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03. November 2011, 16:58 Uhr

Drohende Wasserknappheit

Verschwendet, verdreckt, verdunstet

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In Australien verdorren ganze Landstriche, Südseeinseln geht das Trinkwasser aus, in Schwellenländern ist es längst ein Luxus: Um den Rohstoff werden künftig wohl sogar Kriege geführt. In Industrienationen wie Deutschland wird das kostbare Gut verprasst - ohne dass der Verbraucher es merkt.

Matt Damons Projekt heißt Wasser. Dass sich Hollywood-Stars für gemeinnützige Projekte engagieren, ihre Prominenz für die gute Sache einsetzen, ist nicht ungewöhnlich: gegen Malaria, Hunger, Kinderarmut, Krieg oder das Regenwaldsterben. Sich für das Thema Wasser einzusetzen, war lange Zeit weniger naheliegend.

Vor relativ kurzer Zeit noch hätte man Wasser als Krisenthema allenfalls mit Dürreperioden in trockenen Weltgegenden in Verbindung gebracht. Inzwischen macht Wasser Schlagzeilen - rund um den Globus, jederzeit: Am Mittwoch stellten die Vereinten Nationen ihren Human Development Report 2011 vor, in dem Wasser eines der wichtigsten Themen ist.

So wie jedes Jahr: Weil es hier zu wenig davon gibt, dort wieder zu viel; weil die Süßwasserpegel sinken, das Salzwasser steigt; weil es zwar nach wie vor allgegenwärtig zu sein scheint, zu oft aber in einem Zustand ist, der kein Leben erhält, sondern Leben gefährdet. Weil 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sanitären Anlagen haben; weil Klimawandel und die rapide Urbanisierung der Welt die Engpässe verschärfen.

Und weil uns seit Jahren eine Studie oder Expertise nach der anderen klarmacht, dass wir mehr trinkbares Wasser benutzen und verschmutzen, als im vermeintlich unerschöpflichen Wasserkreislauf nachläuft: "Peak Water" nennen das die Experten, und in vielen Weltregionen ist dieser magische Punkt, an dem aus dem Ressourcenkreislauf mehr entnommen wird, als nachkommen kann, längst überschritten. Natürlich liegt das mit daran, dass wir nun sieben Milliarden Verbraucher sind, aber nicht ausschließlich.

Es liegt auch daran, dass wir mit der Ressource so skandalös schlecht umgehen; dass zudem die Lebensweisen, die mit wachsendem Wohlstand einhergehen, nach immer mehr Wasser verlangen. Bis zu 70 Prozent des in Deutschland genutzten Süßwassers brauchen wir allein für die Kühlung von Kraftwerken. Mehr als 20 Prozent des so erzeugten Stroms ist nicht lebensnotwendig, sondern versorgt unsere Unterhaltungselektronik: Bis 2030, schätzt die Internationale Energieagentur IEA, wird sich dieser Anteil verdreifachen. Auch Smartphones verbrauchen Wasser.

Für die von Matt Damon mitbegründete Hilfsorganisation Water.org ist Wasser vornehmlich ein Problem der armen Welt. Daran ist nichts falsch: Nirgendwo sind Wasserprobleme akuter als in den wirtschaftlich schwachen Nationen, die wie Äthiopien von Dürre oder andere von Cholera-Epidemien heimgesucht werden. Die schlimmste Cholera-Epidemie wütet derzeit in Haiti, und das seit rund zwei Jahren und quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit - kaum jemand sieht mehr hin, es ist zum Teil der Normalität geworden.

Eine neue Qualität gewinnt die Wasserkrise, von der man bei den Vereinten Nationen (Uno) glaubt, dass sie in den nächsten Jahrzehnten zum Grund für Kriege werden könnte, aber erst dadurch, dass sie wahrhaft global wird:

Zu den neuen Hotspots der anlaufenden Wasserkrise gehören China und Russland - vor allem weil der Aufbau einer Infrastruktur zur Be- und Entsorgung, die mit der steigenden Wassernutzung mithalten könnte, nicht schnell genug gelingt. Doch auch der industrialisierte Westen ist nicht davor gefeit, zum Teil des Problems zu werden.

