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Nordsee Hummer sollen Windpark besiedeln

Zehntausende Hummer pro Jahr gingen den Fischern von Helgoland einst ins Netz. Dann brachen die Bestände ein und erholten sich nie wieder. Nun versuchen Forscher, die Population zu päppeln. Sie wollen auch Offshore-Windparks besiedeln - wenn die Tiere nur nicht so aggressiv wären.

Der Hummer ist, man muss das so hart sagen, ein ziemlich asozialer Zeitgenosse. "Die Tiere sind sehr aggressiv untereinander und auch kannibalisch", sagt Heinz-Dieter Franke von der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH). Im hiesigen Ökolabor versuchen Wissenschaftler, die Hummerpopulation vor Deutschlands einziger Hochseeinsel wieder auf Trab zu bringen. Und jetzt wollen die Forscher den Krebsen eine noch exotischere Heimat verpassen: am Fuß riesiger Windräder.

Jahrhundertelang hat der Hummer den Fischern von Helgoland zu einem guten Auskommen verholfen. Noch in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurden 80.000 Tiere pro Saison gefangen. Nach dem Krieg brach die Population dann massiv ein. Die Forscher gehen davon aus, dass durch den Ausbau der Insel zum Kriegshafen und die anschließenden britischen Bombardierungen und Sprengungen Unmengen an Giftstoffe ins Meer gelangten - und so der sensible Geruchssinn der Tiere gestört wurde.

"Seitdem ist die Population stabil auf extrem niedrigem Niveau", sagt Franke. Dass sich das Meer um Helgoland in den vergangenen 40 Jahren um mehr als ein Grad erwärmt hat, und dass die Winter immer milder werden, macht die Sache mit dem Überleben auch nicht einfacher. Die wenigen Tiere haben Probleme, einen Partner zu finden. Den Fischern gehen gerade noch 300 bis 500 Hummer pro Jahr in die Körbe.

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Kompliziertes Projekt: Immer Kummer mit dem Hummer

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Im Labor haben die Forscher untersucht, wie die Tiere nachgezüchtet werden können. Befruchtete Eier - bis zu 50.000 pro Tier - liefern Weibchen, die von den verbliebenen Hummerfischern im Meer gefangen werden. Nachdem sie das Larvenstadium hinter sich gelassen haben, leben die Krebse dann in den meerwasserdurchströmten Aufzuchtbecken der BAH, einer Außenstelle des Alfred-Wegener-Instituts, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung.

Dünne Plastikwände verschaffen jedem Tier ein Einzelzimmer. Sonst wäre von hundert kampfeslustigen Junghummern in einem Becken am Ende nur noch einer übrig. Und der wäre sehr satt.

Hummerpaten unterstützen das Projekt

Mehr als 10.000 Jungtiere haben die BAH-Mitarbeiter über zehn Jahre aufgezogen. Einmal im Jahr werden die gepäppelten Tiere in die Freiheit entlassen. Die Population kämpft trotz des Aufzuchtprogramms weiter mit dem Überleben - weil bisher längst nicht genug Tiere ausgewildert werden konnten. Franke und seine Leute haben ausgerechnet, mit welchem Aufwand der Hummer vor Helgoland wieder aufgepäppelt werden könnte: Ungefähr 250.000 Tiere müssten demnach über einen Zeitraum von fünf Jahren ausgesetzt werden.

Weil die aggressiven Tiere alle einzeln aufgezogen und gefüttert werden müssen, würde das Aufzuchtprogramm nach den Kalkulationen der Wissenschaftler eine Million Euro kosten. "Das ist keine Aufgabe für ein Forschungsinstitut, wie wir es sind", sagt Franke. Doch andere Geldgeber haben sich bisher noch nicht gefunden.

"Wenn das Projekt anschlüge und man später 30.000 oder 40.000 Hummer pro Jahr fangen könnte, dann würde sich das schnell amortisieren", wirbt der Wissenschaftler. Doch er weiß auch, dass es extrem schwer ist, einen Sponsor zu finden - weil sich Erfolge erst nach langer Zeit zeigen. Hummer sind erst nach ungefähr acht Jahren geschlechtsreif. Deswegen könnten Fischer erst nach langer Wartezeit mit einem Boom in den Fangkörben rechnen.

Fünf Höhlen pro Quadratmeter

Auf der Suche nach frischem Geld haben Franke und seine Kollegen ein neues Projekt ausgeheckt: Sie wollen den Hummer nicht nur auf dem Felssockel vor Helgoland ansiedeln, sondern auch in den Offshore-Windparks, die gerade vor der deutschen Küste entstehen.

Losgehen soll es im Park Riffgat, der politisch sensibel im deutsch-holländischen Grenzgebiet liegt. Weil die riesigen Windmühlen hier vergleichsweise nahe an der Küste entstehen, müssen die Betreiber dem Land Niedersachsen Ausgleichszahlungen für Eingriffe ins Ökosystem überweisen. Und aus diesem Geld fließen nun 700.000 Euro für das dreijährige Pilotprojekt. Im kommenden Jahr werden 3000 Hummer am Fuß der riesigen Räder ausgesetzt.

Die Krebstiere brauchen zum Überleben einen harten Untergrund - eine echte Rarität im Schlick der Deutschen Bucht. Wie praktisch, dass einige Fundamente der 30 riesigen Windräder im Park mit Steinschüttungen vor Unterspülung geschützt werden - gute Besiedlungsflächen für den Hummer.

Zunächst sollen vier der jeweils 400 bis 500 Quadratmeter messenden Steinhaufen besiedelt werden. Und auf jedem Quadratmeter dürften sich nach Ansicht der Forscher im Schnitt Höhlen für fünf Tiere finden.

Im Ökosystem der Nordsee erfüllt der Hummer einen wichtigen Job. Als Allesfresser an der Spitze der Nahrungskette - Algen, Muscheln, Schnecken, Würmer stehen auf seinem Speiseplan - sorgt das Tier dafür, dass andere Spezies nicht überhand nehmen. Würden aber Hummer in der Enge des Steinhaufens nicht übereinander herfallen und sich zerfleischen? Das wollen die BAH-Mitarbeiter bei dem Pilotprojekt herausfinden. Franke ist optimistisch: "Hummernachbarn erkennen sich am Geruch. Wenn die Kräfte einmal gemessen haben, dann akzeptieren sie das Ergebnis auch."

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