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03. Juni 2018, 19:00 Uhr

Kommunikation

Tiere sind auch nur Menschen

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In ihrem Buch "Die Sprachen der Tiere" enthüllt die Philosophin Eva Meijer die vielfältige Kommunikation unter Hunden, Vögeln und Bienen - und plädiert für ein neues Rechtsverständnis der Tiere.

Der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes folgerte um 1620 aus der Tatsache, dass Tiere nicht sprechen, dass sie auch nicht denken. Immanuel Kant, der Denker der Aufklärung, sah die Tiere aufgrund ihrer Sprachlosigkeit außerhalb der moralischen Gesellschaft.

Und Martin Heidegger sprach ihnen gar die Fähigkeit zu sterben ab. Denn, so der deutsche Philosoph: Wer nicht spricht, steht nicht in der Welt - und stirbt folglich auch nicht, sondern verschwindet einfach.

Im Rahmen ihres jüngst erschienenen Buchs "Die Sprachen der Tiere" demonstriert die niederländische Schriftstellerin und Philosophin Eva Meijer nun, wie vielfältig tatsächlich aber die Sprachen der Tiere sind - und wie falsch die großen Welterklärer einst lagen. Zugleich liefert sie zahlreiche Beispiele für die vielfältigen Arten und Weisen tierischer Kommunikation.

Was ist eigentlich Sprache?

So haben zum Beispiel wildlebende Elefanten ein bestimmtes Wort für Mensch, das ihnen drohende Gefahren anzeigt. Zudem kommunizieren sie mithilfe niederfrequenter Laute über mehrere Kilometer hinweg miteinander. Wale verständigen sich ebenfalls mithilfe einer ausgeklügelten Lautsprache - und die Mantis-Garnele tut es über zwölf eigenständige Farbkanäle, die ihren Artgenossen bestimmte, jeweils farbunterschiedliche Botschaften zukommen lässt.

Kurz: es existieren, so Meijer, offenbar Codes, mit denen Wale, Vögel oder Bienen sich auf ihre jeweils eigenen Arten untereinander austauschen. Von den komplexen Systemen, die sie eigens dafür entwickelt haben, berichtet ihr Buch - ausgehend von Fragen, die da lauten: Lässt sich die Kommunikation der Tiere als Sprache bezeichnen? Können wir mit Tieren sprechen? Und was ist eigentlich Sprache?

Im Video: Luchse kämpfen - mit ihren Stimmen

"Die Kommunikation der Tiere ist auf ihr jeweiliges Lebensumfeld abgestellt", heißt es da, "sie ist das Ergebnis ihrer physischen und kognitiven Fähigkeiten. ...Da sich Tiere nicht in Menschensprache artikulieren können, glauben wir oft, wir können nicht erfahren, was sie denken. ...Doch wenn man ein Tier gut kennt, kann man es oft hervorragend verstehen, manchmal sogar besser als einen Menschen aus einer anderen Kultur."

Es gibt den Dialog zwischen Mensch und Tier

Wie das funktioniert, davon erzählt ihr Buch. Und zu welchen Tricks und Modifikationen Tiere bisweilen greifen, um sich zu verständigen. So verwenden etwa amerikanische Erdhörnchen nicht nur unterschiedliche Laute, um ihre Artgenossen vor drohenden Feinden zu warnen; sie zeigen ihnen darüber hinaus auch noch an, ob der feindliche Angriff aus der Luft droht oder ebenerdig zu erwarten ist.

Und die Colliehündin Chaser, so Meijer, erlernte die Bezeichnungen von mehr als tausend Spielzeugen und war zudem in der Lage, die menschliche Sprache zu lesen - und demzufolge mit ihrem Besitzer zu sprechen.

Es gibt ihn also, den über scheinbare ontologische und sprachliche Barrieren hinweg geführten Dialog zwischen Mensch und Tier - ein funktionierendes Sprechen miteinander.

Doch Meijers Buch ist mehr als nur die akribische Auflistung ebenso faszinierender Tiersprachmodelle; sie sucht auch nach neuen Formen einer möglichen Gemeinschaft zwischen Mensch und Tier.

So wird bei ihr das Nachdenken über die Sprachen der Tiere und das Sprechen mit Tieren zu einem faszinierenden Diskurs über neue Formen der Co-Existenz und des Umgangs miteinander, der dahinführt, die aktuelle Stellung der Tiere in unserer Gesellschaft kritisch zu hinterfragen - und, was Fragen der Ethik und der Moral betrifft, womöglich neu zu definieren.

"Wie wir über Tiere denken", so Meijer, "hängt damit zusammen, wie wir sie behandeln." Weitergedacht stellt sie die Frage, welche Rechte Tieren zufallen, sobald wir sie qua ihres festgestellten Sprechens in den Stand einer Person erheben, die - juristisch gesprochen - veritable Rechte besitzt.

Abschließend bleibt festzuhalten: Tiere besitzen Rechte und kommunizieren nicht nur. Sie sprechen miteinander - und mit uns. Es ist also an uns, ihnen zuzuhören. Denn was sie uns zu sagen haben - daran lässt Eva Meijers Buch keinen Zweifel - ist hochinteressant!

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