Forschungseisbrecher "Polarstern" Dickes Meereis verzögert Crew-Wechsel bei Arktis-Expedition

Ein russischer Eisbrecher versucht seit Tagen vergeblich, sich zum deutschen Forschungsschiff "Polarstern" in der Nähe des Nordpols durchzukämpfen. Nach SPIEGEL-Informationen deutet sich nun zumindest eine Lösung an.
Die derzeitige Mannschaft der "Mosaic"-Expedition: Der geplante Austausch der Forschenden verzögert sich

Die derzeitige Mannschaft der "Mosaic"-Expedition: Der geplante Austausch der Forschenden verzögert sich

Foto: Lukas Piotrowski/ DPA

88 Grad 36 Minuten nördlicher Breite, 53 Grad 18 Minuten östlicher Länge – das ist, Stand Montagnachmittag, die Position  des deutschen Eisbrechers „Polarstern“ in der hohen Arktis. Mit dem Meereis driftet das Forschungsschiff seit Oktober vergangenen Jahres durch die Gegend am Nordpol, rund ein Jahr soll es insgesamt dort unterwegs sein.

Zu Beginn der internationalen "Mosaic"-Expedition machte den Forschenden außergewöhnlich dünnes Eis zu schaffen. Mehrmals mussten sie Geräte auf der Scholle, an der ihr Schiff befestigt ist, hin und her bugsieren - damit diese nicht durch Risse in den Tiefen des Arktischen Ozeans versinken.

Inzwischen sind immerhin 100 Tonnen an wissenschaftlicher Ausstattung im täglichen Einsatz. Doch nun hat die Expedition Probleme, die durch zu dickes Meereis verursacht werden. Die Crew der "Polarstern" wird regelmäßig ausgetauscht, damit möglichst viele Forschende die einzigartigen Bedingungen nutzen können. Die aktuelle Ablösung, unterwegs auf dem russischen Versorgungseisbrecher "Kapitan Dranitsyn", kommt derzeit aber nicht ans Ziel.

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Laut Alfred Wegener Institut (AWI) war die Abreise von etwa hundert Menschen an Bord der "Polarstern" bereits für Mitte dieses Monats vorgesehen. Doch noch immer kämpft die "Kapitan Dranitsyn" gegen bis zu 1,6 Meter dickes Eis an – und es ist derzeit nicht klar, ob sie die "Polarstern" überhaupt erreichen kann.

Hintergrund sind meteorologische Bedingungen, die auch dafür sorgen, dass der Winter in West- und Mitteleuropa derzeit so mild ist und es viele Stürme gibt. Verantwortlich ist die sogenannten Arktische Oszillation, kurz AO. Der AO-Index ist ein Wert, mit dem Wetterexperten den Luftdruckunterschied zwischen der Arktis und den mittleren Breiten der Nordhalbkugel beschreiben. Aktuell liegt er auf Rekordwerten. In der Praxis heißt das: Die kalte Luft rund um den Nordpol kann nicht nach Süden vorstoßen.

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Das ist ungewöhnlich: Der Luftdruck in der Arktis ist derzeit besonders niedrig, der über den mittleren Breiten deutlich höher. Der Druckunterschied sorgt für einen ausgeprägten Jetstream, was Flugzeugen auf der Reise von Nordamerika nach Europa zu Rekordgeschwindigkeiten verhilft. Stürme, die sich über dem Atlantik bilden, gelangen allerdings bei den aktuellen Bedingungen nicht in die Arktis, wo sie das Eis auseinander treiben würden. Das ist also vor allem in der Barentssee vor Russland sehr kompakt.

Der "Kapitan Dranitsyn" fehlen Rinnen im Eis, die sie für ihr Vorwärtskommen nutzen könnte. Für die Polarforscher macht das die Dinge kompliziert. Denn selbst wenn der russische Eisbrecher sein Ziel noch wie geplant erreicht, wird er zu viel Treibstoff verbraucht haben. Das heißt: Das Schiff hat nicht genug Diesel an Bord, um wieder nach Hause zu kommen.

Betankung auf See geplant

Nach SPIEGEL-Informationen wird das Alfred Wegener Institut deswegen einen weiteren russischen Dieseleisbrecher, die "Admiral Makarow", an der Operation beteiligen. Er soll der "Kapitan Dranitsyn" entgegenfahren und diese auf See betanken.

Doch damit ist nur ein Teil des Problems gelöst. Was, wenn das russische Schiff die "Polarstern" trotz aller Bemühungen nicht erreichen kann? Aus dem AWI heißt es, dass für diesen Fall ein Austausch der Forschenden mit Hilfe von einem oder mehreren Flugzeugen geplant ist.

Auf dem Eis in der Nähe der Polarstern hat die Crew der "Mosaic"-Expedition gerade eine Landebahn angelegt. Sie soll im März unter anderem für die beiden Forschungsflugzeuge "Polar 5" und "Polar 6" verwendet werden, die von Spitzbergen aus Messflüge für die Expedition unternehmen werden. Auf der improvisierten Piste sollen außerdem russische Maschinen landen, wenn das Eis im Frühjahr auf jeden Fall zu dick für einen Austausch der Crew mit Hilfe eines Eisbrechers wäre.

Nun könnten noch weitere Maschinen die Landebahn auf dem Eis ansteuern: Zwei Flugzeuge des Typs DHC-6 Twin Otter der kanadischen Gesellschaft Kenn Borek Air seien aktuell in Bereitschaft, so das AWI. Die Firma gilt als extrem erfahren beim Einsatz in Polargebieten und hat unter anderem zwei Mal Rettungseinsätze für erkrankte Forscher in der Antarktis während der Polarnacht durchgeführt. Wenn nötig könnten die Kenn-Borek-Piloten Menschen zwischen der "Polarstern" und der "Kapitan Dranitsyn" hin und herfliegen.

Allerdings passen die Wetterbedingungen auch dafür aktuell noch nicht.