Änderung des Weltwetters El Niño blamiert Meteorologen

Vier Jahre lang wurde El Niño vorhergesagt - erst jetzt ist das Wetterphänomen über dem Pazifik aufgezogen. Auf dem halben Globus könnte sich die Witterung entscheidend ändern.
Wassertemperaturen (SST) weltweit von März 2014 bis Februar 2015: Zu sehen sind die Durchschnittswerte jeder Woche in Grad Celsius (siehe Farbskala) - El Niño zeigt sich in der Erwärmung des Pazifiks (Mitte des Bildes, zunehmend rot)

Wassertemperaturen (SST) weltweit von März 2014 bis Februar 2015: Zu sehen sind die Durchschnittswerte jeder Woche in Grad Celsius (siehe Farbskala) - El Niño zeigt sich in der Erwärmung des Pazifiks (Mitte des Bildes, zunehmend rot)

Foto: NOAA

Hamburg - Selten wurden Meteorologen dermaßen vorgeführt. Seit vier Jahren haben sie nahezu monatlich die gleiche Prognose veröffentlicht: In Kürze werde El Niño im Pazifik aufziehen. Die Vorhersage des Phänomens ist die wichtigste Wetterprognose der Welt, denn sie betrifft den halben Globus.

Forscher feierten im Juli 2013 gar einen "Durchbruch bei der El-Niño-Vorhersage" ; sie meinten El Niño für 2014 vorhersagen zu können . Ein Irrtum.

Vergangenen Juni hoben die Experten die Wahrscheinlichkeit für El Niño gar auf 80 Prozent. Prompt fürchteten englische Fußballfans Nachteile für ihre Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Brasilien. Doch El Niño hat weitaus ernstere Folgen (siehe Grafik).

Indes: Der Klimarowdy blieb weg. "El Niño oder La Nada?", also "El Niño oder das Nichts?", spottete die "Washington Post".

Zuletzt waren die Prognosen deutlich vorsichtiger geworden - und plötzlich ist er da: Im Pazifik herrschten El-Niño-Verhältnisse, das Meer habe sich deutlich erwärmt, meldet der US-amerikanische Wetterdienst NOAA. Üblicherweise ändert sich daraufhin das Wetter in großen Teilen der Welt.

Weltweite Auswirkungen von El Niño

Weltweite Auswirkungen von El Niño

Foto: Munich RE / DER SPIEGEL

El Niño ist Teil einer Wetterschaukel, die alle paar Jahre hin- und herschwingt. Normalerweise pressen Passatwinde das Wasser des Pazifiks von Osten nach Westen; vor den Philippinen steht der Meeresspiegel deshalb knapp einen Meter höher als vor Chile. Im Westen ist der Ozean dann etwa acht Grad wärmer. Vor Südamerika aber wird der Weg frei für kühles nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe, es quillt an die Oberfläche - und sorgt für Fischreichtum.

Kaputte Bojen

Bei einem El Niño flauen die Passatwinde ab, sodass das warme Wasser aus Asien zurückschwappt und sich wie ein Deckel auf das nahrungsreiche Tiefenwasser legt. Vor Südamerika bleiben folglich die Fischschwärme aus, daraufhin verhungern Seevögel und Robben zu Abertausenden; auch die Fischerei leidet.

Vielerorts steigen die Preise für Lebensmittel: Die veränderten Meerestemperaturen sorgen dafür, dass sich Regengebiete verlagern: Dürren drohen im Westen des Pazifiks, wo nun weniger feuchtwarme Luft aufsteigt, um Regenwolken zu bilden. Die Ernte wird knapper. Das dürregeplagte Kalifornien und andere Regionen im Osten des Ozeans hingegen können bei El Niño mit mehr Niederschlag rechnen.

Der aktuelle El Niño und einhergehende Wetteränderungen aber würden diesmal wohl schwach ausfallen, erklärt die NOAA. Die Qualität der Prognose muss jedoch bezweifelt werden. Die verfehlten Vorhersagen der vergangenen Jahre zwängen die Forschung, ihre Methoden zu überdenken, sagte NOAA-Experte Gabriel Vecchi dem Magazin "Nature".

Als größtes Problem der El-Niño-Prognose erwies sich, die Abschwächung der Passatwinde vorherzusagen. Hinzu kommt, dass zahlreiche Messbojen seit Jahren ausgefallen sind, die Veränderungen der Meerestemperatur aufspüren sollen.


Anmerkung des Autors: In einer früheren Version dieses Artikel hatte gestanden, El-Niño-Prognosen von 2013 mit neuen Methoden seien gescheitert. Eine Prognose von 2013  der Universität Gießen und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, die mit neuer Methode einen El Niño für 2014 prognostizierte, ist nach Meinung ihrer Autoren aber zutreffend: Weil von El Niño erst gesprochen werde, wenn fünf Dreimonatsperioden hintereinander El-Niño-Temperaturen im Pazifik herrschten, habe der El Niño bereits im Oktober 2014 begonnen. Allerdings hatte die NOAA noch im Februar festgestellt  , dass die Windverhältnisse einem El Niño widersprechen würden, mithin kein El Niño herrschte. Die Fachwelt wird entscheiden, ob die Prognose von 2013 eingetroffen ist.

Nachtrag am 14. August 2015: Die NOAA hat ihre Daten nachträglich korrigiert . Demnach war der Pazifik von Januar bis März kühler als zunächst von der NOAA berichtet. Die Temperatur fällt damit unter die El-Niño-Schwelle. Folglich war auch die Prognose der Forscher aus Gießen und Potsdam unzutreffend; allerdings liegt noch keine wissenschaftliche Bewertung vor. Mehr noch: Auch die NOAA-Diagnose des El Niño im März war den neuen Daten zufolge falsch.

Nachtrag, April 2016: Der El Niño hat laut NOAA nun offiziell erst im März 2015 eingesetzt . Alle Prognosen lagen also schließlich daneben.

Nachtrag, August 2016: Die NOAA hat ihre El-Niño-Historie erneut korrigiert. Demnach  begann El Niño nun doch bereits im Herbst 2014. Die Prognose der Forscher aus Gießen und Potsdam, die den Start für 2014 vorhersagte (siehe oben), lag demnach also doch richtig.

Der Autor auf Twitter:

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.