Skurriler Saurier Donald mit den Scherenhänden

Deinocheirus mirificus: Bizarrer Mix von Körpermerkmalen

Deinocheirus mirificus: Bizarrer Mix von Körpermerkmalen

Foto: Michael Skrepnick

Deinocheirus mirificus hat beste Chancen, in die Top 10 der seltsamsten Saurier aufzurücken: Auf die Rekonstruktion des bizarr-tölpelhaft wirkenden Allesfressers wartete die Fachwelt 49 Jahre - ihr lag kein einzelnes Fossil zugrunde, sondern ein gigantisches Puzzle.

Seit 1965 die ersten Deinocheirus-Überreste in der Mongolei gefunden wurden, gab es nur Vermutungen darüber, wie er vielleicht ausgesehen haben könnte. So ist das mitunter in der Paläontologie: Von manchen Arten gibt es hunderte Funde, von anderen nur einzelne Knochen. Im Falle von Deinocheirus mirificus waren das zwei außergewöhnlich mächtige Vorderarme, bewehrt mit furchterregenden Klauen - der Name bedeutet "ungewöhnlich fürchterliche Hand". Dazu fand man noch ein paar Wirbel und wenige Stücke von Rippen - das war's.

Den Rest leitete man aus Analogien ab. Klar schien zu sein, dass Deinocheirus auf zwei Beinen lief und zu den Theropoda gehörte. Die meisten Vertreter dieser Gruppe kennen wir als "Raubsaurier", aber es gibt Ausnahmen: Manche Theropoda waren Pflanzen- oder Allesfresser - so wie möglicherweise auch Deinocheirus.

Denn bestimmte Merkmale der wenigen gefundenen Knochen sorgten dafür, das die meisten Fachleute Deinocheirus für einen Vertreter der Ornithomimosauria ("Vogelnachahmer") hielten: Alle Rekonstruktionen gingen deshalb davon aus, dass er auch ähnlich ausgesehen habe wie Arten aus dieser Gruppe.

Deren bekanntester Vertreter war seit Jurassic Park der Gallimimus: In Spielbergs Blockbuster jagt der grazil und langbeinig in einem sich schnell bewegenden Schwarm über die Hügel - mehr großer Laufvogel als Saurier.

Zu den Seltsamkeiten der Ornithomimosauria gehörte, dass sie ohne ein bezahntes Gebiss auskamen. Darüber, wovon sie sich ernährten, gibt es lebhafte Debatten.

SPIEGEL ONLINE

Eine neue, auf erheblich mehr Fundstücken basierende Rekonstruktion von Deinocheirus  liefert nun neue Antworten auf die Fragen nach Aussehen und Lebensweise. Eine Paläontologengruppe um Yuong-Nam Lee, Philip Currie und Pascal Godefroit rekonstruierte ihn aus zwei neuen, partiellen Skelettfunden. Sie virtualisierten die unterschiedlich großen Knochenfunde - und addierten sie so zu einem nun fast vollständigen Fossil.

Mahlzeit: Alles, was er bekommen und verdauen konnte

Ungewöhnliches Glück hatten die Forscher bei einem der Funde. Im Magenbereich fanden sie Überreste von Fischen, aber auch sogenannte Gastrolithen: Steine, die das Tier als Verdauungshilfe schluckte und im Magen hielt. Manche Vögel und Krokodile tun das noch heute, bei Sauriern war es vor allem bei großen Pflanzenfressern üblich.

Deinocheirus war also offenbar ein Mischfresser - neben Pflanzen und Fisch könnten auch andere kleine Beutetiere auf seinem Speiseplan gestanden haben. Diese Flexibilität dürfte Deinocheirus, der Zeit und Biotop mit etlichen vergleichbar großen Tieren teilte, von Vorteil gewesen sein.

Bemerkenswert ist die Rekonstruktion des Zweibeiners: Der verfügte über einen außergewöhnlich langen und schmalen Schädel mit mächtigem Unterkiefer, der in eine Art Schnabel endete. Mit rund zweieinhalb Meter langen, kräftigen Armen setzte Deinocheirus den Rekordwert für Vorderglieder bei einem Theropoden - sie mögen ihm mit ihren extrem langen, scharfen Klauen sowohl bei der Nahrungssuche geholfen, als auch zur Verteidigung gedient haben.

Völlig neu ist auch die Erkenntnis, dass Deinocheirus ein kräftiges, hohes Rückensegel trug - hier erinnert er an den berühmten Spinosaurus, dessen Bild sich ebenfalls vor kurzer Zeit dramatisch geändert hat. Die Forschergruppe geht zudem davon aus, dass Deinocheirus zumindest teilweise gefiedert war - denn das galt wohl für die meisten, wenn nicht alle Ornithomimosauria.

Und was bekommt man, wenn man das alles zusammensetzt? Eine Art Kreuzung zwischen Donald Duck, Edward mit den Scherenhänden und einem Dromedar (siehe Video). Doch so lustig Deinocheirus ausgesehen haben mag, war mit ihm wohl kaum gut Kirschen essen: Mit seinem einen Meter langen Schädel, einer Länge von elf Metern und einem geschätzten Gewicht von 6,4 Tonnen erreichte er wohl eine Stehhöhe von fast vier Metern - eine skurrile, aber Respekt gebietene Erscheinung.