Driften durch die Artkis Deutscher verbringt sieben Monate auf Eisscholle

Erstmals hat ein deutscher Forscher an einer russischen Drift-Expedition durch die Arktis teilgenommen. Der Potsdamer Wissenschaftler erlebte Eisbären, gefährliche Risse im Eis und extreme Kälte. Frösteln dürfte auch mancher Experte bei der Durchsicht der Daten, die im Eis gesammelt wurden.

Von Henning Sietz


Wie ist es, wenn man auf einer riesigen Eisscholle durch die Polarnacht treibt? Jürgen Graeser vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) hat es erlebt. Sieben Monate verbrachte er gemeinsam mit 20 russischen Kollegen auf der "Nordpol-35" genannten Drifteisstation, die nach wie vor durch den hohen Norden unterwegs ist. Die Unterkünfte der Wissenschaftler stehen auf einer drei mal fünf Kilometer großen Scholle aus meterdickem Eis. Jetzt ist Graeser von seiner Expedition zurückgekehrt.

Einsam habe er sich nie gefühlt, sagte er auf einer Pressekonferenz in Potsdam und erklärte auch gleich, warum das so war: Man könne sich in der kalten Finsternis schon verlassen fühlen, aber "nicht mit den Russen". Die Atmosphäre sei sehr gut gewesen, das Essen "war russisch, aber nicht wirklich schlecht". Bei jeder Überquerung eines Breitengrades habe es eine Party gegeben.

Eine fröhliches Sause war das Driften trotzdem nicht: Extreme Kälte und die fast völlige Dunkelheit der Polarnacht setzten allen Teilnehmern zu. Die 21-köpfige Mannschaft legte vom Start nordöstlich der Inselgruppe Sewernaja Semlja bis zu einem Gebiet nördlich des Franz-Josef-Landes rund 1500 Kilometer zurück. Dort wurde Graeser vom Polarflugzeug des AWI abgeholt.

Weißer Fleck auf der Datenlandkarte

Fast jeden Tag hat Graeser einen roten Fesselballon in 400 Meter Höhe aufsteigen lassen. Zudem schickte er Radiosonden bis in 30 Kilometer Höhe. Die so gewonnenen Daten sandte er sofort nach Potsdam in die dortige Forschungsstelle des AWI. Normalerweise ist die Region während des arktischen Winters unzugänglich. Umso wertvoller sind die Messdaten aus der Atmosphäre, um gegenwärtige Klimamodelle für die Arktis zu verbessern.

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass bestehende Modelle für Austauschprozesse in der Arktis, etwa von Wärme, wohl überarbeitet werden müssen. Die Forscher fanden große Abweichungen zwischen Beobachtungs- und Modelldaten im Bereich vom Erdboden bis etwa 400 Meter Höhe. "Es gibt da große Probleme", sagte AWI-Projektleiter Klaus Dethloff. "Die Modellszenarien unterscheiden sich deutlich von dem, was man heute schon beobachtet". Es scheine, dass die Klimaveränderungen im arktischen Sommer schneller abliefen als von den Modellen prognostiziert.

Die Arktis ist trotz ihrer Bedeutung für das Klimasystem der Erde immer noch ein weißer Fleck auf der Datenlandkarte. Kontinuierliche Messungen in der Atmosphäre über dem Arktischen Ozean fehlen. "Ohne zeitlich und räumlich hoch aufgelöste Datenreihen im arktischen Winter können wir keine zuverlässigen Klimaszenarien entwickeln", sagte Dethloff.

Russische Arktisforscher haben jahrzehntelange Erfahrungen mit Drifteisstationen. Auf die Idee kamen sie allerdings eher zufällig: Als der Frachter "Tscheljuskin" im Februar 1934 in der Tschuktschensee vom Presseis zermalmt wurde, rettete sich die Besatzung auf eine Eisscholle. Kommandant Otto Schmidt organisierte daraufhin ein Forschungsprogramm, das bis zur Rettung zwei Monate später andauerte.

Was zunächst nach Beschäftigungstherapie aussah, baute die Sowjetunion drei Jahre darauf zu einem spektakulären Propaganda-Unternehmen aus: Flugzeuge setzten sowjetische Polarforscher am Nordpol ab. Die monatelange Drift der Vierergruppe in ihrem Zeltlager "Sewerny Poljus" (Nordpol) in die Framstraße wurde zu einem international beachteten Ereignis, das Stalin geschickt nutzte, um mit dem Mythos der heldenhaften Polarforscher von den damals in seinem Reich stattfindenden Schauprozessen und Repressionen abzulenken. Damit war das Programm der sowjetischen Drifteisstationen in Leben gerufen, die alle "Sewerny Poljus" genannt werden - mit fortlaufender Nummerierung. Als die Sowjetunion zusammenbrach, war zunächst Schluss damit. Präsident Putin, der in der Arktis Flagge zeigen will, ließ die Tradition wieder aufleben.

Besuch von der CIA

Jede Drifteisstation hatte ihr eigenes Schicksal. So sackte auf "Nordpol-4" das Camp allmählich so stark ab, dass sich im Sommer große Mengen Schmelzwasser in der Lagermulde ansammelten und die Hütten und Zelte zu überschwemmen drohten. In den bis zu 1,50 Meter tiefen Tümpeln soff das Lager allmählich ab, wochenlang waren die Wissenschaftler nur mit Abpumpen beschäftigt.

"Nordpol-8" ging ganz eigene Wege. Eigentlich sollte die Scholle in Richtung Framstraße östlich von Grönland treiben, geriet aber in den Wirbel der Beaufortsee vor der Küste Kanadas und musste evakuiert wurden. Der US-Geheimdienst CIA nutzte die Chance und startete die Aktion "Cold Feet": Ein Team wurde per Fallschirm auf der verlassenen Station abgesetzt, um herauszufinden, wonach die Russen geforscht hatten.

Am längsten unterwegs war die 1973 in Betrieb genommene Station "Nordpol-22": Die Eisinsel driftete in einem mächtigen Zirkelschlag durch die Beaufortsee und erreichte erst nach neun Jahren die Framstraße. "Nordpol-32", von mächtigen Eispressungen heimgesucht, musste im März 2004 per Hubschrauber evakuiert werden.

Gemessen an diesen Erfahrungen ist "Nordpol-35" eine in jedem Fall gelungene Expedition: Die Scholle nahm den Wunschkurs am Nordpol vorbei in Richtung Framstraße, wo sie noch immer mit russischen Wissenschaftlern unterwegs ist. An Spannung und Gefahren hat es jedoch nicht gefehlt. Wochenlang suchten die Forscher nach einer geeigneten Scholle, die mindestens drei Meter dick sein musste, um Dutzende Tonnen Ausrüstung, die Minibulldozer und viele Tonnen Brennstoff tragen zu können. Mehrmals brach die Scholle entzwei, die Risse gingen quer durch das Lager. Eisbären hausten ebenfalls auf dem Eis und besuchten mehrmals das Camp. Jeder der Forscher hatte eine Signalpistole griffbereit in der Jackentasche, um die Raubtiere zu vertreiben.



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