Drohende Ölpest in den USA Flammenexperiment mit ungewissem Ausgang

Die US-Küstenwache will den riesigen Ölteppich im Golf von Mexiko kontrolliert abfackeln. So sollen ökologisch sensible Küstenabschnitte vor einer Ölpest geschützt werden. Doch Experten beurteilen den Plan kritisch. Allein das Feuer überhaupt zu entzünden ist kompliziert.

NASA

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Es läuft und läuft und läuft. Nach der Explosion der Ölplattform "Deepwater Horizon" am vergangenen Dienstag strömen am Boden des Golfs von Mexiko jeden Tag rund 160.000 Liter Öl ins Meer. Und niemand kann etwas dagegen tun. Bisher sind alle Versuche gescheitert, mit ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen die tonnenschweren Absperrventile am Meeresgrund zu schließen. "Wir arbeiten weiter daran", sagt BP-Sprecherin Sheila Williams im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch besonders optimistisch klingt sie nicht.

Die Öl-Säuberungsaktion kostet BP nach Firmenangaben rund viereinhalb Millionen Euro pro Tag. Und Küstenschützer müssen sich darauf einstellen, dass das Öl noch Wochen, vielleicht sogar Monate ungehindert weiterläuft. Nun will die US-Küstenwache einen Teil des Ölteppichs kontrolliert abbrennen. "Wir haben diesen Plan freigegeben und die beteiligten Unternehmen darüber unterrichtet, dass wir heute mit dem Abfackeln beginnen könnten", sagt Küstenwache-Sprecherin Connie Terrel. Mit dem Verbrennen auf See sollen ökologisch sensible Küstenabschnitte geschützt werden. Doch Experten warnen, dass der Plan nur schwer umzusetzen ist - und weitere Umweltgefahren bergen könnte.

Nur wenige Forscher weltweit befassen sich überhaupt mit dem kontrollierten Abbrennen von Öl nach Unglücksfällen oder Pipelinelecks. Sie entwickeln die Technik vor allem für den Einsatz in den eisbedeckten Gewässern der Arktis, wo kaum andere Strategien nach einem schweren Ölunfall zur Verfügung stehen. Zehntausende Liter Öl können innerhalb von Stunden verbrennen. Dem Einsatz des Verfahrens im Golf von Mexiko stehen Fachleute trotzdem kritisch gegenüber.

"Ich war skeptisch, als ich von dem Plan hörte", sagt zum Beispiel Per Snorre Daling vom norwegischen Industrieforschungsinstitut Sintef in Trondheim. Er verweist darauf, dass bereits das Anzünden des schimmernden Films auf dem Wasser Probleme bereiten könnte. "Die Dicke des Öls ist entscheidend." Drei bis fünf Millimeter müsste der Ölfilm messen, um ihn überhaupt vom Schiff oder vom Hubschrauber aus in Brand setzen zu können.

Je dicker das Öl, desto effizienter läuft auch die Verbrennung ab. Wird ein Film von 50 Millimetern Dicke angezündet, dann verbrennen immerhin 95 Prozent. Das rechnen zumindest Experten vor. Bei drei Millimetern sind es - wenn die Zündung überhaupt klappt - nur noch 66 Prozent. Im Golf von Mexiko sind aber 97 Prozent des Ölfilms extrem dünn, wie auch BP-Sprecherin Williams immer wieder betont. Dort schimmert nur eine feine, regenbogenfarbige Schicht auf den Wellen.

"Nicht wirklich der richtige Ansatz"

Eine Sprecherin der Küstenwache, Sue Kerver, erklärte bei CNN, das Abfackeln solle stückweise passieren. Durch ein flammenhemmendes Mittel werde der Ölteppich in einzelne Parzellen unterteilt. Diese würden dann nacheinander in Brand gesteckt. Doch das ist alles andere als einfach: Damit das Öl größere Dicken erreicht, muss es in der Nähe der Austrittsstelle mit schwimmenden Ölsperren zusammengehalten werden. Die wiederum sollten feuerfest sein. Unter Fachleuten gilt aber genau diese Art von Sperren als witterungsanfällig. Die sogenannten Booms sind nur für ruhige See geeignet.

Am Mittwoch begannen die Experten mit dem Versuch, das Öl mit aufblasbaren Barrieren einzuhegen und aufs offene Meer zu schleppen. Noch am selben Tag sollen Testbrände gelegt werden, um zu sehen, ob sich das Öl überhaupt entzünden lässt. Die US-Umweltbehörde EPA sollte während des Abfackelns die Luftverschmutzung messen und notfalls ein Ende der Brände anordnen.

"Es ist eine großer Aufwand, um das Öl überhaupt dick genug zu bekommen", sagt Ian Buist vom kanadischen Ölberatungsunternehmen SL Ross in Ottawa im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Er hält das kontrollierte Abbrennen "nicht wirklich für den richtigen Ansatz" für die Ölverschmutzung im Golf von Mexiko.

Auch Buist sieht dabei weniger die möglichen Umweltbelastungen als Problem. "Die Auswirkungen von Ruß in der Atmosphäre sind weit geringer als die einer Ölpest an den Küsten", so der Forscher. Er arbeitet seit den siebziger Jahren an der Beseitigung von Ölverschmutzungen, vor allem im Norden Kanadas und in Alaska. Weder von der bei der Verbrennung entstehenden Rauchwolke noch von den im Wasser verbleibenden Verbrennungsrückständen sieht er eine besonders große Gefahr ausgehen.

