Eiszeit Mensch als Mammutkiller entlastet

Bei der Invasion Nordamerikas sollen Steinzeitmenschen Mammut und Wildpferd den Garaus gemacht haben. Diese düstere Hypothese glaubt ein Forscher aus Alaska widerlegt zu haben. Er sieht den Homo sapiens als Schönwetter-Eindringling, das Mammut als Opfer des Klimawandels.


Der weltweite Klimawandel hatte sich gewaschen: Die Gletscher schmolzen ab, das Meer füllte sich. Tiere mit possierlichem Fell starben aus. So geschehen am Ende der letzten Eiszeit in Nordamerika, an der Zeitengrenze von Pleistozän zu Holozän, vor rund 13.000 Jahren.

Autos und Kraftwerke waren unbekannt, darum wirft niemand den Eiszeitmenschen vor, sie hätten einen Treibhauseffekt ausgelöst. Aber Mammuts und Wildpferde, vermuteten Wissenschaftler bislang, seien von Menschen ausgerottet worden, während diese sich über die Beringstraße nach Amerika hinein ausbreiteten - die Einwanderer als Großsäuger-Killer.

Dale Guthrie von der University of Alaska in Fairbanks hat sich die Überreste des späteiszeitlichen Zoos angesehen und zeichnet nach einer Altersbestimmung ein anderes Bild.

Das genaue Alter von mehr als 600 Knochenresten von fünf Großsäugerarten aus Alaska und der kanadischen Provinz Yukon zeigte: Die Bestände des Bisons und des Wapiti-Hirschs vermehrten sich sowohl vor als auch nach der menschlichen Invasion. Just von diesen Tieren fanden Archäologen besonders viele Beuteknochen nahe steinzeitlicher Lagerstätten - wenn der Urmensch seine liebsten Beutetiere nicht einmal dezimierte, konnte er wirklich Bison und Urpferd ausrotten? "Die Kombination meiner Daten führte zu einigen verblüffenden Schlüssen", sagte Guthrie SPIEGEL ONLINE.

Daten widersprechen drei populären Theorien

Guthrie schreibt im Wissenschaftsmagazin "Nature", das aufgrund seiner Daten drei populäre Theorien über das Massensterben während des Übergangs vom Pleistozän zum Holozän nicht mehr haltbar sind:

  • Mega-Krankheit: Für die Theorie, nach der eine besonders aggressive Virusepidemie die Großsäuger dahin gerafft hat, fehle jeder Beleg. Denn sie seien alles andere als gleichzeitig ausgestorben oder geschrumpft.
  • Keystone-die-off: Ein besonders mächtiger Grasfresser habe als Schlussstein (keystone) das Ökosystem im Gleichgewicht gehalten, indem er beständig die Tundra niedrig fraß, nämlich das Mammut. Mit der Ausrottungsjagd auf das Riesenvieh hätten dann die Menschen das ganze System ins Wanken gebracht - und weitere Tiere ins Aus. Auch dafür gebe es keine Belege, schreibt Guthrie. So sei das Wildpferd gar vor den Mammuts ausgestorben, wahrscheinlich ein Jahrtausend früher.
  • Blitzkrieg: Durch ihre schiere Masse hätten die eindringenden Homo sapiens die vorhandenen Großsäuger so arg dezimiert, das einige ausgestorben, alle aber wenigstens zurückgedrängt worden seien. Das könne nicht sein, folgert Guthrie, schließlich hätten die Zahlen von Wapiti und Bison ja zugenommen.

Viele Großsäuger seien während eines kurzen Zeitfenster vor mehr als 10.000 plötzlich zahlreicher vorgekommen als zuvor oder hernach, fand der Biologe heraus. So zeichnet er nach Kohlenstoff-14-Datierung der Knochenfunde, zusätzlicher Analyse von Blütenpollen und dem Vergleich mit archäologischen Funden folgendes Bild:

Wie die Elche, die wärmeres feuchteres Klima immer weiter in den Nordosten Asien gelockt hätte, seien auch die späteiszeitlichen Menschen regelrecht in einem rund tausend Jahre andauernden Zeitfenster lieblicher Bedingungen über die Beringstraße geschwappt und hätten sich in Amerika ausgebreitet - zusammen mit anderen Säugetieren. "Der Impuls dieses günstigen Zeitfensters ist vielleicht unterschätzt worden", sagte Guthrie.

Als dann die Umweltbedingungen harscher wurden, starben die Mammuts aus, weil sie an die sich ändernde Tundra schlechter angepasst waren als Hirsch, Elch und Mensch. Der sich ändernde Bodenbewuchs habe die riesigen Grasfresser schlicht nicht mehr ernährt. Die Jagd, und damit der steinzeitliche Mensch, habe dabei bestenfalls eine Nebenrolle gespielt.

stx



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