In der englischsprachigen Welt ist Wasser billige Grundversorgung

Erst langsam reift die Erkenntnis, dass unser bisheriger Umgang mit Wasser höchst fahrlässig war. Noch ganz frisch und heiß umstritten ist etwa der Trend in der angelsächsisch geprägten Welt, in Privathaushalten Wasseruhren zu installieren: Wo Englisch gesprochen wird, da ist Wasser bisher entweder pauschal bezahlt und meist billig, oder sogar völlig kostenlos. Anreize, die Ressource zu sparen, ergeben sich daraus nicht.

In Großbritannien plant die Regierung derzeit, bis 2025 immerhin drei Viertel der Haushalte mit Wasseruhren auszurüsten - bisher zahlt nur ein Drittel der Verbraucher den tatsächlichen Wassergebrauch, der Rest zahlt ein pauschales Trinkgeld. Ähnlich sieht das im notorisch Dürre-geplagten Australien aus. Dort allerdings ist das Umdenken weit gediehen: Verbrauchsrechnungen werden die Pauschalen in den nächsten Jahren ersetzen. So wie in Irland, das 1997 alle Wasserkosten für Privathaushalte völlig abgeschafft hatte: Jetzt sollen landesweit Wasseruhren installiert und dann soll für Wasser kassiert werden - H2O wird selbst da zum wertvollen Rohstoff, wo es im Übermaß vom Himmel fällt.

In den USA ist es den Gemeinden überlassen, wie sie die Sache handhaben wollen - die meisten wollen nicht und kassieren nur Pauschalen. Kaum zufällig verbraucht der Durchschnittsamerikaner auch darum viermal mehr Wasser als ein Europäer: Er zahlt zwar eigentlich nicht weniger für sein Trinkwasser, hat aber keine Anreize, seinen Verbrauch einzuschränken. Das riesige Land erlebt alle Aspekte der Wasserproblematik innerhalb seiner Grenzen. Katastrophale Überschwemmungen gibt es jedes Jahr, lebensbedrohende Dürren ebenfalls - und eine weitere Variante der Wasserkrise, die es in sich hat: Die Verseuchung der Wasservorkommen, weil die Ressource nicht genügend geschützt wird.

Schmutzwasser ist ein wachsendes Problem

Denn andere Ressourcen sind noch knapper und darum teurer. Im Trend liegt derzeit die Gewinnung von Energierohstoffen mit sogenannten Fracking-Verfahren: Dabei macht man Fels, in dem Gas oder Ölschlämme eingelagert sind, brüchig und pumpt dann enorme Mengen Wasser hinein, um die Rohstoffe an die Erdoberfläche zu schwemmen. Sowohl in den USA als auch in Kanada läuft darüber eine heiße Debatte - denn natürlich wird dabei nicht nur jede Menge Wasser verdreckt, das Verfahren birgt auch Risiken für das umliegende Grundwasser.

Am Montag kündigte das US-Innenministerium einen Erlass an, der Firmen "in einigen Monaten" verpflichten soll, beim Fracking eingesetzte Chemikalien offenzulegen - bisher wird da wenig reguliert. Das Thema ist so weit ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen, dass in einer Folge der Krimiserie CSI schon Brunnenvergiftung, explosives Gas im Wasser und Todesfälle als Fracking-Nebenwirkung thematisiert wurden. Im Krimi blieben die Schuldigen übrigens unbestraft, weil es den Fahndern an einer Rechtsbasis für die Bestrafung fehlte - bisher kein unrealistisches Szenario.

Das Brunnenthema ist deshalb relevant, weil sich große Teile der meist regional organisierten Trinkwasserversorgung der USA eben auf Brunnen stützt - rund 40 Millionen Amerikaner haben nur eine Trinkwasserquelle. Tausende von Brunnen sollen derzeit verseucht sein, meist aber auf vermeintlich profanem Wege: Eine Kontamination mit wahrscheinlich krebserregenden Insektiziden aus der Landwirtschaft in der Stadt DeLand (Florida) macht zurzeit nur deshalb Schlagzeilen, weil sich die durch Hollywood berühmte Umwelt-Anwältin Erin Brockowich dort engagiert. Sie sagt selbst, es sei nur einer von derzeit tausenden Fällen in den USA.

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