Doch im Golf von Mexiko sei der Ölteppich an vielen Stellen einfach zu dünn, sagt Buist. Wenn man die gefährlichen Substanzen mit speziellen Sperren zusammengetrieben habe, könne man sie besser gleich auf ein Spezialschiff pumpen. Außerdem habe sich ein Teil der ausgetretenen schwarzen Flüssigkeit längst mit Wasser vermischt und sogenannte Emulsionen gebildet. Und die seien besonders schwierig in Brand zu stecken - oder eben auch gar nicht.

"Es ist eine sehr schwierige Entscheidung"

Diese Einschätzung bestätigt auch Christophe Rousseau vom Umweltforschungszentrum Cedre im französischen Brest. Sein Institut war nach einem Öltankerunglück im März 1979 gegründet worden, bei dem rund 350 Kilometer französische Küste in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Im Gegensatz zu seinen Kollegen sieht Rousseau die Umweltfolgen einer kontrollierten Ölverbrennung aber durchaus kritisch. "Man transferiert die Verschmutzung vom Wasser in die Atmosphäre. Die im Wasser verbleibenden Produkte sind schwerer biologisch abbaubar." Generell empfehle sein Institut die Methode deswegen eher nicht - man wolle sie aber auch nicht verteufeln. "Es ist eine sehr schwierige Entscheidung."

Im jedem Fall sei die kontrollierte Verbrennung "nur ein Werkzeug aus einem ganzen Werkzeugkasten", sagt der Franzose. Sein kanadischer Kollege Buist empfiehlt vor allem den Einsatz von chemischen Ölbekämpfungsmitteln. Der sei vor allem bei etwas rauerer See erfolgversprechend. Rund 245 Kubikmeter der Chemikalien seien bereits aus der Luft versprüht worden, erklärten Küstenschützer am Mittwoch, weitere 420 Kubikmeter stünden noch zur Verfügung.

Außerdem arbeitet man bei BP und dem Plattformbetreiber Transocean daran, die leckende Ölquelle unter eine Art riesiger Kuppe zu verpacken und Ölleitungen außerdem durch eine zweite Bohrung zu verschließen. Beide Vorhaben sind aber extrem kompliziert - und vor allem langwierig.

Wissenschaftler warnen indes vor den Folgen, wenn der Ölteppich tatsächlich bis zum ökologisch sensiblen Mississippi-Flussdelta treibt. Dann drohe eine Umweltkatastrophe, sagt zum Beispiel die Biologin Maggy Nugues vom Bremer Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie. "Sollte er das Festland erreichen, wird es auf jeden Fall große Schäden geben. In den küstennahen Feuchtgebieten befinden sich die Laichgebiete und Brutstätten von zahlreichen Krebstieren, Fisch- und Vogelarten." Auch das Korallenriff vor den Florida Keys sei gefährdet.

Und das Öl läuft und läuft und läuft.

Mit Material von dpa und afp

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redpirate37 28.04.2010
1. unglaublich
BP = Burning Paradise Öltanker mit Saugpumpen und Schläuchen ausstaffieren und hinschicken zum absaugen BP muss zahlen ...
ex_t_kunde 29.04.2010
2. Weg von der Abhaengigkeit vom Oel
Unsere Gesellschaft muss sich endlich aus ihrer Abhaengigkeit vom Oel befreien! Umweltkatastrophen wie diese, staendig steigende Benzinpreise und Heizoelkosten, Klimawandel, riesige Summen in die Taschen von Diktatoren wie in Lybien oder religioesen Fanatikern in Saudi-Arabien, voellige Abhaengigkeit von instabilen Golfstaaten und "lupenreinen Demokratien" wie Russland... die Liste der Probleme die uns das Oel bereitet liesse sich fortsetzen.
Narf 29.04.2010
3. Aha...
"Wissenschaftler warnen indes vor den Folgen, wenn der Ölteppich tatsächlich bis zum ökologisch sensiblen Mississippi-Flussdelta treibt. Dann drohe eine Umweltkatastrophe" Hallo?! Ist dieses Ölmonster nicht wenigstens bedenklich??
pulegon 29.04.2010
4. Erdöl ist nicht immer leichter als Wasser
Zitat von sysopDie US-Küstenwache will den riesigen Ölteppich im Golf von Mexiko kontrolliert abfackeln. So sollen ökologisch sensible Küstenabschnitte vor einer Ölpest geschützt werden. Doch Experten beurteilen den Plan kritisch. Allein das Feuer überhaupt zu entzünden ist kompliziert. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,691884,00.html
Darüber hinaus,selbst wenn das Abfackeln klappt, werden nur die Teile des Öls erreicht, die leichter als Wasser sind und oben auf schwimmen. Der Teil des Öls, der zwar unter dem Druck der Quelle aus der Bohrloch kommt, aber auf Grund der höheren Dichte am Meeresboden unter dem Wasser bleibt, wird so nicht erreicht. Und wenns erstmal brennt, denkt wahrscheinlich auch kaum noch einer darüber nach.
m-pesch, 29.04.2010
5. ...
Zitat von pulegonDarüber hinaus,selbst wenn das Abfackeln klappt, werden nur die Teile des Öls erreicht, die leichter als Wasser sind und oben auf schwimmen. Der Teil des Öls, der zwar unter dem Druck der Quelle aus der Bohrloch kommt, aber auf Grund der höheren Dichte am Meeresboden unter dem Wasser bleibt, wird so nicht erreicht. Und wenns erstmal brennt, denkt wahrscheinlich auch kaum noch einer darüber nach.
Na ja, in 1500 Metern Wassertiefe entsteht da nicht wirklich ein großer Schaden.
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