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Wetterwende: El Niño weicht La Niña

Foto: NOAA/ NESDIS

Weltwetterwende Der Klimaschurke killt sich selbst

Dürre, Stürme, Stromausfälle: El Niño hat so stark gewütet wie selten. Jetzt hat sich das Wetterphänomen selbst den Garaus gemacht - eine dramatische Wetterwende steht bevor.

"Monster", "Biest", "Godzilla" - fallen auf wissenschaftlichen Tagungen solche Wörter, dann muss etwas Besonderes passiert sein. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geoforscher in Wien (EGU) waren die Begriffe für ein aktuelles Wetterphänomen reserviert: für El Niño.

El Niño habe den Pazifik aufgeheizt wie kaum je seit Beginn der Aufzeichnungen. Globale Hitzerekorde und Unwetter waren die Folge. Im März 2015 war er aufgezogen , im August wurde er zum Extrem erklärt .

Doch jetzt hat sich der Wetterschurke selbst den Garaus gemacht - eine dramatische Weltwetterwende stehe bevor, prophezeien Forscher.

El Niño ist Teil einer Wetterschaukel, die alle paar Jahre hin- und herschwingt. Normalerweise pressen Passatwinde das Wasser des Pazifiks von Osten nach Westen; vor den Philippinen steht der Meeresspiegel deshalb knapp einen Meter höher als vor Chile.

Katastrophen weltweit

Im Westen ist der Ozean dann etwa acht Grad wärmer. Vor Südamerika aber wird der Weg frei für kühles nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe, es quillt an die Oberfläche - und sorgt für Fischreichtum.

Bei einem El Niño flauen die Passatwinde ab, das warme Wasser aus Asien schwappt zurück. Aus der Tiefe wälzt sich eine gigantische Warmwasserwelle nach oben und legt sich als Deckel auf das nährstoffreiche Tiefenwasser. Schließlich entlässt der Pazifik riesige Mengen Wärme in die Luft.

Die Folgen offenbarten sich in den letzten Monaten auf dramatische Weise. Auf der EGU-Tagung zogen Forscher Bilanz:

  • Länder in Mittelamerika, etwa Honduras, Guatemala und El Salvador , erlebten katastrophale Dürre. El Salvador rief vergangene Woche den Trinkwassernotstand aus.
  • Auch Ernteschwund in Südafrika, Australien, Neuseeland, Indonesien, Chile, Indien und Japan dürfte im Wesentlichen El Niños Schuld sein.
  • In Indonesien brannten aufgrund der Dürre monatelang Wälder, die Feuer verwüsteten riesige Landstriche.
  • Vor Südamerika blieben die Fischschwärme aus, Robben und Seevögel verhungerten; die Fischerei litt.
  • In Südafrika starben aufgrund der Dürre Tausende Wildtiere.
  • Das tropische Wasser heizte sich so stark auf, dass sich symbiotische Algen von Korallen lösten, sodass ganze Korallenriffe erbleichten; etwa im Great Barrier Reef vor Australien . Wie gut sie sich nach der Abkühlung des Ozeans erholen werden, ist unklar.
  • Paraguay erlebte Überflutungen wie seit Jahrzehnten nicht.
  • Die ozeanische Hitze ließ über dem Pazifik gewaltige Mengen Wasserdampf aufsteigen, dessen Wärmeenergie so viele Taifune und Hurrikane über den Pazifik entfachte wie selten zuvor. Schwer getroffen wurden unter anderem die Philippinen und zahlreiche Südseeinseln .
  • Venezuela meldet Stromengpässe, weil der Pegel des größten Wasserkraftwerks aufgrund der Dürre stark gesunken ist.
  • Ob die katastrophale Hungersnot in Äthiopien auch mit El Niño zusammenhängt, ist unklar - die Fernwirkungen des pazifischen Klimaphänomens sind oft schwer zu deuten .
Gewöhnliche Auswirkungen von El Niño

Gewöhnliche Auswirkungen von El Niño

Foto: SPIEGEL ONLINE; Munich RE

El Niño brachte aber auch Vorteilhaftes :

  • In Kalifornien fiel der ersehnte Regen , er füllte die von Dürre geleerten Trinkwasserreservoire .
  • Der Winter an der Westküste der USA und Kanadas verlief so mild , dass Heizkosten und Energie gespart wurden.
  • Die pazifische Wärme fachte Scherwinde an, die über dem Atlantik Hurrikane zerzausten, bevor die richtig aufdrehen konnten - hier herrschte Hurrikanflaute .

Ob El Niño aber tatsächlich einen Allzeitrekord seit Beginn der Messungen aufgestellt habe, sei unklar, berichtete Michelle L'Heureux vom US-amerikanischen Wetterdienst NOAA auf der EGU-Tagung. Im Ostpazifik seien während der El Niños 1997 und 1982 noch höhere Temperaturen gemessen worden, im Westpazifik aber wurden diesmal Messrekorde gebrochen (siehe Grafiken in der Bilderstrecke ).

Die pazifische Hitze trieb jedenfalls die globale Durchschnittstemperatur zu Höchstständen: Das vergangene Jahr war das wärmste seit Beginn der Messungen vor 136 Jahren. Die letzten elf Monate stellten jeweils Rekorde auf.

Jetzt scheint Schluss zu sein; El Niño hat sich gewissermaßen selbst gekillt: Weil er besonders viel Wasser in den Ostpazifik schwappen ließ, dürfte sein Ende besiegelt sein. Denn nun schwappt die Welle umso stärker nach Westen zurück.

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Klimaforschung: Rätselvoller Wandel

Foto: Corbis

Sie erwarte, dass sich El Niño schon im Herbst in sein Gegenteil verkehren werde, sagt Michelle L'Heureux - La Niña werde aufziehen.

Starke El Niños seien aufgrund ihrer Wucht rasch in die Kältephase gekippt, berichtete NOAA-Mann Mike McPhaden auf dem Treffen in Wien. Nach dem letzten Super-El-Niño hätte sich im Frühjahr 1998 der tropische Pazifik binnen eines Monats um acht Grad abgekühlt.

Schon jetzt zeigen Satellitenmessungen eine Zunge kühlen Wassers, die im Ostpazifik vor Mittelamerika erschienen ist (siehe Grafiken in der Bilderstrecke ). Auch im Westen des Ozeans sei die Warmwasserschicht bereits auf 50 Meter ausgedünnt, berichtet McPhaden. Aus der Tiefe dringe eine Kaltwasserwalze.

Auch mit La Niña droht Ungemach

Der erwarteten Abkühlung zum Trotz erwartet der Klimachef der Nasa, Gavin Schmidt, dass 2016 global das wärmste Jahr seit Beginn der Messungen wird. Die ersten drei Monate des Jahres seien so viel wärmer gewesen als normal, dass selbst La Niña den Rekord nicht mehr verhindern könne.

Aber La Niña bringt keine Entwarnung, ein starkes Exemplar würde wiederum Unwetter aufziehen lassen: Etwa Starkregen in Nordost-Australien und Südostasien, mit Erdrutschen und Überschwemmungen.


Zusammengefasst: Das Wetterphänomen El Niño hat in den vergangenen Monaten so schwer gewütet wie selten zuvor. Forscher listen die entstandenen Katastrophen durch Dürren und Stürme in der Pazifikregion auf. Nun scheint die pazifische Wetterschaukel ins andere Extrem umzuschlagen - La Niña kommt. Wieder wären Unwetter die Folge.

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