Massensterben und Evolution Der Dinos Leid, der Frösche Freud

Die kosmische Katastrophe vor 66 Millionen Jahren beendete die Zeit der Dinosaurier. Andere Arten profitierten massiv davon. Das Massensterben wurde zum Motor der Evolution von Fröschen.

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Platz da, jetzt quak ich: Eine Katastrophe vor 66 Millionen Jahren bedeutete für die meisten Lebewesen oberhalb einer Größe von einem Meter das Ende. In der Zeit starker vulkanischer Tätigkeit traf wahrscheinlich ein Komet das schon geschwächte Ökosystem der Erde. Keine Tiergruppe blieb davon unberührt - auch nicht die gegen ungünstige Umwelteinflüsse so empfindlichen Amphibien. Auch von ihnen starben die meisten Arten aus - aber eben längst nicht alle.

Die, die übrig blieben, fanden quasi geräumte ökologische Nischen vor. Raum, sich auszubreiten und zu spezialisieren und innerhalb kurzer Zeit zahlreiche neue Arten hervorzubringen. Die Katastrophe am Ende der Kreidezeit war ein Kickstart für die Karriere von Kröten und Fröschen, dokumentiert eine im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlichte Studie.

Bisher war man davon ausgegangen, dass sich die Froschlurche, zu denen heute Frösche, Kröten und Unken zählen, seit einer Zeit vor 200 Millionen Jahren relativ stetig diversifizierten, möglicherweise mit einem Schub neuer Arten vor rund 100 Millionen Jahren. Das vermutete man vor allem aufgrund von Untersuchungen mitochondrialer DNA, kurz mtDNA.

Darunter versteht man die nicht im Zellkern, sondern in den sogenannten Mitochondrien tierischer Zellen enthaltene Erbsubstanz. Sie ist interessant für Forscher, weil sie fast ausschließlich auf der weiblichen Linie vererbt wird, gilt in Bezug auf Datierungen aber als problematisch: Oft produziert eine Datierung per mtDNA zu "alte" Ergebnisse.

Gewinner des großen Massensterbens

Die aktuelle Studie beruht auf frischen Untersuchungen von 95 Genen aus der Zellkern-DNA von 156 aktuellen Froscharten aus allen bekannten Gattungen. Kombiniert mit entsprechenden älteren Untersuchungsergebnissen von 145 weiteren Arten versuchten die Forscher, die Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der Frösche exakter zu bestimmen und zu einem neuen, genetisch fundierten Stammbaum der Tiergruppe zu kommen.

Was sie fanden, überraschte die Forscher: Auch der Abgleich der Ergebnisse der DNA-Untersuchung mit fossilen Funden bestätigte, dass alle Gattungen aus den drei großen Familien der heutigen Frösche ihre größte Diversifikation in der Zeit nach dem Ende der Dinosaurier erlebten.

Einfacher gesagt: Nach der Katastrophe am Ende der Kreidezeit explodierte die Zahl der Frosch-Arten.

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Frösche, Unken, Kröten: Quakende Vielfalt

Damit gehörten die Frösche, Kröten und Unken wie die Vögel und Säugetiere zu den Gewinnern des großen Massensterbens, das die Vorherrschaft der Dinosaurier beendete. Dass Zeiten starker klimatischer oder geologischer Veränderungen verstärkt artbildend wirken, ist bekannt - und auch große Naturkatastrophen gelten als Motoren der Evolution.

Viele Arten, ähnliche Körperform

Auch dafür, dass Frösche im Gegensatz beispielsweise zu Säugetieren nur eine begrenzte Varianz an Formen hervorgebracht haben, haben die Forscher eine Erklärung gefunden. Das liege daran, dass sich die verschiedenen Familien eben innerhalb relativ kurzer Zeit aus gemeinsamen Vorfahren entwickelten. Selbst auf unterschiedlichen Kontinenten, geben die Forscher zu, fänden sich darum zahlreiche Arten, die zwar verschieden seien, sich aber stark ähnelten.

Wer die Unterschiede zwischen Fröschen entdecken will, muss eben ganz genau hinsehen, und heute oft genug bis in die DNA hinein - auch das ist ein Grund, warum ständig neue Arten entdeckt werden. Die Vielfalt sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie bedroht alle Amphibien in ihren Beständen sind: Man schätzt, dass der Bestand von über 40 Prozent der Arten rückläufig ist, und jede dritte Art gilt bereits als akut bedroht.



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kumi-ori 06.07.2017
1. Frösche, Kröten und Unken ...
... und Vögel und Säugetiere. Wollen wir nicht einfach sagen, dass alle Landtiere einem hohen Selektionsdruck unterworfen waren und auch heute noch sind und dass die großen Landechsen dem nicht gewachsen waren? Vergessen darf man hier auch nicht, dass die bei Weitem artenreichste Klasse der Wirbeltiere, nämlich die Vögel, phyllogenetisch nichts anderes sind als Urenkel der Dinosaurier. Auch heute, wo die Klasse der Säugetiere ihren Zenit erreicht zu haben scheint, sind es vor allem die sehr großen Arten, die ganz oben auf unseren roten, schwarzen und sonstigen Aussterbelisten stehen: Elefanten, Nashörner, Blauwale. Ist vielleicht Größe doch nicht alles? Eine ganz ketzerische Idee wäre allerdings, dass kleinere Tiere genauso häufig verschwunden sind wie große, dass man sie aber wegen ihrer Kleinheit heute nicht mehr so oft findet. Man stelle sich vor, es hätte einen Dinosaurier, so winzig wie eine Hausmaus gegeben. Einmal der Brontosaurus drübergelatscht und nichts ist mehr von den Knochen übrig.
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