Stress durch Geisternetze Die Wale schrumpfen

Wale im Nordatlantik werden heute einen Meter kürzer als vor 40 Jahren, zeigt eine Studie. Einen Grund haben die Forscher auch ausgemacht: Die Tiere stehen massiv unter Stress.
Atlantischer Nordkaper mit Teil eines Fischernetzes

Atlantischer Nordkaper mit Teil eines Fischernetzes

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Florida Fish and Wildlife Conservation Commission / AP

Der Atlantische Nordkaper bringt es laut Lexikon in besonderen Fällen auf eine Körpergröße von bis zu 18 Metern. Laut einer neuen Studie müsste der Eintrag in nächster Zeit wohl überarbeitet werden. Denn wie Forscher um Joshua Stewart von der US-Klimabehörde Noaa nun herausgefunden haben, sind die Tiere in den vergangenen Jahren deutlich geschrumpft. Die Glattwalart aus dem Nordatlantik wird heute etwa einen Meter kürzer als noch vor 40 Jahren, sie sind im Durchschnitt nun eher 13 Meter lang. Die Meeressäuger werden zudem auch weniger massig.

Das entspricht einem durchschnittlichen Längenverlust von etwa sieben Prozent in diesem verhältnismäßig kurzen Zeitraum, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin »Current Biology« . Einige Tiere, die für die Studie vermessen wurden, waren sogar drei Meter kürzer, doch das seien Ausreißer, hießt es.

Die Forscher hatten über mehr als 20 Jahre lang fast 130 Wale vermessen, einige mehrfach. Dazu nutzte das Team Aufnahmen von Drohnen, aber auch Fotos, die aus Flugzeugen entstanden. Gemessen wurden Tiere aller Altersklassen – von einem Jahr bis fast 40 Jahre. Anschließend verglich ein Computerprogramm alte und neue Aufnahmen von Tieren ähnlichen Alters.

Die Wissenschaftler können die einzelnen Wale anhand von typischen Mustern auf ihren Körpern unterscheiden, deshalb gelten Atlantische Nordkaper als eine der am besten untersuchten Walarten, obwohl nur noch einige Hundert Tiere existieren und der Bestand seit 2010 weiter gesunken ist.

Für den körperlichen Schwund der in Küstennähe schwimmenden Nordkaper (Eubalaena glacialis), die in historischen Zeiten schon durch den Walfang arg dezimiert wurden, gibt es aus Sicht der Forscher einen klaren Grund: Immer wieder verfangen sich die Wale in Fischernetzen, die im Meer treiben, in sogenannten Geisternetzen, oder sie werden durch Kollisionen mit Schiffen verletzt. Ein gutes Dutzend der fotografierten Wale hatte sogar noch Netze um den Körper hängen.

Mehr als 80 Prozent der Wale verheddern sich

Wie sehr die Tiere durch die Netze beeinträchtigt sind und unter Stress stehen, wird deutlich, wenn man die Zeiträume betrachtet, in denen sie versuchten, die geflochtenen Seile loszuwerden. Manche kämpften gut zwei Monate damit, andere schon fast ein ganzes Jahr. Dadurch fehle es den Tieren an Ressourcen, die sie normalerweise benötigten, um an Gewicht und Länge zuzulegen. Zudem mangele es auch an Energie, die für die Reproduktion aufgewendet werden muss. Deshalb befürchten die Forscher, dass sie nicht nur einen kurzfristigen Effekt beobachtet haben, sondern dass es sich um langfristige Folgen handelt, die sich in der Fortpflanzung widerspiegeln. »Änderungen in der Körpergröße können einen Indikator für den Zusammenbruch einer ganzen Population darstellen«, heißt es in der Studie.

Im Laufe ihres Lebens verheddern sich mehr als 80 Prozent der Wale mindestens einmal in Netzen. Zudem hat sich das Verbreitungsgebiet der Tiere in den letzten Jahren verlagert. In der Antike lebten sie sogar im westlichen Teil des Mittelmeers, später immerhin noch im östlichen Atlantik. Doch inzwischen gehen die Tiere vor allem vor der Ostküste der USA und Mexikos auf die Jagd nach Plankton.

»Wir wissen, dass der Klimawandel einige ihrer wichtigsten Beutequellen beeinträchtigt hat, sodass die verhedderten Wale wahrscheinlich einer dreifachen Belastung ausgesetzt sind«, sagte der Meeresbiologe Boris Worm von der Dalhousie University, der nicht an der Studie beteiligt war, der Nachrichtenagentur Associated Press.

Helfen könnten den Tieren nach Ansicht der Forscher schon recht einfache Maßnahmen, beispielsweise wenn für Netze Seile mit geringerer Bruchfestigkeit verwendet würden oder Fischerboote ihre Geschwindigkeit reduzierten. Solche Regularien seien dringend erforderlich, um das Überleben der Wale zu sichern. Noch besser wäre es, wenn die Netze gar nicht erst in die Meere gelangten.

Denn möglicherweise sind die Atlantischen Nordkaper nicht allein betroffen. Auch andere Spezies dürften schwinden. Von den Problemen der Wale weiß man wohl nur deshalb, weil sich die mit einer Geschwindigkeit von rund acht Kilometern pro Stunde schwimmenden Tiere mit verhältnismäßig wenig Aufwand als Studienobjekt nutzen lassen.

joe
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