Elefanten-Waisen Liebe und Kokosnussöl von "Mama Tembo"

Todgeweihte Elefanten-Waisen haben in Kenia wieder eine Zukunft. Auf einer einzigartigen Pflegestation päppelt die 68-jährige Engländerin Daphne Sheldrick die Tierbabys hoch - mit viel Körperkontakt und einer Spezialmilch.

Von , Nairobi


Anhänglich: Elefanten-Waisen suchen immer wieder die Nähe ihrer Pfleger
Alwin Schröder

Anhänglich: Elefanten-Waisen suchen immer wieder die Nähe ihrer Pfleger

Wilderer machten Loisaba zur Waise. Als das kleine Elefanten-Mädchen auf dem Gelände einer großen Ranch in Kenia gefunden wurde, hatte es eine kreisrunde Schussverletzung im Ohr, die mittlerweile völlig verheilt ist. Yatta wurde kurz nach ihrer Geburt in Tsavo-Ost entdeckt, man fand sie völlig verstört nicht weit von ihrer Mutter entfernt, die von Wilderern erschossen worden war. Natumi war zwei Monate alt, als sie mit ansehen musste, wie Jäger ihrer Mutter die begehrten Stoßzähne aus dem massigen Körper schnitten. Immer wieder befühlte sie danach den Kadaver, bis ein Wildhüter das fast verhungerte Elefanten-Kalb fand und es auf eine Farm in der Nähe der Hauptstadt Nairobi brachte.

Jeden Tag 18 Liter Milchersatz

Loisaba, Yatta und Natumi sind nur einige der Waisen, die bei Daphne Sheldrick ein neues Heim fanden. Seit mehr als dreißig Jahren kümmert sich die in Kenia geborene Britin mit ihren Helfern um Elefantenkinder, die durch die Gier der Menschen nach dem Elfenbein ihre Eltern verloren. Eigentlich galt es als unmöglich, kleine Elefanten überhaupt ohne die Fürsorge ihrer Mutter und der Herde in Menschenobhut groß ziehen zu können.

Fürsorge: Die Pfleger kümmern sich rund um die Uhr um die kleinen Elefanten
Alwin Schröder

Fürsorge: Die Pfleger kümmern sich rund um die Uhr um die kleinen Elefanten

Um zu überleben, brauchen die Elefantenbabys pro Tag bis zu 18 Liter Milchersatz. Zunächst versuchten Pfleger es mit Kuhmilch, aber davon bekamen die Tiere, die schon bei der Geburt über hundert Kilogramm wiegen und ungefähr einen Meter hoch sind, heftige Koliken. Manche starben Sheldrick und ihren Helfern unter den Händen weg. "Es war schrecklich“, berichtet sie. Den kleinen Elefanten fehlten die Antikörper, die sie in freier Wildbahn über die Muttermilch aufnehmen und die ihr Immunsystem stärken.

Aber Sheldrick und ihre Helfer gaben nicht auf. Nach zahlreichen vergeblichen Versuchen brachte eine Milchmischung auf Kokosnussöl-Basis den Erfolg. Seitdem wurden auf der kleinen Farm im Nairobi Nationalpark schon mehr als vierzig Elefanten-Waisen gerettet und wieder in die Freiheit entlassen.

Die Pfleger schlafen bei den Tieren

"Mutter der Elefanten": Daphne Sheldrick
REA

"Mutter der Elefanten": Daphne Sheldrick

Das Projekt von Daphne Sheldrick, die in Kenia geboren wurde, besteht aus zwei Stationen: In den ersten drei Lebensjahren werden die kleinen "grauen Riesen" auf der Farm bei Nairobi betreut - 24 Stunden lang, jeden Tag. Denn die Waisen suchen mit ihren Rüsseln ständig den Körperkontakt zu ihren liebevollen Pflegern, die sogar mit ihnen in den Stallungen die Nacht verbringen und auch immer wieder tröstende und beruhigende Worte für die traumatisierten Tiere finden. Und auch am Tage folgen die kleinen Elefanten ihren Betreuern nahezu jede Minute - oft in eine Decke eingehüllt, damit die empfindliche Haut keinen Schaden nimmt. In der Wildnis würde ihre Mutter sich darum kümmern und die kleinen Körper mit Sand einreiben.

Wenn die Elefanten-Waisen von der Flasche entwöhnt sind, werden sie mit einem Lastwagen in den rund 300 Kilometer entfernten Nationalpark Tsavo-Ost gebracht, wo Sheldrick eine weitere Pflegestation aufgebaut hat. Ihr 1977 verstorbener Ehemann David machte sich um Tsavo-Ost ähnlich verdient wie der berühmte Bernhard Grzimek um die Serengeti in Tansania.

In Tsavo sollen die Elefanten-Waisen Schritt für Schritt wieder an die Wildnis gewöhnt werden. Den größten Teil des Tages verbringen die Tiere deshalb mit ihren Pflegern in der Savanne, erst am Abend geht es zurück in das Gehege, wo sie vor den Angriffen von Löwen geschützt sind.

Mit etwa zehn Jahren verlassen sie dann die Menschen und werden Mitglied einer der wilden Elefantenfamilien in dem Reservat. Offenbar haben sich die Tiere schon mit ihrer unterhalb der menschlichen Hörgrenze liegenden Infraschall-Sprache verständigt, was auch über große Distanzen möglich ist.

Das dreckige Geschäft mit dem "weißen Gold“

Mit ihrem Projekt trägt auch Daphne Sheldrick dazu bei, das Überleben der Elefanten in Afrika überhaupt zu sichern. Von den einst rund zwei Millionen Dickhäutern auf dem Kontinent gibt es heute nur noch rund 600.000 Tiere. Besonders in den siebziger und achtziger Jahren hatten Wilderer die Elefanten wegen ihrer Stoßzähne aus Elfenbein niedergemetzelt. Das Geschäft mit dem "weißen Gold“ funktioniert auf Schwarzmärkten immer noch, obwohl der internationale Handel 1990 offiziell verboten wurde. Ein einzelner Stoßzahn bringt bis zu 600 Euro.

Sheldricks einzigartiges Projekt wird durch Spenden und Patenschaften für die Waisen finanziert. In Deutschland unterstützt zum Beispiel der Verein "Rettet die Elefanten Afrikas" die Arbeit in Kenia. Immer wieder werden Daphne Sheldrick, die in Kenia längst "Mama Tembo" ("Mutter der Elefanten“) genannt wird, verängstigte Waisen gebracht. Sheldrick: "Wenn du so einen kleinen Elefanten in seinem Leid siehst, kannst du nicht Nein sagen. Sie weinen, wenn sie traurig sind. Sie können sich aber auch unbändig freuen. Einmal lieb gewonnen, vergessen sie einen ihr ganzes Leben nicht.“



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