E-Mail-Skandal Ärger um 20 Jahre alte Klimastudie

Die gestohlenen E-Mails von Klimaforschern sind für immer neue Details gut: Zwei Wissenschaftler sollen angeblich Daten zurückgehalten und damit den Einfluss von Städten auf Klimadaten verzerrt haben. Allerdings: Die angegriffene Studie wurde vor 20 Jahren veröffentlicht.
Eisbär in Kanada: Die Folgen der Erwärmung sind im hohen Norden deutlich sichtbar

Eisbär in Kanada: Die Folgen der Erwärmung sind im hohen Norden deutlich sichtbar

Foto: STRINGER/CANADA/ REUTERS

Die Kette an tatsächlichen und angeblichen Enthüllungen reißt nicht ab: Seit tausende Forscher-E-Mails von einem Server der britischen University of East Anglia gestohlen und kurz vor dem Kopenhagener Klimagipfel veröffentlicht wurden, kommen ständig neue Details ans Licht.

Jetzt berichten britische Medien von neuen Vorwürfen gegen Phil Jones, den Leiter des betroffenen Climate Research Unit (CRU) an der University of East Anglia: Der Wissenschaftler, der sein Amt derzeit ruhen lässt, soll gemeinsam mit einem Kollegen Daten chinesischer Wetterstationen auf fragwürdige Art behandelt haben.

Auf den ersten Blick mutet der neue Vorwurf bizarr an: Es geht um die Frage, wo genau 42 Wetterstationen in ländlichen Gebieten Chinas standen. Doch das Detail ist nicht unwichtig: 1990 hatte Jones gemeinsam mit Kollegen eine Untersuchung im renommierten Fachblatt "Nature"  veröffentlicht, in der es um den Einfluss von Städten auf die Messdaten zur globalen Erwärmung ging. Da die Temperaturen in urbanen Gebieten im Durchschnitt höher sind als auf dem Land, bestand die Befürchtung, dass die Messungen verfälscht werden - etwa wenn Städte schnell wachsen und sich ländlichen Messstationen annähern.

Jones und seine Kollegen kamen jedoch zu dem Schluss, dass der Einfluss der Städte auf die gemessenen Lufttemperaturen über Land äußerst gering sei. Ihre Aussage basierte auf den Daten von 84 chinesischen Wetterstationen - und sie wurde in späteren Klimastudien regelmäßig zitiert. Auch in den aktuellen Sachstandsbericht des zuletzt ebenfalls heftig kritisierten Uno-Klimarats IPCC ist Jones' Studie eingeflossen.

Fragwürdige Geheimniskrämerei

Allerdings weigerte sich der Brite laut Berichten britischer Zeitungen, auf Wunsch von Klimawandel-Skeptikern die Positionen der insgesamt 84 Wetterstationen zu verraten, auf deren Daten die Studie basierte. Und als er sie dann 2007 doch herausgab, fehlten die Positionen von insgesamt 49 Stationen - darunter 40, die sich auf dem Land hätten befinden sollen.

In den veröffentlichten Forscher-E-Mails findet sich dazu ein Schreiben von Tom Wigley, dem ehemaligen CRU-Chef, an Jones. Darin übt Wigley scharfe Kritik an seinem damaligen Untergebenen und dem US-Forscher Wei-Chyung Wang, der an der umstrittenen "Nature"-Studie beteiligt war. Er habe immer schon geglaubt, dass Wang ein "schlampiger Forscher" sei, schrieb Wigley an Jones: "Ich wäre deshalb nicht überrascht, wenn er es hier vermasselt hätte." Er vermute, dass die fehlenden Positionsdaten gar nicht existierten. "Warum, warum, warum habt ihr das nicht einfach von Anfang an gesagt?", erregt sich Wigley in der E-Mail.

Zwar hat Wangs Universität die Vorgänge untersucht und den Forscher danach vom Verdacht der Datenfälschung freigesprochen. Für Skeptiker, die den Klimawandel schon immer für eine globale Verschwörung von Wissenschaftlern und linken Aktivisten gehalten haben, sind die immer neuen Berichte über die gestohlenen E-Mails dennoch ein Fest.

Auch die britischen Behörden missbilligen die Geheimniskrämerei der Forscher an der University if East Anglia. Ende Januar rügte das Büro des Information Commissioners, die oberste britische Datenschutzbehörde, das Verhalten der Forscher am CRU: Ihre Weigerung, auf Verlangen von Kritikern die Originaldaten herauszugeben, sei rechtswidrig gewesen. Mit Strafen müssen die Wissenschaftler dennoch nicht rechnen, weil die Vorgänge inzwischen verjährt sind.

Experten halten Kritik an gesamter Klimaforschung für absurd

Dass mögliches Fehlverhalten bei einer 20 Jahre alten Studie aber die Glaubwürdigkeit der Klimaforschung insgesamt in Frage stelle, wie von manchen Kritikern behauptet, halten Wissenschaftler für reichlich absurd. Tatsächlich geht selbst in den seriösen britischen Zeitungen wie dem "Independent" oder dem "Guardian" die Tatsache unter, dass die Messungen des städtischen Wärmeeffekts nicht mit dem Jahr 1990 eingestellt wurden. Vielmehr ist seitdem eine ungeheure Menge neuer Daten hinzugekommen. Erst Ende Dezember 2009 legte der britische Klimaforscher David Parker eine Überblicksstudie zu den bisherigen Ergebnissen  vor. Sein Urteil: "Die globalen oberflächennahen Temperaturen wurden durch städtische Erwärmungstrends nicht besonders stark beeinflusst."

"Solche Ergebnisse zeigen, dass der Wärmeinsel-Effekt nur in Städten auftritt", sagt Peter Werner, Meteorologe am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Auf dem Land gibt es ihn kaum, und im Ozean schon gar nicht." Dennoch haben sich die Weltmeere nachweislich aufgeheizt - und das zuletzt immer schneller. Auch Satellitenmessungen haben den Anstieg der Temperaturen nachgewiesen.

Auch anderswo sind die Folgen des Klimawandels zu beobachten: Die Vegetationsphase etwa hat sich in Westeuropa um 14 Tage verlängert, die Lebensräume von Tieren haben sich verschoben. Ohne eine tatsächliche Veränderung der Temperaturen sei das kaum zu erklären, sagt Werner: "Tiere und Pflanzen schauen nicht aufs Thermometer."

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