Satellitendaten Der Mittlere Osten trocknet aus

Satelliten enthüllen einen dramatischen Wasserschwund im Mittleren Osten: In sieben Jahren ist dort in der Erde die dreifache Menge des Bodensees verlorengegangen. Der Kampf ums Wasser verschärfe sich, warnen Wissenschaftler.
Hor al-Hammar im Irak: Ausgetrockneter Garten Eden

Hor al-Hammar im Irak: Ausgetrockneter Garten Eden

Foto: Hadi Mizban/ AP

Hamburg - Im Mittleren Osten wurde die Zivilisation geboren, dort entwickelte der Mensch die Landwirtschaft. Auch die Legende vom paradiesischen Garten Eden wird dort verortet. Voraussetzung für die Entwicklung war ausreichend Wasser. Nun jedoch erlebt die Region ihre schleichende Austrocknung.

Seit 2003 sei das Grundwasser der Region an den Flüssen Euphrat und Tigris um 144 Kubikkilometer geschwunden, also um 144 Billionen Liter, berichten Forscher in einer Studie , die am Freitag im Fachmagazin "Water Resources Research" erscheinen wird. Die Menge entspricht dem dreifachen Wasservolumen des Bodensees. Untersucht wurde ein Gebiet von mehr als der doppelten Größe Deutschlands, das vom Osten Syriens und der Türkei über den Nordirak bis weit nach Iran reicht; es liegt weitenteils im Mittleren, teils auch im Nahen Osten.

Die schaurige Entdeckung machten die Wissenschaftler um Katalyn Voss von der Georgetown University in Washington mit den beiden deutsch-amerikanischen "Grace"-Satelliten, die die Erdanziehungskraft messen: Über Regionen erhöhter Schwerkraft wird der erste "Grace"-Trabant plötzlich stärker beschleunigt, er enteilt dem Zwillingssatelliten ein wenig. Radargeräte an Bord ermitteln mikrometergenau den Abstand der beiden Satelliten, GPS-Empfänger bestimmen ihre Position. Es entsteht eine Karte der Erdanziehungskraft.

Von Januar 2003 bis Dezember 2009 wurden die beiden Satelliten bei ihren Überflügen über den Mittleren Osten immer weniger stark angezogen; spätere Daten wurden noch nicht ausgewertet. Für die flächendeckende Verringerung der Erdbeschleunigung käme nur eine Ursache in Frage: Im Boden ginge Wasser verloren - pro Jahr 20 Billionen Liter, berichten die Fachleute. Damit gehöre die Region zu den am schnellsten austrocknenden der Welt.

Heikle politische Fragen

Messungen von Radarsatelliten hätten das Ergebnis bestätigt: Radarwellen benötigten immer mehr Zeit für ihren Weg vom Satelliten zur Erde und wieder zurück - ein Indiz dafür, dass der Boden einsinkt. Ursache sei die Entnahme von Grundwasser, schreiben die Forscher. Allein während der Dürre 2007 habe die Regierung des Irak rund tausend Bohrungen veranlasst, um die Reserven im Boden anzuzapfen. Unzählige private Bohrungen seien nicht dokumentiert.

Knapp zwei Drittel des verlorenen Wassers stamme aus dem Boden, der Rest aus Seen an der Oberfläche. Die Wassermenge würde ausreichen, hundert Millionen Menschen im Jahr zu versorgen, sagt James Famiglietti von der University of California in Irvine, USA.

Die Satellitendaten liefern Zündstoff für heikle politische Fragen: Der Mittlere Osten habe bereits länger mit Wassermangel zu kämpfen, betont Katalyn Voss. Mehrere Länder beanspruchten die Ressourcen. Die Türkei etwa bestimme, wie viel Wasser sie den Flüssen Euphrat und Tigris im Oberlauf entnehme - und damit, was in den Staaten am Unterlauf ankomme. Die verringerte Flussmenge zwinge etwa den Nordirak, vermehrt sein Grundwasser anzuzapfen, sagt Voss.

Der Kampf ums Wasser verschärfe die ohnehin bestehenden politischen Spannungen. Die Region bedürfe eines gemeinsamen Wassermanagements, resümieren die Forscher. Mit dem Grundwasser sei es wie mit einem Bankkonto, meint Matthew Rodell von der Nasa, Mitautor der Studie: In schlechten Zeiten dürfe man überziehen. Würde es später aber nicht gefüllt, drohe die Pleite.

boj
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