Fotostrecke

Elefanten-Station in Kenia: Ein Rettungsschirm für kleine Dickhäuter

Foto: Michael Nichols

Elefanten in Kenia Waisenhaus für kleine Giganten

In Kenia retten engagierte Tierschützer verwaiste Elefantenjungen. Die meisten überleben und können später durch die Wildnis streifen. Die Pfleger sind von der Intelligenz der Tiere immer wieder beeindruckt - und davon, dass ehemalige Schützlinge zu Besuch in die Aufzuchtstation kommen.
Von Charles Siebert

Einst durchstreiften die größten Landtiere der Welt Afrika auf uralten, tief in ihrem Gedächtnis verankerten Wegen. Heute werden sie in schrumpfende, zunehmend zerstückelte Reviere zurückgedrängt.

Wenn sie nicht wegen ihres Elfenbeins und ihres Fleisches gejagt werden, machen ihnen Dürren und die wachsende menschliche Bevölkerung zu schaffen. Im Jahr 1979 wurden 1,3 Millionen Afrikanische Elefanten gezählt. Heute gibt es gerade noch etwa 500.000.

Die Stiftung David Sheldrick Wildlife Trust ist die weltweit erfolgreichste Rettungs- und Auswilderungsstation für Elefantenwaisen. Sie nimmt Jungtiere aus ganz Keniaauf, deren Mutter von Wilderern getötet wurden. Oder von Bauern, die um ihre Ernte fürchteten. Die Waisen werden hier großgezogen, bis sie nicht mehr auf flüssige Nahrung angewiesen sind.

Zu den Neuankömmlingen in der Aufzuchtstation in Nairobi gehört das Elefantenkalb "Murka". Als es in der Nähe des Tsavo-Nationalparks aufgefunden wurde, klafften zahlreiche Beil- und Speerwunden in seinem Rücken und an seinen Flanken, ein Speer steckte zwischen seinen Augen. Die Spitze war 25 Zentimeter tief eingedrungen und hatte die Nasennebenhöhlen zerrissen. "Murka" konnte mit dem Rüssel nicht mehr trinken, in den Wunden wimmelten Maden. Ihre Mutter war vermutlich von Wilderern getötet worden. Danach hatten wohl Massai das einjährige Kalb attackiert - aus Ärger darüber, dass sie Teile ihres Weidelands an den Park hatten abtreten müssen.

Der schlimmste Feind ist zugleich die einzige Hoffnung

Ein mobiles Team von Tierärzten narkotisierte das Elefantenbaby, reinigte seine Wunden und entfernte den Speer. Der schlimmste Feind der Elefanten - der Mensch - ist zugleich ihre einzige Hoffnung. Dieser Umstand bewog Daphne Sheldrick zur Gründung des Waisenhauses. Sie hat den größten Teil ihres Lebens damit verbracht, sich um hilflose junge Wildtiere zu kümmern. Aber keine Tierart liegt ihr so am Herzen wie die Elefanten. "Wir müssen den Jungtieren das bieten, was sie in freier Wildbahn auch hätten. Im Prinzip ist jede Herde wilder Elefanten ein einziger hochempfindlicher Organismus." Die Jungtiere halten sich stets in der Nähe ihrer Mutter und des Familienverbands auf, erst wenn sie 14 Jahre alt sind, gehen die jungen Bullen eigene Wege.

Ein Kalb in Gefahr oder mit einer Verletzung wird von allen anderen Elefanten umsorgt und beschützt. Ein komplexes Kommunikationssystem verstärkt diesen Zusammenhalt. Sind die Elefanten nahe beieinander, benutzen sie viele Laute: tiefes Grummeln, hohes Quieken und Trompetentöne. Dazu kommen visuelle Signale. Mithilfe von Rüssel, Ohren, Kopf und Schwanz drücken sie eine Vielzahl von Emotionen aus. Wenn einer der ihren stirbt, zeigen die anderen Elefanten einer Familie Zeichen von Trauer.

"Sie sind deprimiert und traurig"

Besonders hat Daphne Sheldrick beeindruckt, wie schnell selbst stark traumatisierte Kälber im Waisenhaus die komplizierten sozialen Beziehungen der Wildherde wieder aufnehmen.

"Die Kühe verhalten sich bereits als Jungtiere mütterlich. Immer wenn ein neues Baby zu uns kommt, besuchen es die anderen und betasten es tröstend mit ihrem Rüssel. Sie haben ein großes Herz. Die Elefanten sind uns sehr ähnlich", sagt Sheldrick. "Sie haben die gleichen Gefühle wie wir. Sie haben Angehörige verloren, mussten das Abschlachten ihrer Mütter mit ansehen und kommen voller Aggressionen hierher. Sie sind deprimiert und traurig. Sie leiden unter Alpträumen und Schlaflosigkeit."

Das gespannte Verhältnis zwischen Elefanten und Menschen hat neuerdings an Bedeutung gewonnen, denn es gibt immer mehr wissenschaftliche Beweise für die außerordentliche Intelligenz dieser Tiere. Diese Gemeinsamkeiten der Biologie haben Wissenschaftler veranlasst, seelisch verwundete Elefantenkälber auf Anzeichen einer Posttraumatischen Belastungsstörung hin zu untersuchen.

Zwischen Liebe zu den Pflegern und wahrer Natur

Bis heute hat Sheldricks Zentrum mehr als hundert Elefantenwaisen aufgezogen. Bei ihrer Rückkehr in die Wildnis zögern sie anfangs, sind vorsichtig und misstrauisch. Sie fühlen sich in gewisser Weise als zu den Menschen gehörig und sind hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu ihren Pflegern und dem Ruf ihrer wahren Natur. Manche kehren nach ein paar Nächten zur Station zurück, wie Kinder, die bei Schulkameraden übernachtet haben. Andere dagegen kommen nicht wieder. Sie werden mit der Zeit vollwertige Mitglieder ihrer neuen, wilden Familie.

"Loijuk" zum Beispiel hatte es so eilig, sich einer Wildherde anzuschließen, dass sie zweimal mit dem Rüssel das Tor der Ithumba-Station öffnete und fortlief. Einige Monate nach ihrem zweiten Ausbruch war sie Mitglied einer Herde aus ehemaligen Waisen. Der dreijährige "Irima" überlegte es sich dagegen irgendwann anders. Er bekam noch ab und zu die Flasche, als er sich einer Wildherde in der Nähe der Auswilderungsstation Voi anschloss.

Es kommt sogar vor, dass ausgewilderte Waisen ihre Menschenfamilie noch nach Jahren in der Station besuchen. Die Elefantenkuh "Emily" zum Beispiel war 1993 in das Waisenhaus in Nairobi gekommen. Im Dezember 2008 erschien sie mit ihrer Herde und einem Überraschungsgast in Voi. "Sie hatte am Tag zuvor in der Nähe ein Kalb zur Welt gebracht", erzählt Sauni. "Sie führte es hierher, um uns das Neugeborene vorzustellen. Wir gaben ihm den Namen 'Eve'."

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter Nationalgeographic.de/elefantenwaisen .