DER SPIEGEL

Dürre in den USA Der Wasser-Engel von Kalifornien

Tausende Kalifornier haben wegen der Dürre keinen Wasserzugang mehr. Eine Rentnerin hat die Versorgung ihres Ortes deshalb selbst in die Hand genommen.

Sie schämte sich, sie wollte es nicht wahrhaben, und schon gar nicht wollte sie, dass die Nachbarn etwas von ihrer Not bemerkten. "Ich habe geglaubt", sagt Donna Johnson, 72, "dass in einem Land wie den USA immer Wasser vorhanden sein wird."

Aber sie und ihr Mann hatten keines mehr.

Vielleicht, so hoffte Donna, war es ein technisches Problem? Vielleicht war die Pumpe an ihrem Brunnen kaputt? Sie fuhren nun frühmorgens in einen Fitnessklub, sieben Meilen von ihrem Häuschen entfernt, um zu duschen. Und danach zur nächsten Tankstelle, um Wasser in Flaschen zu kaufen.

Dann erzählte der Tankwart, dass Mineralwasser inzwischen begehrter sei als Benzin. "Da habe ich verstanden", sagt Donna, "dass wir nicht allein waren mit unserem Problem. Unser Brunnen war nicht kaputt, er war ausgetrocknet."

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Dürre-Notstand: Wasser von der Nachbarin

Foto: Gilles Mingasson/ DER SPIEGEL

Das Haus der Johnsons ist, wie die meisten hier in East Porterville, mit einem Brunnen ausgestattet, aus dem die Bewohner selbst Grundwasser pumpen. Oder besser gesagt: pumpten. Denn East Porterville, ein Ort mit 7000 Einwohnern im Central Valley, ist das Zentrum der kalifornischen Rekorddürre.

Es ist eine der produktivsten Landwirtschaftszonen der Welt und zugleich eine der ärmsten Regionen Kaliforniens. Das einzige Wasser, das noch verfügbar ist, liegt tief unter der Erde.

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DER SPIEGEL, Alexander Epp

Die Vorräte schwinden rapide; immer tiefer muss bohren, wer noch Wasser finden will. Doch die privaten Brunnen in East Porterville sind nicht annähernd so tief wie jene der großen Landwirtschaftsbetriebe rundherum. Deshalb versiegen sie, einer nach dem anderen. Mittlerweile lebt jeder Zweite hier ohne fließendes Wasser, manche schon seit zwei Jahren.

Fast verdurstet

Donna Johnson sitzt in ihrem halbverdorrten Garten, eine quirlige Frau mit kurzen grauen Haaren, sie trägt neonfarbene Turnschuhe, ein neonfarbenes Shirt und klimpernde Ohrringe in Neonfarben. "Da drüben hatte ich letztes Jahr erst Trauben gepflanzt", sagt sie und zeigt auf einen Haufen braunes Gestrüpp.

Ein paar Hunde streichen um sie herum, eine dreibeinige Katze und ein zutrauliches Tier, das aussieht wie ein zu klein geratener Luchs. Donna hat sie alle gerettet, zuletzt den kummervoll blickenden Pitbull, der, von seinem Besitzer verstoßen, fast in der Hitze verdurstet wäre.

Aber in letzter Zeit sorgt sie sich nicht nur um verlassene Tiere, sondern auch um ihre Nachbarn. "Was ist mit den Kranken, die Diabetes haben oder Herzprobleme? Was ist mit den Alten, den Schwangeren?", fragt sie. "Wenn wir das mit dem Wasser nicht bald in Ordnung bringen, wird noch etwas Schlimmes passieren."

Zunächst wandte sie sich sich an die Verwaltung des Bezirks Tulare County, zu dem East Porterville gehört. Als diese nicht handelte, rief sie bei der Lokalzeitung an und sammelte Spenden, um Mineralwasser zu kaufen. Sie lud Wasserflaschen auf ihren Pick-up, fuhr durch den Ort und fragte, wer Durst habe. "Das war ein wenig kompliziert", erzählt sie, "weil manche Leute hier kein Englisch sprechen." In East Porterville leben viele Einwanderer aus Lateinamerika.


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Dennoch war die erste Ladung schnell verteilt, und so kratzte sie 700 Dollar von ihrem Ersparten zusammen und kaufte noch mehr Wasser. Sie legte eine Liste mit den Namen der Leute an, die kein fließendes Wasser hatten. So brachte sie die Bezirksverwaltung dazu, Wassercontainer und mobile Duschen nach East Porterville zu bringen.

Doch die Hilfe erreicht noch immer nicht alle. Deshalb belädt Donna Johnson auch an diesem Samstag im Juli wieder ihren schwarzen Truck mit Kartons voller Mineralwasserflaschen. "Mittlerweile erkennen die Leute meinen Truck, sie wissen, dass ich die Wasserfrau bin", sagt sie. Oder der Wasser-Engel, wie manche sie nennen.

"Die Señora hat ein großes Herz", sagt Guillermina Andrade, eine mexikanische Obstpflückerin, "sie hat uns so viel geholfen." Andrade nimmt drei Kartons mit Wasser entgegen, sie schleppt sie in ihr Häuschen, das sie mit ihrem Mann und der Familie ihres Bruders teilt.

Ihr Brunnen war nur 30 Fuß tief, seit fast zwei Jahren ist er trocken. Einen tieferen können sie sich nicht leisten. Selbst wenn sie das Geld irgendwie auftreiben könnten, 20.000 bis 35.000 Dollar, müssten sie wohl noch ein Jahr oder eher zwei Jahre lang warten: So lange im Voraus sind Firmen, die Brunnen bohren, derzeit ausgebucht.

"Was ist das für ein Leben?"

Amerika sei immer ihr Traum gewesen, sagt Andrade, sie habe geglaubt, dass harte Arbeit hier zu einem besseren Leben führe. Sie schüttelt traurig den Kopf. "Aber was ist das für ein Leben, ohne Wasser?"

In East Porterville sei die Lage besonders dramatisch, sagt Melissa Withnell, die Pressesprecherin von Tulare County, "aber das Wasserproblem betrifft die ganze Region, und es verschlimmert sich." Man werde Wasser nach East Porterville liefern, solange die Hilfsgelder dazu vorhanden seien, sagt Withnell.

Grundsätzlich gebe es für Anwohner ohne Wasser drei Alternativen: Sie könnten, erstens, einen tieferen Brunnen bohren. Oder sie könnten darauf warten, dass sich die Situation wenigstens für eine Weile entspanne, wenn es im Herbst, wie erhofft, viel regne. Drittens gebe es Überlegungen, Katastrophengebiete wie East Porterville an ein Wassernetz anzuschließen. Das allerdings würde in diesem Fall 45 Millionen Dollar kosten, und es sei nicht klar, woher das Geld kommen solle.

Der Wasser-Engel selbst hatte Glück: Donna Johnson und ihr Mann bekamen einen Kredit, und sie fanden jemanden, der einen neuen, tieferen Brunnen für sie bohrte. "Er ist 153 Fuß tief (47 Meter)", sagt sie. Sie hofft, dass es ein paar Jahre dauert, bis der Brunnen austrocknet.

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