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12. Dezember 2013, 14:32 Uhr

Dreckluft

China lässt Piloten für Smog-Landungen ausbilden

Die Smog-Krise in China hat auch für Airlines Folgen. Piloten sollen künftig eine Ausbildung für automatische Landungen bei schlechter Sicht vorweisen. Der teils hilflose Umgang der Regierung mit der Dreckluft sorgt inzwischen für beißenden Spott.

Peking - Wer als Pilot zur Landung auf einem chinesischen Flughafen ansetzt, muss auf einiges gefasst sein. Nicht selten verhüllen dichte, graugelbe Dreckschwaden die Sicht, im Extremfall gerät die Annährung an die Landebahn zum Beinahe-Blindflug. Eine der Folgen kann man auf der Flugstatistik-Website "FlightStats" besichtigen: An keinem anderen großen Airport der Welt gibt es derart viele Verspätungen wie in Peking. Nur 18 Prozent aller Maschinen fliegen pünktlich los.

Zwar liegt das nicht ausschließlich am Smog: In Peking ist nur ein relativ schmaler Korridor für zivile Flugzeuge frei, da der Luftraum intensiv vom Militär genutzt wird. Auch ist die Hauptstadt des Landes oft von Nebel, Schnee und Sandstürmen betroffen. Dennoch hat sich das Smog-Problem zuletzt derart verschärft, dass die zivile Luftfahrtbehörde jetzt reagiert: Sie will ab dem 1. Januar von allen Piloten, die von anderen chinesischen Städten aus Peking anfliegen, höhere Qualifikation für Landungen bei schlechter Sicht verlangen. Das berichteten mehrere Zeitungen und Nachrichtenagenturen unter Berufung auf namentlich nicht genannte Beamte.

Demnach sollen die Piloten nun ausgebildet werden, bei Sichtweiten unter 400 Meter das Flugzeug mit Instrumentenhilfe automatisch zu landen. Die neue Regelung soll allerdings nur für innerchinesische Flüge gelten, da die Behörden des Landes keinen Einfluss auf die Ausbildung ausländischer Piloten haben.

Zwar besitzen viele Flugzeuge chinesischer Airlines bereits die technische Ausrüstung für automatische Landungen. Bisher aber haben Chinas Behörden von den meisten Piloten keine Qualifikation für die Benutzung dieser Systeme verlangt, sagte Shu Ping von der chinesischen Akademie für zivile Luftfahrtforschung. "Die Ausbildung ist sehr teuer, und schlechte Sichtverhältnisse gehörten früher nicht zu den normalen Bedingungen."

Das hat sich in den vergangenen Jahren gründlich geändert. Nach Angaben chinesischer Staatsmedien wurden in diesem Jahr die höchsten Luftverschmutzungswerte seit 52 Jahren gemessen. Zuletzt gab es in mehreren Großstädten wiederholt Smog-Alarm, mitunter verschwanden ganze Landesteile unter dem schmutzigen Nebel. Anfang Dezember musste etwa die Stadtverwaltung von Shanghai Notmaßnahmen ergreifen: Sie ließ Bauarbeiten stoppen, senkte die Zahl der erlaubten Fahrten für Busse und andere städtische Autos um ein Drittel und wies Schulkinder an, zu Hause zu bleiben. Zahlreiche Flüge wurden gestrichen.

In Harbin war der Himmel im Oktober so dicht, dass es auf den Straßen zu einem Verkehrschaos kam. Messungen zufolge lag die Belastung mit sehr kleinen Feinstaubpartikeln (PM2,5) zum Teil bei rund tausend Mikrogramm pro Kubikmeter. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte eine Belastung von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter langfristig nicht überschritten werden.

Die Reaktionen der Regierung reichen von durchaus ernstzunehmenden Umweltschutzmaßnahmen bis hin zu blanker Hilflosigkeit, die teils skurrile Formen annimmt. Der staatliche TV-Sender CCTV etwa brachte kürzlich eine Liste mit fünf "unerwarteten Vorzügen" des Smog:

Von letzteren dürften allerdings längst nicht alle den Geschmack der Regierung treffen. Für heftige Reaktionen sorgte etwa ein Beitrag der "Global Times". Laut der Zeitung, die als Sprachrohr der Kommunistischen Partei gilt, stärkt der Smog die Landesverteidigung. Die Steuerung von Raketen, die optisch, per Laser oder Infrarot gelenkt würden, könnten durch die Dreckluft gestört werden. Der Artikel nennt als Beispiel den Kosovo-Krieg: Soldaten des damaligen Jugoslawien hätten Autoreifen verbrannt und so erfolgreich die Kampfflugzeuge der Nato behindert. Eine ähnliche Wirkung hätten Sandstürme auf amerikanische Panzer im Irak-Krieg gehabt.

Im chinesischen Internet gab es daraufhin großen Spott. "Feinde müssten gar keine Raketen mehr abschießen - die Menschen werden einfach zu Tode vergiftet", zitiert die "South China Morning Post" einen Kommentar unter dem "Global Times"-Artikel, der inzwischen aus dem Netz verschwunden zu sein scheint. Andere verglichen den Smog-Beitrag mit einer früheren Aussage eines Militärsprechers, der behauptet hatte, amerikanische U-Boote würden sich nicht mehr Chinas Küste nähern - aus Angst vor Seilen, die Meeresalgen-Farmer ausgebracht hätten. "Nach Meeresalgen hat China jetzt eine weitere Geheimwaffe im Arsenal zur nationalen Verteidigung", ätzte ein Kommentator: "Smog."

mbe/AP

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