Einfluss des Menschen, gibt auch Brian Pitt von der internationalen Stratigraphie-Kommission zu bedenken. Da bedürfe es keiner weiteren Bezeichnung, meint der Geologe.

Doch die Bezeichnung müsse nicht für die Ewigkeit gelten, meint das Wissenschaftsmagazin "Nature": Das Holozän könne doch einfach in Anthropozän umbenannt werden, forderte das angesehene Blatt in seinem Editorial im Mai. Damit erledigte sich die Suche nach einer Grenzschicht, schließlich sei das Holozän bereits wissenschaftlich definiert.

Selbst Kritiker wie Stanley Finney räumen ein, dass der neue Begriff vom Anthropozän "hilfreich" sei. Finney schiebt das Thema jedoch den Historikern zu: "Ist das Anthropozän nicht eher eine historische als eine geologische Epoche?", fragt er. Historisch ließe sich der Beginn der Menschenzeit "auf ein Ereignis hin definieren" - ohne in Erdschichten nachgewiesen werden zu müssen.

Mensch macht Natur

Die Wirkung des Begriffes Anthropozän geht längst über die Wissenschaft hinaus. Viele, die sich mit der Wechselwirkung von Mensch und Umwelt befassen, nutzen das Anthropozän bereits so, als wäre es offiziell anerkannt. Der Begriff fasst eine Fülle von Phänomenen zusammen, die sonst getrennt diskutiert werden. Er steht für die Summe aller menschengemachten Umweltveränderungen, ob positiv oder negativ. Im Anthropozän könnte der alte Gegensatz von Mensch und Natur zu Ende gehen, glauben Zalasiewicz und seine Kollegen. In Zukunft müsste es heißen: Mensch macht Natur.

Das Wissenschaftsmagazin "Nature" sieht in der Wortneuschöpfung die Chance, die Rolle des Menschen auf der Erde zum Besseren zu wenden: "Es wäre ein Denkrahmen dafür, die laufende Transformation nicht nur zu verstehen, sondern auch, sie unter Kontrolle zu bringen", heißt es dem renommierten Magazin.

Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU) eröffnet sein neuestes Gutachten mit Crutzens Idee: Die Anthropozän-Idee beschreibe "nicht nur die vom Menschen verursachte Wirkung auf das Erdsystem, sondern auch den kognitiven Wandel der globalen Zivilisation, die sich ihrer Bedeutung als formende Kraft zunehmend bewusst wird". Eine "Ära der Verantwortung" beginne.